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Einmal Chemnitz. Immer Chemnitz.

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Und dabei begann alles so unschuldig. Im März bekam ich hohen Besuch hier im beschaulichen Arvidsjaur. Anna und Markus – zwei Studienfreunde aus Chemnitzer Zeiten gaben sich die Ehre, mich bei ihrer Schwedenrundreise zu berücksichtigen. Empfänglich für nordschwedische Sehenswürdigkeiten wollten sie beeindruckt werden. Den Anspruch wollte ich als Lapplands charmanteste Reiseleiterin der Herzen mit der goldenen Anstecknadel für Kundenzufriedenheit natürlich gerne erfüllen.

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Mittwoch:

Um alte Zeiten zu glorifizieren legte ich erstmal Kraftklub auf, als ich meinen Besuch völlig entkräftet vom Arvidsjauer Busbahnhof (ja, der existiert tatsächlich) abholte. Die vergangene Nacht verbrachten sie in einem Schlafwagon mit einem sehr zwielichtigen Russen. Viel redeten sie nicht darüber, ich hoffe einfach, niemand von ihnen wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Nachdem sie sich in Göteburg in einem 4-Sterne-Hotel am Portal vorbei schummelten und dort residierten, wollte ich sie auf den Boden der Tatsachen zurückholen und sie vor einem Versnoben bewahren. Große Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg können wir uns schließlich nicht machen. Außer Markus vielleicht. Der wird ja jetzt Inschenör.

Arvidsjaur platzt in diesen Tagen aus allen Nähten. Cartester aus verschiedenen Nationen, vorrangig aber aus Deutschland bevölkern sämtliche Hotels und Privatwohnungen. Die Hostels unserer Auslandspraktikanten waren ebenfalls alle belegt. In einem der beiden Hostels konnte ich aber noch ein Zimmer buchen, das Teilnehmer normalerweise nicht bekommen, da es die Etikettierung „Nicht schön, aber selten“ verdient. Aber gut, so waren sie gleich nah am Volk. Drei Jahre Chemnitz haben sie auf das, was sie erwartete hinreichend vorbereitet.

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Ein bißchen Glamour sollte ihr erster Abend trotzdem bekommen, damit der Kulturschock nicht zu groß ist. Wir gingen also chic essen. Im Restaurant Venus* [*Hinweis: der Name wurde von mir geändert um bestimmte, dort beschäftigte Erscheinungen nicht öffentlich zu dissen. Inhaltlich passt’s aber genauso gut und Markus fand den eh schöner]  wollten wir mit viel zu großen Pizzen dekadent auf den Putz hauen. Nun bin ich ja schon ein Weilchen in Schweden und beherrsche einen gewissen Grundschatz der Landesprache. Besonders überlebensnotwendiges wie Nahrungsbeschaffung. Frohen Mutes redete ich also auf Schwedisch los (wie ich es im Übrigen immer in diesem Etablisment tat und bisher auch immer eine erfolgreiche Kommunikation zustande kam) und erhielt konsequent (das muss man ihr lassen) englische Antworten wie auch eine englische Speisekarte. Ich war des Schwedischen nicht würdig. Das war ein herber Rückschlag in meinem Auslandsjahr. Vorgeführt vor meinen Freunden. Zum Glück sieht man sich immer zwei Mal im Leben, wie ich an späterer Stelle noch erläutern werde. Doch drei Frohnaturen wie wir lassen sich nicht den Abend durch eine Dummtröte vermiesen und schon gar nicht eine Woche voller Abenteuer – zumal schon die nächsten kulturellen Highlights warteten.

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Freitach:

Für den Freitagaben hatte ich etwas Waghalsiges vor. Ich habe zwei Ingenieure der Sorte „Cartester“, zwei Europastudenten, einen in feindliche Lager Gewechselten und eine Sozialarbeiterin in meine Küche gesteckt um zu gucken, was passiert. Nach sieben Monaten nordschwedischer Einöde lechzte Etwas in mir nach etwas Spannendem, was zum Spielen und Schokolade.

Schokolade wurde mir mitgebracht. Der Rest ergab sich.  Entgegen anfänglicher Sorgen, meine Gäste würden sich vielleicht nicht verstehen, entpuppte sich der Abend als äußerst angenehm. Es gab selbtgekochtes schwedisches Essen und  hin und wieder einen Clip aus deutschem Unterschicht-TV. Nachtischtechnisch wurden wir mit Semlor (eine Art Hefeteig-Windbeutel mit Kadamom, Sahne und Mandelmasse), Kanelbullar (Zimtschnecken) und Kaffee (Kaffee) versorgt.

Voller Tatendrang durch zu viele Endorphine vom Zucker und zu viel Lachen über Frauentausch und Mitten im Leben beschlossen wir, uns zu einem Aussichtspunkt aufzumachen, um nach Nordlichtern Ausschau zu halten. Auf dem eher etwas engen Weg den Berg hinauf wurde unser Kleinbus von einem Mini (!!!) abgedrängt. Beim Versuch, dem unverschämten Cartester-Prollopack Platz zu machen und den Berg wieder rückwärts runter zu fahren, setze ich ungeschickterweise in den nicht unhohen Schnee auf. Der anfängliche Ärger wich bald einem wohlig-positiven Gefühl, hervorgerufen durch eine geglückte Übung zur Förderung der Gruppendynamik. Das werde ich für meine Problemgruppen im Hinterkopf behalten.

So. Jetzt bekommt mal schön den Bus aus dem Schnee. Nein, Justin. Keiner arbeitet alleine. Jaqueline, hör auf zu motzen und pack dein Smartphone weg. Du kannst dir auch später noch auf Facebook die Kommentare zu deinem neuen Photoalbum „Ich“ mit 57 Bildern von dir von schräg oben anschauen. Ihr schafft das nur im Team.

Wir haben es jedenfalls geschafft. Am Ende des Tages konnten wir also doch noch die malerische Aussicht über den meltingpoint of globalisation genießen und die Metropole Schwedisch-Lapplands im goldenen Lichterglanz strahlen sehen. Dazu noch der Vollmond. Nur die Nordlichter verweigerten sich uns Romantikopfern.

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Samstach:

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das Wochenendprogramm sollte so hochwertig weitergehen, wie es eingeläutet wurde. Wir standen früh auf und hatten Großes vor. Der Wintermarkt in Arjeplog – ca. 1 Autostunde von Arvidsjaur entfernt. Noch nie etwas von Arjeplog gehört? Nix verpasst. Außer vielleicht das Café Nelly’s, welches uns für gefühlte 27 und tatsächliche 3h ein Obdach bot und uns mit Heißgetränken versorgte. Den Markt hatten wir nämlich in ca. 10 min abgelaufen und uns recht schnell dagegen entschlossen, einen ausgestopften Fuchs oder Baumwollschlüpfer zu kaufen. Nur bei dem Prinzessinenkostüm haben wir alle kurz überlegt, aber da wir uns nicht einigen konnten, wem es am besten steht, haben wir alle aus Solidarität auf den Kauf verzichtet.

Wir hätten wissen müssen, dass unser Fahrer uns den wundervollen Ausblick über Nordschweden nicht aus Menschenliebe zeigte, sondern, dass es mehr eine Wiedergutmachungsleistung im Voraus darstellte, eine Entschädigung für 3h Geiselhaft in einem Kaff, das noch weniger die Bezeichnung Zivilisation verdient als Arvidsjaur.

Arjeplog ist ein wichtiges Zentrum für die Autotestindustrie. Dass diese auch in Arvidsjaur ihre Zelte aufschlug, ist mehr ein Zufall. Unsere Mitfahrgelegenheit war ein Berufsautopaparazzo, der sich vor Wochenabschluss noch einmal auf die Lauer nach geheimen Prototypen legen wollte. Da der Mann sein Lebensunterhalt damit verdient, hatten wir zwar durchaus Verständnis für die Konfrontation mit seinem Vorhaben, nachdem es schon zu spät für uns war, abzuspringen – wir hätten nur einfach die Rommé-Karten mitnehmen sollen. Oder Betäubungsmitteln.

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Endlich zurück in der Home-Zone blieb auch nur noch Zeit für eine kurze Krimifolge in der ZDF-Mediathek und Annas und Markus entnervte Kommentare zur Hauptdarstellerin, ehe ich mich auf einen weiteren Programmpunkt vorbereitete, dem Anna und Markus leider nicht beiwohnen konnten. Nachträglich betrachtet ist das gar nicht so schlecht, ansonsten hätte ich wohl meine Manieren schon am Samstach vergessen und wäre back to the Chemnitzer Roots gegangen.

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Immernoch Samstach:

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Ich war eingeladen. Auf die Abschlussveranstaltung der Autotestsaison von Continental. Chic im Laponia – dem örtlichen Hotel. Kulinarische Leckereien in Aussicht, habe ich mich im Nelly’s zurückgehalten und den anderen den Großteil der Überlebensbeute überlassen. Ich hatte also ein kleines Hüngerchen. Es wimmelte bei dieser Veranstaltung nur so von Karrierten-Hemden-Trägern, der Frauenanteil hielt sich STARK in Grenzen. Trotz meiner liebreizenden Erscheinung im Freundlichkeit botschaftenden Pünktchenkleid erntete ich verschüchterte und aufgeschreckte Blicke, als kenne man im Kosmos einiger Maschinenbauer Weiblichkeit nur in Form von Gundula Gause beim Heute-Journal oder der Bikinigirls auf den Badezimmerpostern ihrer ehemaligen Studenten-WGs. So viel Aufmerksamkeit behagte mir nicht. Ich setzte mich artig und verlegen zu Michael und Flo, versuchte mein Lächeln nicht ganz so gequält aussehen zu lassen und nahm mir für den Abend vor, einfach nicht negativ aufzufallen. Zum Glück wurde das Buffet bald eröffnet, sodass ich die langsam durch den Hunger in mir aufkommenden Aggressionsflammen sanft ersticken konnte, ohne Schaden angerichtet zu haben. Das Essen war sehr lecker, alles schwedische Küche – dazu gab es einen wirklich guten Rotwein, der aus dem schüchternen Ingenieurvölkchen ein schüchtern-kicherndes machte. Besonders hervorzuheben am Menü ist der Mohrrübenkuchen, den es als Dessert gab. Ich hatte extra GANZ VIEL Platz für den Nachtisch in meinem Bauch gelassen und der musste jetzt gefüllt werden. Die Kuchenstückchen waren ziemlich klein geschnitten, sodass man mit 1-2 wahrlich nicht auskam. Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut, mir welche zu holen und habe Micha und Flo vorgeschickt. Ihre Kollegen wären sonst bald dem Eindruck erlegen, die beiden hätten ein ausgehungertes Straßenkind aufgegabelt, dass sie im nächsten Moment mit Hütchen-Spiel abzocken würde.

