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Archive for the ‘Freizeit’ Category

Einmal Chemnitz. Immer Chemnitz.

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Und dabei begann alles so unschuldig. Im März bekam ich hohen Besuch hier im beschaulichen Arvidsjaur. Anna und Markus – zwei Studienfreunde aus Chemnitzer Zeiten gaben sich die Ehre, mich bei ihrer Schwedenrundreise zu berücksichtigen. Empfänglich für nordschwedische Sehenswürdigkeiten wollten sie beeindruckt werden. Den Anspruch wollte ich als Lapplands charmanteste Reiseleiterin der Herzen mit der goldenen Anstecknadel für Kundenzufriedenheit natürlich gerne erfüllen.

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Mittwoch:

Um alte Zeiten zu glorifizieren legte ich erstmal Kraftklub auf, als ich meinen Besuch völlig entkräftet vom Arvidsjauer Busbahnhof (ja, der existiert tatsächlich) abholte. Die vergangene Nacht verbrachten sie in einem Schlafwagon mit einem sehr zwielichtigen Russen. Viel redeten sie nicht darüber, ich hoffe einfach, niemand von ihnen wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Nachdem sie sich in Göteburg in einem 4-Sterne-Hotel am Portal vorbei schummelten und dort residierten, wollte ich sie auf den Boden der Tatsachen zurückholen und sie vor einem Versnoben bewahren. Große Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg können wir uns schließlich nicht machen. Außer Markus vielleicht. Der wird ja jetzt Inschenör.

Arvidsjaur platzt in diesen Tagen aus allen Nähten. Cartester aus verschiedenen Nationen, vorrangig aber aus Deutschland bevölkern sämtliche Hotels und Privatwohnungen. Die Hostels unserer Auslandspraktikanten waren ebenfalls alle belegt. In einem der beiden Hostels konnte ich aber noch ein Zimmer buchen, das Teilnehmer normalerweise nicht bekommen, da es die Etikettierung „Nicht schön, aber selten“ verdient. Aber gut, so waren sie gleich nah am Volk. Drei Jahre Chemnitz haben sie auf das, was sie erwartete hinreichend vorbereitet.

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Ein bißchen Glamour sollte ihr erster Abend trotzdem bekommen, damit der Kulturschock nicht zu groß ist. Wir gingen also chic essen. Im Restaurant Venus* [*Hinweis: der Name wurde von mir geändert um bestimmte, dort beschäftigte Erscheinungen nicht öffentlich zu dissen. Inhaltlich passt’s aber genauso gut und Markus fand den eh schöner]  wollten wir mit viel zu großen Pizzen dekadent auf den Putz hauen. Nun bin ich ja schon ein Weilchen in Schweden und beherrsche einen gewissen Grundschatz der Landesprache. Besonders überlebensnotwendiges wie Nahrungsbeschaffung. Frohen Mutes redete ich also auf Schwedisch los (wie ich es im Übrigen immer in diesem Etablisment tat und bisher auch immer eine erfolgreiche Kommunikation zustande kam) und erhielt konsequent (das muss man ihr lassen) englische Antworten wie auch eine englische Speisekarte. Ich war des Schwedischen nicht würdig. Das war ein herber Rückschlag in meinem Auslandsjahr. Vorgeführt vor meinen Freunden. Zum Glück sieht man sich immer zwei Mal im Leben, wie ich an späterer Stelle noch erläutern werde. Doch drei Frohnaturen wie wir lassen sich nicht den Abend durch eine Dummtröte vermiesen und schon gar nicht eine Woche voller Abenteuer – zumal schon die nächsten kulturellen Highlights warteten.

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Freitach:

Für den Freitagaben hatte ich etwas Waghalsiges vor. Ich habe zwei Ingenieure der Sorte „Cartester“, zwei Europastudenten, einen in feindliche Lager Gewechselten und eine Sozialarbeiterin in meine Küche gesteckt um zu gucken, was passiert. Nach sieben Monaten nordschwedischer Einöde lechzte Etwas in mir nach etwas Spannendem, was zum Spielen und Schokolade.