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Es war höchste Zeit, weiterzuziehen in Richtung Pub – wo das Scheinwerferlicht wieder anderen Damen galt. Dort trafen wir uns mit Anna und sie war fasziniert in welchem Maße der Stereotyp von immer top und stilvoll gekleideten Schwedinnen und Schweden hier nicht zutraf. Vielmehr waren wir in einer Freak-Show gelandet: Fleischwurstbarbie im Prostitutiertenoutfit meets Inzestmoppelchen im Prollo-Look. Holla die Waldfee. Was für eine Augenweide. Auch meine Lieblingskellnerin vom Mittwoch trafen wir hier wieder. Sie trug ein verunglücktest Baby One More Time Schulmädchen Outfit: Ein asymetrisches Top mit diagonalen Streifen in den Farben schwarz und weiß, dazu ein schwarz-pink-karriertes Faltenröckchen und – wie könnte es anders sein – WEißE Stiefel! Im Gesicht sah sie aus, als wäre Der Joker ihr stilistisches Vorbild. Dass sich so eine verunglückte Clownsfigur die Frechheit herausnahm, meine interkulturellen und linguistischen Bemühungen mit Füßen zutreten, nagte immer noch an meinem Stolz. Ich wurde aber kurze Zeit später aufgeheitert, als Michael völlig verstört von der Toilette zurückkam. Die Sanitäranlagen sind in der Kneipe nicht geschlechterspezifisch getrennt und so kam es, dass ihm ein Grüppchen Tailänderinnen auflauerte und eine der Damen ihn fragte, ob sie nicht mit ihm auf die Toilette gehen könne. Da in Schweden Prostitution illegal ist, kann sich der Leser den Rest denken.

Zwei Uhr war Zapfenstreich, die Bürgersteige wurden hochgeklappt und wir gönnten uns etwas Schlaf für den finalen Tag.

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Sonntach

Um als Programm- und Wohlfühlverantwortliche meiner kleinen Reisegruppe noch einmal richtig zu punkten, ging es am Sonntach zu den ca. eine Autofahrtsstunde entfernt liegenden Stromschnellen Storforsen. Diese wollte ich sowohl Anna und Markus als auch ein paar von den Autotestern zeigen, ehe sie nach hause fuhren. Wir hatten tollen Wetter und starteten gegen Mittag. Mein Frühstück fiel bescheiden aus, nach 1-2 Gläsern Rotwein am vorherigen Abend wollte ich bei der Autofahrt kein unnötiges Unwohlsein riskieren, schließlich musste ich Anekdoten zu diversen Bäumen oder Schneehaufen erzählen können. Liegt kein Schnee, so gibt es einen Weg, den man von unten bis ganz nach oben zu den Wasserfällen laufen kann. Doch die Brücke war aufgrund zu viel Schnees gesperrt. Dessen war ich mir bewusst und lotste unser Grüppchen gleich den befahrbaren Weg nach oben, in der Annahme, ein wenig dort zu verweilen, die Natur zu genießen und wieder umzukehren. Ich hatte die Rechnung ohne die abenteuerlustigen Autotester gemacht. Oben fanden wir die reinste Eispiste vor, es war schwer genug, die letzten Meter zu den Wasserfällen zu Fuß zurückzulegen, aber nein, die holden Herren, bewegungshungrig und risikofreudig, haben sich in ihre Köpfen gesetzt, den Weg zumindest wieder runter zu laufen. Wen interessiert der 1m -hohe Schnee und der Eisregen auf dem Rest des Weges. Zum Glück hat uns einer der Jungs mit dem Auto herunter gefahren, ich verspürte wenig Lust, mir den Hals an einem sonnigen Wintertag im März zu brechen. Wir warteten im unten gelegen Hotel auf den Rest.

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Immer noch Sonntach, immer noch Storforsen

Die drei Stunden, die ich für den Ausflug einplante, waren längst vorrüber, der Mohrrübenkuchen vom Vortag war langsam, aber sicher verdaut und ein nichts Gutes versprechender Hunger stieg in mir auf. Meine Anspannung fiel auch den Anderen auf. Mit jeder Minute wurde ich ungeduldiger und gereizter. Zunächst aggro, dann schwach und meinem Schicksal – elendig in der schwedischen Pampa verhungern zu müssen – ergeben. Wir hatten wieder keine Rommé-Karten dabei. Unser Photographen-Fauxpas hätte es uns besser wissen lassen müssen, wie schnell man ungewollt irgendwo im Norbotten-Nirgendwo stranden kann. Mittlerweile waren 4.5h seit dem Aufbruch vergangen. Macht 5.5h seit dem spärlichen Frühstück, macht 21h seit dem Mohrrübenkuchen. Ich wurde zur Gefahr für  meine Umgebung. Unschuldige würden bald sterben. So viel war klar. Ich bereitete mich schon auf eine unaufhaltsame, übermächtige Aggressionswelle vor, die kurz vor bevorstehender Ohnmacht irreparablen Schaden an meinem Mitmenschen angerichten würde. Doch dann kamen endlich die Hardcore-Wanderer zur Tür herein und einer von ihnen war tatsächlich so vorausschauend und trug Proviant bei sich (hätte ich auch, wenn ich von der geplanten Expedition gewusst hätte). Ich bin Timo noch heute so sehr für seine Güte und Großzügigkeit dankbar, da er mir eine Birne und einen halben Schokoriegel abgab und somit meinen Körper daran hinderte, seine lebenserhaltenden Funktionen allmählich einzustellen. Die sich ankündigende Katastrophe konnte vorerst erfolgreich abgewandt werden. Zwar taten die Männer belustigt, mich so zu sehen, aber ich glaube fest daran, dass sie nur versuchten, die Angst zu überspielen. Wir fuhren zurück nach Arvidsjaur. Auf der Fahrt besprachen wir ernste Themen. In den vergangen Tagen hatte ich Anna und Markus öfter mit dem Satz „Benehmt euch mal, wir sind hier nicht in Chemnitz.“ gemäßigt und dafür reichlich Kritik eingesteckt, da die beiden meinten, ich könne nicht auf ewig meine Herkunft verleugnen und solle zu dieser industriellen Perle Sachsen stehen, in der wir gelernt haben uns durchzuschlagen. Diesen Wunsch und Rat zugleich beherzigte ich – vielleicht mehr, als die beiden und ich es uns hätten träumen lassen.

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Zwar noch Sonntach, aber immerhin wieder inmitten einer Ansammlung von Häusern

Zuhause wollten wir zur Feier des Tages, das alle noch am Leben sind, gemeinsam Essen gehen. Beim Zwischenstopp zuhause, bei dem Markus, Anna und ich noch unser Geld holen wollten, stopften wir uns alles Essbare, das wir auf die Schnelle finden konnten in unsere ausgehungerten Münder. Wir hatten nur 2 Minuten. Im Nachinein muss ich sagen, dass diese Entscheidung mein erstes Körperverletzungsdelikt vereitelt hat. Nachdem zwei anvisierte Restaurants am Sonntagabend geschlossen hatten, landeten wir am Ende doch wieder in der Venus. Zu unserer aller Freude war auch die Jokerin wieder da. Wir waren eine große Gruppe und konnten noch die letzten Plätze im Restaurant ergattern. Allerdings reichten die englischen Speisekarten nicht aus. Als ich der Dummtröte auf Schwedisch sagte, dass ich (und Flo) auch eine schwedische Speisekarte nehmen würden, sagte sie nur „Aber die ist auf Schwedisch.“ Ach. Sag bloß. Ich war mit den Nerven am Ende und sagte nun mehr in etwas rauerem Chemnitzer Ton, dass mir das egal wäre. Statt eine Reaktion abzuwarten, nahm ich der Mitarbeiterin des Monats die Entscheidung ab und entwendete ihr die verdammte Speisekarte. Das Ganze wirkte wohl etwas aggressiver, als ich die Intention hatte. Markus sah mich schockiert an und befürchtete anscheinend, dass ich der Trulla gleich meine Gabel in den Arm ramme, wenn sie mir noch einmal blöd käme. Ich gebe zu, der Gedanke war verlockend und für einen Moment zum Greifen nah. Doch die Schokolade, die ich mir vorher verabreicht habe, hat mich soweit besänftigt, dass ich an mich halten konnte und sie noch einmal davon gekommen ist. Ein Hausverbot in der Venus wäre auch deprimierend, da die Auswahl an Gaststätten in Arvidsjaur eher bescheiden ist. Die berufsverfehlte Kellnerin habe ich danach zum Glück nie wieder gesehen.

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Jetzt hatte ich bei der Firma Continental endgültig und für alle Ewigkeit den Ruf als verfressene, unberechenbare und gemeingefährliche Kreatur versteckt im Körper der Unschuld vom Lande weg. Wahrscheinlich werden im nächsten Jahr Plakate in den Büros aufgehangen, die vor mir warnen. Aber keine Sorge, liebe Conti-Menschen: Dann bin ich gar nicht mehr hier, ihr habt nichts zu befürchten!

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Das Schicksal zeigte sich an diesem Abend nach den aufreibenden Ereignissen sehr versönlich. Zunächst konnten wir gemeinsam einen Münsteraner Tatort wie in alten Zeiten sehen und dabei einen edlen Tropfen von der Saale-Unstrut (anders als im Weltecho 😉 ) genießen und anschließend Zeugen eines Naturspektakels werden, auf das wir zwei Abende zuvor vergeblich warteten. Am Himmel leuchteten die bisher stärksten Nordlichter, die ich während meines Aufenthalts hier sehen konnte und verwandelten die Stadt in einen mystischen Ort. Ich war so gebannt von dem Anblick, dass ich gar nicht erst versucht habe, stümperhafte Bilder anzufertigen, die die Eindrücke doch nicht annähernd hätten einfangen können. Zum Glück habe ich ein paar Tage zuvor Guido kennengelernt – auch ein Photograph, der mir freundlicherweise ein paar seiner Aufnahmen gab und ich sie euch jetzt zeigen kann:

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

In meinen Augen das gebührende Ende, was diese Chemnitzer Reunion in Arvidsjaur verdient hat und genau das, was ich mir als Reiseleiterin für meine zwei Ehrengäste gewünscht habe. Seit dieser Woche versuche ich übrigens das Stückchen Chemnitzer Sonnenberg in mir nicht mehr zu unterdrücken, sondern gebe ihm genügend Raum. Ich habe gemerkt, vor allem bei den Jugendlichen aus Deutschland mit teilweise schwierigem Hintergrund, die ich hier betreue, zieht das recht gut.

Wer hätte gedacht, dass so ein dreieinhalbjähriges, soziales Experiment am Ende noch zu etwas gut ist?!

Ich wollte es einmal den genügsamen Menschen nachtun, die auch mit wenig glücklich sind, die ihre innere Zufriedenheit mit einem Blick aus dem Fenster erreichen. Beobachtend. Scharf. Hinterfragend. Erbarmungslos urteilend. Nichts Besseres zu tun habend.

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Momentan bin ich mit meinem Job wenig eingespannt, da sich die Ankunft der neuen Gruppen ein wenig verzögert. Dennoch habe ich mir jeden Tag mit genügend Beschäftigung ausgefüllt und mir noch eine ehrenamtlichen Nebenbeschäftigung (während eines EVS darf man nämlich keine bezahlten Nebenjobs haben) bei der Gemeinde besorgt. Für die ganzen deutschen Autotester, Touristen und Auswanderer schreibe ich jetzt wöchentlich die Lokalnachrichten Arvidsjaurs auf Deutsch. Für diese zusätzliche Arbeit bin ich gerade sehr dankbar, denn seit einiger Zeit bemerke ich, wie sich die üblichen Sorgen um die Zukunft langsam den Weg aus einer abgeschlossenen Kiste im Keller meines Bewusstseins durchs Schlüsselloch, die Treppen hinauf und direkt ins Wohnzimmer hinein bahnen.

In einem 5000-Einwohnerkaff kann Nachdenken schnell mal in Grübeleien ausarten, wenn man sonst nichts zu tun hat. Und – mit Verlaub. Ich habe sonst nichts zu tun – und vor allem niemanden recht vor Ort, der mich gerade vom Grübeln abhalten könnte.

Das völlig irrationale, weitgehend realitätsferne, sich verselbstständigende Kopfkino, das dann startet, lässt sich – erstmal in Gang – kaum aufhalten.

Wer weiß, was passiert, wenn du wieder in Deutschland bist, dachte ich mir. Nicht, dass du dann erstmal arbeitslos zuhause herumlungern musst, nicht weißt, was du mit der ganzen Zeit anfangen sollst und dann irgendwann an einem Punkt bist, an dem du mit den gut gelaunten, biertrinkenden Leutchen vor den Lebensmitteldiscountern anbändelst.  Darauf muss ich vorbereitet sein.

Und möglicherweise, dachte ich, stellt sich dann irgendwann solch eine innere Ruhe ein bei der täglichen Fenstermeditation, sodass ich das Leben nehmen kann, wie es kommt und auch mit einem 1-Euro-Job als Wachfrau oder an der Kasse beil Lidl glücklich werde.

Sich seiner Zukunft stellen, heißt die Devise. Meinem vermeidlichen Schicksal ergeben, starrte ich also aus dem Fenster.

Ich sah die Schneeflocken tanzen. Munter und zahlreich. Sie sahen aus wie Federn. Millionen kleiner, flauschiger Federn. Huch, da scheint mir der neue Praktikant bei Frau Holle recht eifrig und motiviert zu sein. Knapp ein Meter hoher Schnee. Dafür muss man schon ein paar Betten schütteln. Ob das gut bezahlt wird?

Ich versuchte mich aus meinen tagträumenden Abschweifungen zu befreien und mich wieder der Realität zu widmen. Den Fenstern der gegenüberliegenden Häuserwand. Zwar fühlte ich mich nicht authentisch genug ohne Kittelschürze und Kippe, aber ich bin ja auch erst ein Anfänger und muss da erstmal reinwachsen.

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Nach weniger als fünf Minuten war ich ziemlich gelangweilt davon. Es wollte nicht recht etwas passieren. Ich habe mich nicht genügend davon unterhalten gefühlt, einer Dame beim Kochen zu zusehen und auch nicht davon, den T-Shirt-Wechsel eines bebauchten Herren zu verfolgen. Wie können das Leute mehrere Stunden am Stück aushalten? Vielleicht lag es daran, dass ich keine Falschparker aufschreiben konnte, das interessiert hier keinen. Auch sonst ließen sich keine Verbrechen beobachten. Es wurde ja nicht mal jemand geschubst.

Und das soll jetzt alles sein?

Ich habe meine eigene Passivität, Angst und Zukunftsdemut überschätzt. Oder meine Selbstachtung ist zu groß. Ich will das nicht, bin nicht dafür geschaffen, dem Gras beim Wachsen zuzusehen – oder in Ermangelung der Sichtbarkeit diesens, den Fingernägeln der Leute in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite.

Bei einem letzten Blick aufs Nachbargebäude fällt mir jetzt auf, wie ein fleißiger Arbeiter die Unmengen von Schnee, die sich mittlerweile auch auf den Dächern angesammelt haben (also jetzt nicht von den paar tanzenden Schneeflöckchen der letzten fünf Minuten, das war vorher schon ganz schön viel), herunterfegt um unschuldige Passanten den Erschlagungstod durch herunterfallende Schneemassen zu ersparen.

Gott, dachte ich mir. Bei den ganzen Omis (und mir), die ihn gerade anstarren, muss der Mann sich wohl fühlen, wie der Typ aus der Coca-Cola-Light-Werbung.

Ein wenig genierte ich mich dafür, dass ich mich infolge eines durchgeknallten Konstrukts meines fatalistischen Denkzentrums für den Moment so gehen, sogar fast klein kriegen lassen habe.

Nicht ganz unschuldig an meinem kleinen Anfall von futuraler Verzweiflung war wohl auch eine sicherlich als Witz gemeinte, ziemlich verunglückte Bemerkung meines Chefs am gestrigen Tag. Wir sollten die Unterkünfte der bald eintreffenden Gruppen von Jugendlichen herrichten und ein wenig säubern. Das ist normalerweise nicht unsere Aufgabe. Also sagte er mit seinem spitzbübischen Charme, dass er uns auch gerne ein Zertifikat über unsere beeindruckenden Reinigungsfähigkeiten für zukünftige deutsche, anspruchsvolle Arbeitgeber ausstellen kann.

Autsch. Den in mir aufflammenden Bedürfnissen habe ich nicht nachgegeben, hatten sie doch alle etwas mit aktiver oder passiver Körperverletzung zu tun. Und ich bin ja ein Menschenfreund. Und weitesgehend gesetzestreu.

Diese Situation noch einmal durchspielend, beobachte ich weiter den in 15m Höhe Schnee fegenden Mann. Inzwischen hat es aufgehört zu schneien. Etwas weiter weg erkennt man schon ein wenig Blau, das die Wolken durchbricht. Ich brauche frische Luft, ehe ich bald Gefallen daran finde, jemanden aus der Ferne dabei zuusehen, wie er seine Briefmarkensammlung neu sortiert.

Also schnappe ich mir meine äußerst stylische Schneehäschenkluft und meine Kamera. Wen kümmern die -20°C draußen? Das strafft die Haut.

Ein-, zweimal tief durchgeatmet, habe ich mich aus der psychischen Hyperventilation befreit und alle Ängste erschienen mir auf einmal viel kleiner, potenzielle Probleme nicht mehr unüberwindbar. Die klare, kalte Luft hatte etwas ungemein belebendes. Fast so, als würde meine Vernunft meinem Unterbewusstsein, dass SO GERNE die Apokalypse heraufbeschwört und das auch einfach macht, wenn die anderen in meinem Kopf nicht aufpassen, links und rechts eine Ohrfeige verpassen und sagen:

So, und was ist jetzt so aussichtslos an deiner Zukunft? Nischt. Richtig. Reiß dich mal am Schlüpfer, Fräulein.

Und das tat ich dann auch.

Ein braves Mädchen zu sein, lohnt sich. Sagt man immer. Stimmt aber auch. Sonst hätte uns der Weihnachtsmann dieses Jahr wohl kaum eine X-Box geschenkt. Und dass, obwohl wir nicht einmal ein Gedicht aufgesagt haben. Gut. Eigentlich war es meiner Vater, der dieses Geschenk an sich und uns gemacht hat – und aus früher Kindheit weiß ich, dass er nie etwas von diesem Weihnachtsgedichtsritual gehalten hat. Habe ich doch immer versucht, ihn vor der Rute zu bewahren und mich schützend mit meinem unerschöpflichen Gedichtsrepertoire vor ihn zu werfen und ihn vor diesem gewalttätigen, alten Mann zu schützen. Genützt hat es selten etwas. Viel zu viel Freude schien er an der Verwendung der Rute zu haben.

Aber gut, das ist nicht das eigentliche Thema. Es soll vielmehr um die Folgen dieses Geschenks gehen. Natürlich hat es uns allen in den Ferien aureichend Beschäftigung beschert. Meine Schwester kaufe sich dann ein Phantasie-Rollenspiel, das wir zwei mit Hingabe spielten. Die Hauptfigur ist ein Held bzw. eine Heldin, die ihr ganzes Leben dafür verwendet, den Tod ihrer Schwester zu rächen und den Oberbösewicht und Mörder dieser daran zu hindern, die Weltherrschaft an sich zu reißen und ihn umzubringen. Soweit, sogut.

Man muss seinen Charakter, im Nahkampf, mit Fernwaffen und Magie ausbilden. Die eigenen Taten entscheiden darüber, ob man gut oder böse ist.  Z.B. kann man Bürger bestehlen und erpressen. Man kann ihnen aber auch etwas schenken und seine Selleriestangen ehrlich erwerben. Begleitet wird man von einem süßen Wauzi, dem man allerlei Tricks beibringen kann und der die Schurken dann die finale Behandlung gibt, wenn sie am Boden liegen und immer noch frech werden wollen.

Natürlich wird jetzt jedem klar sein, dass zwei engelsgleiche Wesen wie mein Schwesterlein und ich durch und duch gut sind und unsere Figuren schon munter und fidel mit einem Heiligenschein durch die Landschaft hopsen. Das kann aber auch einige Nachteile mit sich bringen.

Erst einmal wollen eine plötzlich alle heiraten. Klar. So eine durchtrainierte Heldin, die Bösewichte ordentlich verkloppen kann, da kann man schon mal schwach werden. Doch wie im echten Leben ist auch das Selbstbewusstsein einiger Phantasiewelt-Bürger dort unbegründet. Alte Fettsäcke mit Halbglatze wollen meinen Charakter nötigen, ihnen seine Liebe zu beweisen und mit einem Ring zu besiegeln. Diese aufdringliche Meute folgt einem bis ins eigene Haus ohne dass sie jemand eingeladen hätte. Es ist an der Zeit, jede Menge unhöfliche Ausdrucksmittel anzuwenden, damit sie von alleine gehen. Ab und zu habe ich auch schon mal die Knöpfe verwechselt und versehentlich ein paar Energiebälle heraufbschworen oder irrtümlicher Weise das Schwert gezogen. Dabei habe ich jedoch nicht einmal den Sicherheitsmodus deaktiviert und diesen ganzen aufdringlichen Schmierlappen ist überhaupt nichts passiert. Trotzdem regt sich das Pack auf einmal tierisch auf und wird ausfällig. Wenigsten verlassen die so das Haus. Wo sind hier bitte die Rechte des Opfers. Anti-Stalking-Gesetze scheint es da ja noch nicht zu geben.

Eines Tages flehte ein weiblicher Geist meine Figur um ihre Hilfe an. Er war in einer Zwischenwelt gefangen, nachdem er sich als Mensch das Leben genommen hat, weil er vorm Altar sitzen gelassen wurde. Meine Heldin sollte nun den Bräutigam finden und zwar nicht mit ihm den Boden wischen, doch aber sein Herz brechen, damit der Geist Frieden finden kann. Den Typen zu bezierzen fällt nicht schwer, wenn diese alten Lustmolche auch ringsherum lauern. Bekommt man dann aber die Möglichkeit, ihm den Brief seiner einstigen Braut zu übermitteln, gesteht der Honk plötzlich von sich aus sein Fehlverhalten. Na toll. Dann hat man nur noch zwei Möglichkeiten: Ihm den Brief zu geben und ihn in damit den Selbstmord zu treiben oder ihn zu heiraten. Das prangere ich entschieden an. Warum gab es nicht die Möglichkeit „Ihm nicht den Brief geben und abhauen“. Ich konnte niemanden, der sich für seine Erbärmlichkeit entschuldigt, den Todesstoß verpassen.  Ethik-Unterricht sei dank. Wohl oder übel musste mein Charakter diese Person heiraten. Der Geist war froh, dass ich seinen Plan nicht ausgeführt habe und konnte erlöst in die andere Welt entschwinden. Wenigstens einer.

Meine Figur hat den jetzt an der Backe. Da hat es meine Schwester besser abgefasst. Ihre Figur hat einen bisexuellen Mönch geheiratet, der ihr ständig Geschenke macht. Also eindeutig die richtige Wahl.

Die pensionierten Perverslinge lauern übrigens selbst jetzt noch im Haus meiner Heldin. Sogar dann, wenn sie sich mit ihrem Zwangsehemann um die Reproduktion ihrer Gene kümmert, ehe sie wieder 10 Jahre in einem Turm verbringen muss, um ihrem Erzfeind ein Stückchen näher zu kommen.

Da lob ich es mir doch, täglich aufs neue „nur“ mit dem ganz normalen Wahnsinn konfrontiert zu sein, noch dazu mit jemandem, der es nicht nur auf meine bisher noch ausbleibende Berühmtheit abgesehen hat.

Ok, eine unleugbare Parallele gibt es doch. Hier in Schweden sind heute auch (mal wieder) einfach Menschen in meine Wohnung gekommen und haben eine Waschmaschine gebracht. Ohne zu klopfen. Zum Glück ziehe ich bald um und es fühlt sich nicht mehr jeder dazu berechtigt,aufforderungslos unsere Wohnung zu betreten. Ich habe mich aber trotzdem gut benommen und diesen Personen mit mangelnden Manieren einen Kaffee angeboten. Haben wollten sie ihn nicht. Vielleicht hatten sie Angst, ich würde sie vergiften wollen. Wollte ich ja gar nicht…

Ausgehen in Schweden ist so eine Sache. Grundvorraussetzung ist erst einmal, dass man ein Menschenfreund ist.  Erfüllt man diese Vorraussetzung, bietet sich einem die Möglichkeit für Sozialstudien, von denen man in Chemnitz nur träumen kann.

Nun ist es so, dass in dem beschaulich-idyllischen Städchen Arvidsjaur nicht allzu viel los ist.  Es gibt genau einen Pub – und ein Hotel, das Diskos veranstaltet. Konkurrenz ist dementsprechend inexsistent. Daher kann es sich der Pub neben der unfreundlichen Bedienung auch leisten,  jede Woche die schlechteste Playlist der Welt zu spielen – bestehend aus den immer wiederkehrenden, gleichen 15 Songs. Beim Anhören dieser könnte man fast denken, David Guetta, Katy Perry und Florian Silbereisen hätten exklusiv für besagten Pub eine neue Musikrichtung erfunden die hier – und nur hier gespielt werden darf.  Vielleicht gibt es jemanden, der das zu würdigen weiß, einem Musikfaschisten wie mir jedoch lassen die Klänge das Messer in der Tasche aufgehen.

Sogesehen kann man der hiesigen Bevölkerung nicht wirklich vorwerfen, dass sie sich in großen Schritten zur Bewusstlosikeit betrinkt. Jetzt wäre es jedoch unfair nur besagtem Etablisement die Schuld für das Unvermögen vieler Schweden zuzuschreiben, das richtige Maß im Alkoholkonsum zu finden. Denn auf anderen, privaten Parties sieht es nicht besser aus. Da kann man sich die Sicherheitskräfte, die es in dem Pub glücklicherweise gibt, manchmal einfach nur noch herbei wünschen.

Viele der Schnapsleichen haben auf meine Frage, warum sie unbedingt 4 Promille im Blut haben müssen um etwas als Party definieren zu können, geantwortet, dass ihre Kultur eher eine reservierte sei und sie durch einen bestimmten Alkoholpegel ihre Schüchternheit reduzieren wollen (natürlich haben sie es nicht SO gesagt, ich habe nur versucht, es in eine offiziell anerkannte Sprache zu übersetzen). Leider verpassen sie den Moment des Aufhörens, was ihre Chance darauf, etwas von der so bekämpften Reserviertheit zu haben, ein wenig schmälert. Personen, die kaum noch laufen können und die Fähigkeit verloren haben, sich zu artikulieren, fällt es meistens auch schwer Sex zu haben bzw. jemanden zu finden, der sich für jenes Unterfangen zur Verfügung stellt.

Natürlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sich klar von solchen Gewohnheiten abgrenzen, dennoch ist das beschriebene Phänomen hier sehr präsent. Man muss den Schweden zugute halten, dass sie zumindest unter der Woche nicht trinken- und dann scheinbar am Wochenende einiges nachholen müssen.

So kam es, dass sich meine Begeisterung am vorgestrigen Abend in Grenzen hielt, als mich die Ungaren, die ich hier neben anderen Gruppen betreue, fragten, ob wir uns auf ein Bier im Pub treffen wollten.

Hatte ich mich doch gerade von einer Feier zum 15. Geburtstag einer Kolumbianerin davonstehlen können, auf welcher ich gezwungen war, enger als mir lieb war mit einem Chilenen um die 50 (ein bißchen hat er mich an den Araber aus dem Cardiff-Bus erinnert, nur älter und weniger Haar – vielleicht schaltete sich ja angesichts der Konfrontation mit einem meiner größten Traumata mein seit dem sehr ausgeprägter Fluchtreflex ein) zu tanzen und die Alternative eine Horde temperamentvoller Teenagerjungs gewesen wäre. Ich war einfach nicht so stark und rhythmisch wie meine Mitbewohnerin und Kollegin Juliane, die sich so viel besser unter das Partyvolk mischen konnte und nach meinem Abgang noch weitere Stunden auf der Feier verweilte. Sie hatte meine Bewunderung.

Mein kleines, schwaches Herz hingehen musste sich erst einmal erholen. Es sah freudig einer mittelmäßigen Romanze und Eiscreme entgegen um nach jenen Strapazen wieder zu Kräften zu kommen. Doch der Snoopy-Schlafanzug musste warten.  Ich mag „meine“ Ungaren schließlich und wenn sie ihre Englischlehrerin und Betreuungstrulla schon an ihrem Wochenende sehen wollen, dann kann ich ja ein wenig Entgegenkommen zeigen und es eine Stunde in der Kneipe aushalten, Hardcore-Trance-Musikantenstadl hin oder her.

Ich raffte mich also auf und bekam dann mit, dass der Pub geschlossen war. Mein Herz schrie nach dem flauschigen Pyjama. Wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Zwei der ungarischen Jungs standen vor meiner Wohnung um mir zu sagen, dass ich mich nicht auf den Weg zu machen brauchte. Es wäre unhöflich gewesen, sie nicht reinzubitten. So saßen wir da, plauderten nett und tranken ein Gläschen deutschen Schnaps, den mir meine treusorgende Oma für kalte Winternächte zugesandt hat. Ich empfand die Zeit als wirklich angenehm. Selbstverständlich hätte ich wissen müssen, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Es klopfte wieder. Diesmal war es der Chef meines italienischen Mitbewohners Ugo und irgendwelche Verwandtschaft, die um Einlass baten. Ihre Beweggründe kannte ich nicht. Sie wollten weiter zur „Disko“ ziehen und nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ugos Chef konnte ich schlecht die Tür vor der Nase zuknallen, also gesellten sie sich zu uns. Drei Männer jenseits der 40. An diesem Abend habe ich gelernt, dass es auch unhöflich sein kann, Männer auf Alter hinzuweisen. Zumindest, wenn sie selbstbewusst ihre Jugend und Schönheit so einschätzen, dass sie locker eine 24-Jährige anbaggern könnten. Juliane war zunächst noch auf der Geburtstagsparty, ich war also allein unter Männern. Doch sie reagierten gefasst, als ich ihnen versinnbildlichte, dass ich ja schon einen Papa hätte und dass sie an den auch niemals herankämen.

Ich wurde gefragt, warum ich nicht ausginge, die Disko sei heute schließlich voll mit Menschen. Als ich mit „Eben deswegen.“ antwortete und insgeheim befürtchtete, dort auch dem Cardiff-Araber-Verschnitt oder sonst einem paarungsfreudigen Temperamentbündel zu begegnen, verwechselten sie meine Bemerkung irrtümlicherweise mit einem Witz statt der Wahrheit.

Sie waren beschwipster als ich zunächst annahm und eine weitere Unterhaltung mit den Ungaren war kaum noch möglich. Die Sucht der anderen Gäste nach Aufmerksamkeit äußerste sich dafür zu auffällig. Einer unter ihnen stellte sich als Profiwrestler heraus und forderte die Jungs zum Duell im Armdrücken auf.  Naja. Männer. Jedes Mal hat er sich wie ein kleiner Junge gefreut, wenn einen der anderen in dem ungleichen Kampf besiegt hat.

Damit die Luft nicht allzu testosterongeladen blieb, spielte ich als DJ des Abends ein wenig „Save Tonight“ von Eagle Eye Cherry. Das kam an. Tief in ihnen drin, waren sie also doch allesamt Softies. Das heißt jedoch nicht, dass es das besser gemacht hätte. Die Wrestlerkreatur griff mich wie King Kong die weiße Frau und wirbelte mich umher. Zum Glück hatte ich kaum etwas getrunken, sonst hätte mein Magen das wohl kaum überlebt.  Aber gut, dachte ich. Immer noch besser als wenn er mir die Bude zerlegt.

Um sein Gemüt weiter zu beruhigen, ging ich über zu  „Love Is All Around“. von Wet Wet Wet.  Das ging mitten ins Herz. Besänftigt schmiegte er sich an jeden einzelnen der Gäste und gestand ihnen seine Zuneigung.  Doch irgendwas muss ich danach falsch gemacht haben. Ich weiß nicht, ob der Fehler bei Take That oder Britney Spears lag (ich hatte den Eindruck, er sei für 90er besonders empfänglich, aber das war vielleicht eine Fehleinschätzung) oder ob der goldene 80er „Billy Jean“ von Michael Jackson einfach zu viel für ihn war. Er fing an wie ein kleines, nach Beachtung lechzendes Kind um sich zu schlagen und meine armen Jungs zu hauen. Selbst der Ungare mit dem eindrucksvollen Namen Attila und nicht zu verachtenden Oberarmen bat ihn halb verzweifelt, ihn doch bitte endlich in Ruhe zu lassen. Dann ist er vollends ausgetickt und hat sich hysterisch kichernd auf dem Boden gekringelt. Wir waren uns sicher – da schien mehr im Spiel gewesen zu sein als ein paar Bier. Es vergingen einige Minuten. „Genie In A Bottle“ (ich hab es doch einfach noch einmal mit einem 90er Song versuchen wollen) hat ihn jedoch wieder zurück geholt. Puh.

Nachdem Ugos Chef dann auch noch fremde Leute ohne unser Wissen in unsere Wohnung eingeladen hat, war Schluss mit lustig. Juliane, Ugo und ich haben den Besuch freundlich aber bestimmt hinaus komplimentiert. Diese Prozedur hielt ca. eine halbe Stunde an. Immer wieder begann der Wrestler von Neuem alle anderen Menschen durch Zärtlichkeiten in Form unfreiwilliger Umarmungen und in seiner Welt wahrscheinlich sanften Tackleattacken zu bedrängen.

Nungut. Wer sich wie ein Kleinkind benimmt, möchte auch wie eines behandelt werden. Ich versuchte mich an den Ton meiner Mutter zu erinnern, den sie immer auflegte, wenn es ihrer Ansicht nach mal wieder Zeit für mich wurde, mein Zimmer aufzuräumen und ich dahingehend noch ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte. Sie ist eine zarte, feminine Person, doch niemand würde je auf die Idee kommen, sich diesem Tonfall zu widersetzen.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme und dem gleichzeitigen Ausdruck von Strenge und Enttäuschung in meinem Gesicht habe ich ihn aufgefordert, die anderen in Ruhe zu lassen, artig zu sein und sich seine Jacke anzuziehen. Mit glasigen Kulleraugen sah er in die Runde. Wahrscheinlich hat es ihn an seine eigene Mami erinnert – oder an seine Frau. Er wagte keine weiteren Gegenworte. Endlich. Weg waren sie. Ruhe.

Mein Herz stampfte schon eingeschnappt, doch immer müder werdend von einem Bein aufs andere. Endlich bekam es jedoch seinen Willen. Für heute hatte es genug erdulden müssen und der kuschelige Schlafanzug sowie eine Auszeit von diesem Irrenhaufen war viel zu lukrativ.

Jetzt hätte ich noch einen Schnaps gebrauchen können.

(Da ich die Rechte und die Würde Dritter [und auch meine eigene]  nicht verletzten möchte, habe in diesem Beitrag auf  Namen und Bilder verzichtet.)

An einem unscheinbaren Samstag im September war es soweit: Wir sollten ein Stückchen schwedischer werden und unser erstes professionelles Eishockeyspiel sehen. Vorab sollte erwähnt werden, dass unsere beiden Chefs Micke und Jerry rivalisierende Teams favourisieren. An jenem Samstag machten wir uns also zusammen mit Micke auf nach Skellefteå um sein Team zu erleben. Jerry blieb zuhause. Als Luleå-Fan kann man schließlich nicht Skellefteå anfeuern.

Es fing im Grunde recht interessant an. Aggressive Musik im Vorfeld sollte die Zuschauer auf das Spiel einstimmen. Die Emotionen waren bereit für Aktion. Der Skellefteå-Merchandise hat sich an unseren Teilnehmern (Italiener, Tschechen, Deutsche) sein Mittagessen für die nächsten Tage verdient. Beinahe jeder trug ein entsprechendes T-Shirt, einige kauften sich Fahnen. In einem Fastfoodrestaurant konnte man sich das Gesicht mit den Farben Skellefteås verzieren lassen. Dass man danach wie eine verunglückte Biene Maja aussah, da es sich bei besagten Farben um Schwarz und Gelb handelte, störte die wenigsten.

Micke und sein Sohn Elias vor dem Spiel.

Fahnenspiel im Stadion.

Dann ging es los. Fragt mich nicht nach den Regeln, ich habe sie nicht verstanden. Nur, dass es ein bischen wie Fußball ist – nur anders. Und dass man sich nicht gegenseitig mit den Hockeyschlägern verdreschen sollte, man es aber machen kann, wenn gerade niemand hinschaut. Das heizt die Stimmung noch ein wenig auf. Ansonsten war es ein einziges Durcheinander, da die Spieler ständig gewechselt haben und man gar nicht den Überblick behalten konnte, wer da jetzt eigentlich gerade auf dem Feld ist. Zum Glück konnte ich die Killerbienen immerhin von den Zuckerstangen (ihre Farben waren Rot-Weiß, ok, man kann auch an Pommes denken…) unterscheiden. Für einen Moment kam ich mir etwas begriffstutzig und minderbemittelt vor. Doch als ich dann in die Augen der anderen schaute, die wie ich ihr Debüt erlebten, sah ich nichts als große, neon-pinke Fragezeichen. Puh.

Spielbeginn.

Die Killerbienen greifen die Zuckerstangen an.

Kauderwelsch bei einem Freistoß oder soetwas ähnlichem...

In dem Spiel gab es dreimal die Spielzeit von 20 min, mit jeweils 10 min Pause. Als es danach noch einen gleichen Punktestand gab, kam eine Verlängerung hinzu. Als diese dann immer noch nichts änderte, kam es zum fina-goal-shooting oder wie auch immer das heißen mag – quasi das Elf-Meter-Schießen des Eishockeys. Dieses hat Skellefteå dann leider knapp verloren. Die allgemeine Stimmung verdunkelte sich. Meine nicht, denn ich war froh, dass ich nach 2,5 h Umhergestehe die Aussicht auf einen komfortablem Autositz hatte und der advertisialen Dauerbeschallung entgehen konnte.

Anscheinend bin ich einfach noch nicht schwedisch genug.

Wobei man das ja so auch nicht sagen kann. Etwas Entscheidendes scheint sich verändert zu haben. Wenn ich an die Tage zurückdenke, in denen ich durch welche Umstände auch immer gezwungen war, ein H&M-Geschäft zu betreten, tat ich dies mit äußerster Ungeduld. NICHT UNBEDINGT NUR, weil ich nicht zwangsläufig eine Marathonshopperin bin und es mir widerstrebt den ganzen Plunder anzuprobieren. Wenn man mich fragte, fänd ich es ja toll, wenn man einfach in einer 3D-Abbildung seiner selbst sehen kann, ob diese und jene Größe passt und ob man in dem Kleid  wie eine femme fatale aussieht oder eher wie ein Knallbonbon.

Viel mehr gestört haben mich im Grunde zwei Dinge. Zum Einen, dass es innerhalb eines H&Ms ein bischen so zugeht wie in einem Sog des Verderbens. Bist du erstmal drin, kommst du so schnell nicht mehr heraus. Wenn ich also hin und wieder eine Freundin in derartige Filialen begleitet habe, habe ich manchmal für Stunden kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekommen, weil sie irgendwo umher schwirrten, Tonnen von Kleidung anprobierten, die kolossale Schlange vor den Umkleidekabinen jedoch erst einmal passieren mussten und das gleiche Spiel an der Kasse wieder von vorne losging. Mit ein wenig autogenem Training kann man das jedoch händeln. Schließlich macht man damit Menschen, die man sehr gerne hat, eine große Freude und es ist darüber hinaus überlebenswichtig ja nicht zu versuchen, ein solches Geschäft alleine betreten zu wollen. Mut hin oder her. Alleine geht man unter in diesem Dschungel und braucht eine Hand, die einem im letzten Moment aus dem Treibsand ziehen kann, ehe man endgültig versinkt.

Was mich jedoch viel mehr gestört und mich immer ein wenig wie ein Wesen mit unmenschlichen Proportionen, die mehr in Richtung Pinguin tendieren, fühlen lassen hat, war,  dass mir rein gar nichts passte – von den Hello Kitty Pyjamas mal abgesehen.

Es hatte natürlich das Gute, dass ich keine Energie mit Kleidersuche verschwenden musste, da das Anprobieren frustrierend werden und jede noch so tief in mir sitzende Aggression in die H&M-Umkleide bringen würde.

So musste ich meine Zeit in H&Ms nur mit Warten und dem Austauschen mitleidiger Blicke zwischen mir und den Partnern shoppingbegeisterter Frauen verbringen.

Der Nachteil war jedoch, dass ich mich auf diese Weise dem System überlegen fühlte, ohne je seiner Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Jemandem, der keine Schokolade mag, fällt es nicht schwer ihr zu widerstehen. Es ist also keine große Leistung zu sagen, er hätte schon eine Woche ohne Schokolade verbracht (was für mich enorme Selbstdiziplin bedeuten würde). Ich war immer nur die rettende Hand, ohne jemals die dunkle Macht eines H&Ms auf meine Psyche überwinden zu müssen.

Doch das sollte sich an besagtem Hockey-Samstag ändern. Mit der Absicht nach ein paar Pullovern Ausschau zu halten, die dem subarktischen Klima  der Winter Arvidsjaurs angemessen waren, betrat ich also völlig freiwillig ein H&M-Geschäft. Gucken kostet ja nix. Ich sah mir ein paar Kleidungsstücke an und entschloss mich, mein Glück zu wagen und sie anzuprobieren, auch auf die Gefahr hin mich abermals wie ein Watschelvogel zu fühlen. Ich witterte keine große Bedrohung doch ich machte einen entscheidenden Fehler: Ich verstieß gegen Regel Nummer 1 und habe im Geschäft meine Verbündeten verloren. Das Monster eines jeden H&M hatte bereits auf mich gelauert und wollte mich. Es wollte mich ganz. Es zerrte mich mit einem Zentner Pullovern in die Umkleide. Und jeder einzelne passte mir. Fast vermute ich, dass es die Schnitte der Pullover oder aber heimlich die Proportionen meines Körpers geändert hat, nur um mich vorzuführen. Nun stand ich da. Welchen sollte ich nehmen?! Minuten vergingen. Mir kam es wie Tage vor. Ich wollte raus. Entkommen. Doch ich war zu schwach. Das Monster lachte hämisch auf mich hinab.

Dann die Rettung. Ein Anruf: „Bist du noch im H&M? Ich kann dich nicht finden!“ Ja, ja, ja! Ich bin hier. Es hat mich geholt. Rette mich, ich bin gefangen. Entreiße mich diesem selbstzerstörerischen Sog, dachte ich bei mir. Ich sagte jedoch: „Einen Moment bitte, ich muss nur kurz zur Kasse.“   Mit letzter Kraft schaffe ich es, einige Oberteile von mir fort zu werfen, doch ich wusste, dass ich heute Blutgeld bezahlen müsse. Für all die Jahre. Halbbetäubt ging ich zur Kasse, büßte für meinen Leichtsinn und lief beschämt und gebrandtmarkt mit einer H&M-Tüte nach draußen. Tageslicht. Endlich.

In aller Hektik und Panik habe ich bei einem der extra für mich deponierten und auf meinen Körper manipulierten Kleidungsstücke leider die Größen vertauscht, was ich jedoch erst zuhause bemerkte. Dummerweise ist Skellefteå und damit der nächste H&M an die 150km von Arvidsjaur entfernt. Mein Martyrium war noch nicht beendet, ich konnte nicht einfach vergessen was geschehen war. Man wollte mir hier eine Lektion erteilen.

Im IDEUM fragte ich nach, ob jemand wisse, wie teuer es wäre mit dem Bus nach Skellefteå zu fahren. Jetzt kehrte das Glück zu mir zurück. Denn ich fragte die richtige Person. Martin arbeitet zwar in Arvidsjaur, pendelt an den Wochenenden jedoch zurück zu seiner Frau und seinem Kind nach Skellefteå. Ich erzählte ihm meine Geschichte und er fühlte mit mir. Mit ihm im Zimmer sitzt seine Kollegin Katarina. Sie sah ihn eindringlich an. Nachdem er sich vergewisserte, dass es sich bei der Umtauschware nicht um Dessous handelte, bot er mir an, sie an meiner Stelle umzutauschen. Dafür musste ich ihm einen selbstgebackenen Kuchen versprechen.

Es kam die nächste Hürde. Ich versuchte bei H&M anzurufen, um die Strickjacke in meiner Größe zu reservieren. Geschlagene 40 Minuten versuchte ich der Verkäuferin verzweifelt den Cardigan zu beschreiben. Ich fragte mich, wozu es Artikelnummern gibt, wenn sie am Ende niemand nutzt.

Am nächsten Tag rief Katarina für mich noch einmal bei H&M an und endlich haben sie das Ding gefunden. Sie hatte also definitiv einen Teil des Kuchens verdient. Vier Tage dauerten die Diskussionen darum an, welcher Kuchen es denn sein dürfe. Sie bewiesen Geschmack. Viel Schokolade und viel Sahne. Für die schlanke Linie. Ich experimentierte und kreierte eine Schokoladen-Espresso-Torte. Versuchung und Kick in einem Stück vereint. Sehr passend. Um ihnen meine grenzenlose Dankbarkeit für diesen Akt zu demonstrieren, habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und extra exklusive Prinzessin-Lillyfee-Streusel gekauft. Ich lass mir ja nichts nachsagen.

Tja. Was soll ich sagen. Man darf trotz allem Schlimmen, was einem in dieser Welt widerfahren kann, nicht den Humor verlieren. Man sieht. Es ist trotzdem nicht spurlos an mir vorbei gegangen.

Katarina und Martin waren keine Unmenschen und teilten die Torte mit der gesamten IDEUMsbelegschaft. So  hatte am Ende jeder etwas von meinem schwachen Moment. Und ich? Ich muss vielleicht noch ein wenig an meiner Begeisterung hinsichtlich des schwedischen Nationalsports arbeiten. Aber immerhin habe ich jetzt einige orginal-schwedische Kleidungsstücke made in China.

Der Problemcardigan und ich. Glücklich vereint. Und jetzt versucht den mal jemandem auf English zu beschreiben 😉

Vill du fika?

 Wer hinter dieser Einladung jetzt etwas Anstößiges vermutet, ist zum einen ein Luder und war zum anderen offensichtlich noch niemals in Schweden. Denn das, was sich hinter dem Wort fika verbirgt, hält nicht, was sich vielleicht einige davon versprochen haben.

Vielmehr bedeutet fika eine Art Kaffeepause, in welcher man sich gemütlich unterhalten kann. Nahezu jede Arbeitsstelle hat einen eigenen fika-Raum. Dass da hin und wieder etwas Schmutziges passieren kann, möchte ich nicht ausschließen, es ist jedoch zumindest nicht die Intention.

Das Motto der Veranstalter kristallisierte sich schon nach einigen Stunden heraus.

Auf meinem EVS-Ankunftsseminar in Stockholm war der Begriff der rote Faden durch das Programm. Unschuldig wie der Morgentau kamen wir am Dienstagmittag an – saccarosegeflasht und koffeeingekickt verließen wir die Stätte am Freitag. Missbraucht von Zimtschnecken und Café Latte.

Was für die Russen Saufgelage sind, sind für die Schweden Kaffeeorigen.

Doch als ich mich für mein Auslandsjahr entschied, wusste ich, dass ich mich hin und wieder auch einer kulturellen Herausforderung stellen werden muss. Und da war sie. Innerhalb des Seminars einen Drahtseilparkour in 10m Höhe zu absolvieren war nichts dagegen, sechs Mahlzeiten pro Tag zu bestreiten.

In halbkomatischem Zustand brachte man uns Fakten über die schwedische Kultur bei. Zum Beispiel, dass ein Schwede NIEMALS das letzte Stück Kuchen essen würde oder dass die schwedischen Kinder möglicherweise die einzigen auf der Welt sind, die einen Bus des öffentlichen Personennahverkehrs nicht mit ihrem Geschrei erfüllen.

Ein weiteres Ziel war es, mehr über uns selbst zu lernen und sich die eigenen Ziele für das Auslandsjahr noch einmal zu vergegenwärtigen. Im Vordergrund jedoch stand eindeutig das Knüpfen eines kleinen Netzwerkes mit Personen, bestehend aus Personen, die derzeit ebenfalls ihren EVS in Schweden absolvieren. Da ich in einer wirklich angenehmen Gruppe war, fiel das nicht besonders schwer. Selbstironisch haben wir versucht hinzunehmen, dass von sieben Teilnehmern fünf deutsch waren und einfach unbeirrt auf Englisch miteinander geredet. Für mich persönlich war das eine Erleichterung, denn ein Gemisch aus Deutsch, Schwedisch und Englisch kann für die eigenen grauen Zellen anstrengender sein als man vermuten mag.

Außer Juliane und mir lebten eigentlich alle im Süden Schwedens. Tobias, der in einer Stadt in der Landesmitte lebt, wurde schon als Nordschwede abgestempelt, ehe wir ankamen. Als die anderen dann erfuhren, dass wir aus dem „echten“ Norden kamen, schauten sie uns ganz ungläubig an. Dann fragten sie uns, ob „die im Norden“ wirklich nicht sprechen und komische Schlürf-Laute von sich geben würden. Das mit den Schlürf-Laute mussten wir bejahen, aber als wir den anderen erklären wollten, dass einige hier ziemliche Quasselstrippen sind, dauerte es einige Zeit, bis sie das für sich annehmen konnten. Es war äußerst amüsant zu sehen, dass ähnlich wie beispielsweise in Deutschland (und wie ich erfahren haben auch in Italien und Tschechien) die nördliche Bevölkerung Vorbehalte gegen die südliche hegt und umgekehrt. Ich persönlich setzte mich gerne für die Völkerverständigung und das Ausräumen von Vorurteilen ein. Nicht umsonst habe ich einen echten Pfälzer als meinen Gefährten erkoren. Für ihn mögen die Menschen in meinem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern recht absonderlich wirken, doch sein süddeutsches Temperament wird bei uns Fischköpfen in den meisten Fällen auch lieber aus einer sicheren Enfernung betrachtet.

Meine EVS-Gruppe.

In unserer Freizeit ist unsere EVS-Gang ein wenig durch das Zentrum Stockholms geschlendert. Ich habe eine Dame angesprochen und sie um ein Photo gebeten – auf Englisch. Dann hat sie mich ein wenig irritiert angeschaut und etwas auf Deutsch vor sich her gesagt. Daraufhin habe ich Deutsch mit ihr geredet, ohne aber zu sagen, dass ich ebenfalls aus Deutschland komme. Anscheinend hat sie meinen mäcklenburgäääär Akzääänt als schwedischen gedeutet und mich für meine Deutschkenntnisse gelobt.

Für Juliane und mich galt es die 20°C und Sonnenschein zu genießen – mit dem Bewusstsein, dass wir solch warme Tage in diesem Jahr nicht mehr erleben würden. Und wir sollten Recht behalten, diese Woche hat es in Arvidsjaur zum ersten Mal geschneit. Jeder hat Verständnis für uns, als wir uns von der Gruppe für zwei Stunden abkapseln mussten – auf der Suche nach geeignetem Schuhwerk für subarktisches Klima. Die Stiefel, die ich auserkor, tragen den äußerst bezeichnenden Namen „Sibiria“.

Sibiria.

Gleichzeitig mit unserem Ankunftsseminar fand auch ein Halbzeitseminar für andere EVS-Teilnehmer statt. Einer davon war wie der Zufall es so will mein italienischer Mitbewohner Ugo. Als ich in Arvidsjaur ankam, war er gerade auf Heimaturlaub und so lernten wir uns erst in Stockholm kennen. Mittlerweile ist unsere WG altkluger Weiber jedoch recht nahe zusammengewachsen und wir genießen, uns gegenseitig Ratschläge für’s Leben zu gegeben und einander an unserer grenzenlosen Weisheit teilhaben zu lassen.

An einem der Abende in Stockholm besuchten wir eine Jazzbar, in der man von einer Liveband begleitet Karaoke singen konnte. Allerdings hat es sich so begeben, dass eine Klasse der hiesigen Musik- und Kunsthochschule ein wenig Selbstbestätigung vor Publikum suchte und sich danach niemand anderes mehr so richtig getraut hat zu singen. Und dabei hätte ich so gerne Baby One More Time zum Besten gegeben.

Stampen – Die Jazzbar in Gamla Stan

Selbstverständlich haben wir uns davon nicht die Freude eines gelungenen Abends und einer tollen Seminarwoche trüben lassen. Am nächsten Abend sind Juliane und ich noch einmal losgezogen um jede einzelne Gasse der Altstadt zu erkunden. Das Abendlicht war mir und meiner Kamera überaus hold – im Folgenden gibt es also einige Impressionen von Stockholm!

Zunächst ein Bild aus dem Jahr 2008 – Mein 1. Mal Stockholm.
Allzu viel hat sich seit dem nicht verändert. Der Königspalast z.B. sieht noch genauso aus. Auch wenn Victoria jetzt schwanger ist.
Die laufen da ständig umher. Man muss aufpassen, nicht zertrampelt zu werden.
Das war auch recht hübsch anzusehen. Aber ich musste ständig Leute aus meinem Bild scheuchen. Schrecklich.
Eines der besagten, wunderschönen Gässchen in Gamla Stan.
Blick von einer der zahlreichen Brücken.
Blick von Gamla Stan zur Abendstunde.

Übrigens scheint diese Stadt einen schlechten Einfluss mich zu haben. Wiederholt wurde hier kriminelle Energie freigesetzt, wo man sie nicht vermutet. In meinem Urlaub mit zwei Freunden, die betrachtet an ihren Straftaten jetzt sicher anonym bleiben wollen, sind wir nur knapp einem Schicksal hinter schwedischen Gardinen entgangen. Jemand wie ich würde da per se natürlich nie mitmachen, doch aus einer emotionalen Abhängigkeit hinaus wurde ich mit hineingezogen – in den Verbrechenssumpf. Zuerst musste ich unwissentlich eine äußerst reizende Dame und Cafébesitzerin ablenken, damit sie gemeinschaftlich unbehelligt eines der Trinkgefäße mitgehen lassen konnten… und dann haben wir auch noch zwei Tage später in einem Hotel auf der Insel Grinda die Zeche geprellt. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass das Verschulden dabei nicht wirklich unsererseits lag. Wir wollten gerne für den Tee bezahlen, den wir uns auch Desinteresse des Personals heraus selbst zubereiten mussten. Es war nur einfach niemand da. Und da die Insel nur zweimal täglich angefahren wurde, mussten wir die letzte Fähre erwischen um diesem Hot Spot der Gastfreundlichkeit nicht etwa eine ganze Nacht ausgeliefert zu sein. Doch zurück zum Thema. An jenem Abend spürte ich den Geist jener beiden Freunde mit mir. Sie ergriffen Besitz von meinem Körper, zerrten ihn in den nächstbesten Souvenir-Shop und zwangen ihn zu folgender Aufnahme:

Ich, beim Begehen von Lug und Trug.

Als die Ladenangestellten verärgert auf meinen entführten Körper zukamen und ihn wissen ließen, dass Aufnahmen von Verkaufsgegenständen hier nicht gestattet seien und ihn zum Löschen dieser anhielten, da täuschte er vor zu tun wie ihm geheißen, da er längst schon hatte was er wollte und es sich bei der entfernten Aufnahme lediglich und einen nicht gelungenen Schnappschuss hielt. Dann verließen mich ihre Geister mit dem Wissen und der Genugtuung, dass es einen Ort mehr in Stockholm gibt, an dem wir uns besser nicht sehen lassen sollten.

Auf diesen Schreck begaben wir uns schleunigst zurück zum Hotel und beruhigten unsere Nerven erst einmal bei einer fika.

Mein größtes Idol/ (Photo: Jan Delden/Pressens Bild)

Falls sich jemand wundert, wo ich seit einigen Wochen stecke: Ich bin in Schweden. In Lappland.  Nicht aus Zufall. Sondern mit Absicht.

Was ich hier mache? Nun, spontan würde ich antworten „Mich des Lebens freuen.“, doch es darf auch ruhig ein bißchen mehr sein.

Eine Stunde Autofahrt (so werden im dünn besiedelten Schweden die Entfernungen gemessen) südlich vom Polarkreis gelegen absolviere ich meinen Europäischen Freiwilligendienst (EFD) in einem idyllischen Städtchen namens Arvidsjaur.

Wo genau ist „eine Stunde Autofahrt vom Polarkreis entfernt“?

Ich arbeite in einer Einrichtung, die sich IDEUM nennt und deren Mitarbeiter den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen – alles jedoch immer unter dem Aspekt der Gemeinnützigkeit. So ist z.B. eine eigene Schreinerei Bestandteil des IDEUMs. Hier werden z.B. riesige Spielzeuge für Kindergärten gebaut, aber auch Bänke, Gartenhäuschen, Regale und Klitzekleinigkeiten wie Werkzeuggriffe. Die Tätigkeiten in der Schreinerei sind mit sozialen Projekten des IDEUMs verknüpft. Für mich ist hauptsächlich das Utland-Projekt relevant. Im Rahmen dessen empfängt das IDEUM junge Menschen, die in ihrem Heimatland meist arbeitslos sind und lässt sie in ganz verschiedenen Bereichen (z.B. Schreinerei, Tourist-Information, Friseur, Schule, Küche) Praktika absolvieren. So können sie internationales Wissen in ihrem Beruf erlangen, auch kulturell über den Tellerand hinausschauen und mit den hier gesammelten Erfahrungen und einem hoffentlich guten Gefühl zurück in ihr Heimatland reisen. Gleichzeitig reisen schwedische arbeitslose Jugendliche ebenfalls in andere Länder Europas – aus den gleichen Beweggründen.

Meine Aufgaben im kommenden Jahr werden ganz unterschiedlich sein. Vor allem bin ich zusammen mit Juliane für die eintreffenden Gruppen ein Ansprechpartner – und zwar sowohl wenn Probleme innerhalb der Gruppe auftreten, die sie nicht mehr lösen kann, als auch wenn eine einzelne Person einfach Redebedarf verspürt. Oft ist es der Fall, dass die Projektteilnehmer über keine allzu guten Englischkenntnisse verfügen. In ihrer Praktikumsstelle sollten sie aber zumindest ein paar Sätze beherrschen. Aus diesem Grund werden wir in den nächsten Monaten auch Basiskurse für die englische Sprache geben. Wenn sich unsere Schwedischkenntnisse in einen mit dem menschlichen Auge wahrnehmbaren Bereich entwickelt haben, wäre es sicher eine tolle Sache, auch hier ein paar Wörter an den Mann und die Frau zu bringen. Für die Gruppen organisieren wir auch Freizeitangebote, damit in den Wochen und Monaten, die sie in Arvidsjaur sind keine Monotonie aufkommt. Da hier alles ein wenig weiter auseinander liegt, ist ein Auto unerlässlich. Um aber alle auf einmal kutschieren zu können, bedarf es mehrerer Kleinbusse – und so bin ich gleich am 2. Arbeitstag ins kalte Wasser geplumpst und sollte einen Neunsitzer fahren. Die anfängliche Scheu ist mit der vor einem Flirt zu vergleichen – denn seit dem ich das erste Mal den Zündschlüssel umgedreht habe, bin ich verliebt in diesen Renault-Bus. Jetzt mögen Vorurteile gegen Franzosen kommen, doch unsere Liebe wird all dies überdauern. Notfalls wird der Häme Empfindende eben einfach umgekarrt. Nicht umsonst habe ich jahrelang mittels GTA trainiert.

Doch zurück zum Wesentlichen: Ich habe unglaublich sympathische Chefs – Jerry und Michåel (kurz: Micke). Jerry trägt auch den selbstverliehenen Titel „Stärkster Mann Arvidsjaurs“, besitzt einen trockenen Humor in Reinform und unterbreitete uns das überaus freundliche Angebot, uns jederzeit an seiner maskulinen Schulter ausweinen zu können. Bis jetzt gab es jedoch noch keinen Anlass dafür. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, die sich auch in seiner klaren Sprache und seinem Fahrstil wiederspiegelt. Micke ist ein wenig energischer, ebenfalls der Anwendung von Ironie und Sarkasmus befähigt (Juhu, sie verstehen meine Witze!), ungeheuer warmherzig, ein echter Fels in der Brandung.  Das Schöne ist, sie nehmen uns ernst, wollen uns etwas beibringen und sind offen für Vorschläge von unserer Seite. Für sie ist es aber auch elementar, dass wir Schwedisch lernen und so wird uns das ganze Jahr über die Teilnahme an einem Schwedisch-Kurs ermöglicht. Dreimal die Woche machen wir uns dafür auf in das örtliche Gymnasium und haben dort mit anderen Immigranten – zu einem Großteil Flüchtlinge u.a. aus Afghanistan – Schule. Da wir nicht mehr das Alphabet schreiben lernen brauchen und das Deutsche mit dem Schwedischen verwandt ist, wurden wir als blutige Anfänger in den Fortgeschrittenenkurs gesteckt. Noch fühle ich mich ein wenig verloren, merke aber, wie ich von Stunde zu Stunde Fortschritte mache.

***

In meiner Unizeit besuchte ich Seminare zur Interkulturellen Kommunikation und Kompetenz. Doch wer hätte ahnen können, auf was ich hier treffe. Sie sprachen von Kulturschock, aber niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass er so tief sitzen kann.

Wie soll man sich schließlich als tugendhafter Deutscher in einem Land zurecht finden, dass die Kaffeepause (fika) zum Volkssport erklärt, in welchem das Wort „Stress“ in keinem Lexikon existiert und in welchem die Autofahrer freundlich lächelnd an einem Fußgängerüberweg halten?

Die erste Lektion in diesem sonderbaren Land habe ich gleich am 1. Tag von meinen zwei entzückenden Chefs eingebleut bekommen: „Don’t stress, you are in Sweden now! Don’t worry, everything will be alright. Please don’t hesitate to tell us, if you have any problems.“

BÄM. Das war ein schwerer Brocken. Doch zusammen mit meiner deutschen Mitbewohnerin Juliane versuche ich mich jeden Tag dem schwedischen way of life ein Stückchen zu nähern. Ich bin dankbar, dieses harte Leben nicht alleine meistern zu müssen. Um die seelischen Belastungen zu ertragen, denen wir hier zweifelsohne ausgesetzt sind, betäuben wir uns regelmäßig mit schwedischem Gebäck und Blaubeeren.

Letztere haben wir mit unseren eigenen, zarten Fingerlein im Wald gepflückt – und davon tiefgekühlte Vorräte angelegt, um auch kulinarisch über den real existenten Winter zu kommen.

Blaubeeren im Wald
Juliane och jag plocka blåbär

Ähnlich wie von Blaubeeren ist der gesamte Wald auch von genießbaren Pilzen übersät. Zehn Minuten sammeln reichen im Durchschnitt aus um einen achtköpfigen Bauarbeitertrupp oder vergleichsweise meine temporäre speisophile Viererwohngemeinschaft satt zu bekommen. Darüber hinaus besteht sogar die Mögklichkeit, ungeliebte Personen zum Essen einzuladen und ihnen ein paar weniger bekömmliche Exemplare unter die Pilzpfanne zu mischen – dahingehende Ambitionen scheiterten bisher einfach am persönlichen Nichtbekanntsein mit einem solchen Individuum.

Ein Fliegenpilz. Er befindet sich für den Fall der Fälle in meiner Tiefkühltruhe.

Das muss natürlich nicht zwangsläufig schlecht sein – die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft der Schweden wird mit trotzdem allmählich suspekt. Im IDEUM fragte ich den Leiter der Schreinerei vor zwei Wochen, ob er zufällig Hohlraumdübel in der Werkstatt rumliegen habe. Ich beabsichtigte mein Zimmer mit einem feschen Wandregal in Königsblau aufzuwerten – passend zu meinem ebenso feschen Schreibtisch. Da mein Vermieter jedoch aus ökonomischen Gründen die günstige aller Wände (eine einfache Rigipsplatte) wählte, war ich auf solche High-Tech-Hilfsmittel angewiesen. Die Uhr zeigte 15:30 Uhr an, Feierabend in der Werkstatt. Draußen goss es in Strömen und der ganze Hof schwamm. Mit der Entschlossenheit des Prinzes, der sich durch die meterhohen Ranken kämpft um Dornröschen aus ihrem 100-jährigen Schlaf zu befreien, stürmte Jan-Åge aus der Werkstatt, schlug  sich zu seinem Auto durch, fuhr zum nächsten Baumarkt und kam in erfüllter Mission mit den Dübeldingern zurück. Ich wurde zur Sprachlosigkeit verführt.

***

Das mit dem Regen ist übrigens kein einfaches Thema. Der diesjährige Sommer in Arvidsjaur war sonnig und trocken. Ab dem Tag unserer Ankunft hat es eine Woche nahezu ununterbrochen geregnet. Die Schweden sahen darin einen kausalen Zusammenhang und beschworen uns, etwas zu unternehmen. Mist, dachte ich. Da habe ich zu meinem 23. Geburtstag doch Bibi Blocksbergs Hexenprüfung geschenkt bekommen und nun fällt es mir auf die Füße, dass ich statt diese elementare Ausbildung wahrzunehmen „lieber“ Hausarbeiten bzw. meine Bachelorarbeit geschrieben hab. Mein Bildungsdefizit habe ich augenblicklich ausgeglichen und kann nun stolz berichten, zumindest kurzfristige Erfolge erzielen zu können. Im Folgenden präsentiere ich euch einige Photos, die an dieser Stelle als Beweis dienen sollen. Zunächst betrifft dies ausschließlich Bilder, die ich in Arvidsjaur aufgenommen habe – ich möchte euch nicht gleich mit zu vielen Eindrücken erschlagen, die ich in drei Wochen sammeln konnte! Es sind hoffentlich auch so genügend schöne Photos dabei.

Arvidsjaurs Hauptstraße

Einer der vielen Seen die es hier in jede Himmelsrichtung gibt

Zur Unterstreichung dieser Aussage: Gleich noch ein See

... und noch einer

Der Bahnhof

Ein kleiner Ausflug zu einer Aussichtsplattform

Und ein Erinnerungsphoto mit den vorherigen "Freiwilligen" Marlene (l) und Julia (r), sowie einer Teilnehmerin des Leonardo da Vinci Programms Soukaina (3. v l), Juliane (2. v l) und ich (na? wo? wo? wo?)

Abendstimmung in Arvidsjaur

Die Kirche von Arvidsjaur - sicherlich nicht das letzte Mal ein Motiv

Was für Bibi ihr Besen Kartoffelbrei ist, ist für mich mein Military Bike. Zusammen haben wir schon so manches Abenteuer erlebt, einige sind einen eigenen Blogeintrag wert. Doch hier, stelle ich euch dieses Meisterwerk von Ästhetik und Dynamik erst einmal visuell vor – zusammen mit seiner sonderbaren Art, wie es Tag für Tag versucht, meine Zuneigung zu gewinnen – durch Umarmungen, hart wie Eisen.

I love my Military Bike

... even when it hurts.

Das ist doch ein schöner Abschluss für das erste Lebenszeichen aus Lappland – ganz im Sinne der Romantiker unter uns.