Schokolade wurde mir mitgebracht. Der Rest ergab sich.  Entgegen anfänglicher Sorgen, meine Gäste würden sich vielleicht nicht verstehen, entpuppte sich der Abend als äußerst angenehm. Es gab selbtgekochtes schwedisches Essen und  hin und wieder einen Clip aus deutschem Unterschicht-TV. Nachtischtechnisch wurden wir mit Semlor (eine Art Hefeteig-Windbeutel mit Kadamom, Sahne und Mandelmasse), Kanelbullar (Zimtschnecken) und Kaffee (Kaffee) versorgt.

Voller Tatendrang durch zu viele Endorphine vom Zucker und zu viel Lachen über Frauentausch und Mitten im Leben beschlossen wir, uns zu einem Aussichtspunkt aufzumachen, um nach Nordlichtern Ausschau zu halten. Auf dem eher etwas engen Weg den Berg hinauf wurde unser Kleinbus von einem Mini (!!!) abgedrängt. Beim Versuch, dem unverschämten Cartester-Prollopack Platz zu machen und den Berg wieder rückwärts runter zu fahren, setze ich ungeschickterweise in den nicht unhohen Schnee auf. Der anfängliche Ärger wich bald einem wohlig-positiven Gefühl, hervorgerufen durch eine geglückte Übung zur Förderung der Gruppendynamik. Das werde ich für meine Problemgruppen im Hinterkopf behalten.

So. Jetzt bekommt mal schön den Bus aus dem Schnee. Nein, Justin. Keiner arbeitet alleine. Jaqueline, hör auf zu motzen und pack dein Smartphone weg. Du kannst dir auch später noch auf Facebook die Kommentare zu deinem neuen Photoalbum „Ich“ mit 57 Bildern von dir von schräg oben anschauen. Ihr schafft das nur im Team.

Wir haben es jedenfalls geschafft. Am Ende des Tages konnten wir also doch noch die malerische Aussicht über den meltingpoint of globalisation genießen und die Metropole Schwedisch-Lapplands im goldenen Lichterglanz strahlen sehen. Dazu noch der Vollmond. Nur die Nordlichter verweigerten sich uns Romantikopfern.

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Samstach:

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das Wochenendprogramm sollte so hochwertig weitergehen, wie es eingeläutet wurde. Wir standen früh auf und hatten Großes vor. Der Wintermarkt in Arjeplog – ca. 1 Autostunde von Arvidsjaur entfernt. Noch nie etwas von Arjeplog gehört? Nix verpasst. Außer vielleicht das Café Nelly’s, welches uns für gefühlte 27 und tatsächliche 3h ein Obdach bot und uns mit Heißgetränken versorgte. Den Markt hatten wir nämlich in ca. 10 min abgelaufen und uns recht schnell dagegen entschlossen, einen ausgestopften Fuchs oder Baumwollschlüpfer zu kaufen. Nur bei dem Prinzessinenkostüm haben wir alle kurz überlegt, aber da wir uns nicht einigen konnten, wem es am besten steht, haben wir alle aus Solidarität auf den Kauf verzichtet.

Wir hätten wissen müssen, dass unser Fahrer uns den wundervollen Ausblick über Nordschweden nicht aus Menschenliebe zeigte, sondern, dass es mehr eine Wiedergutmachungsleistung im Voraus darstellte, eine Entschädigung für 3h Geiselhaft in einem Kaff, das noch weniger die Bezeichnung Zivilisation verdient als Arvidsjaur.

Arjeplog ist ein wichtiges Zentrum für die Autotestindustrie. Dass diese auch in Arvidsjaur ihre Zelte aufschlug, ist mehr ein Zufall. Unsere Mitfahrgelegenheit war ein Berufsautopaparazzo, der sich vor Wochenabschluss noch einmal auf die Lauer nach geheimen Prototypen legen wollte. Da der Mann sein Lebensunterhalt damit verdient, hatten wir zwar durchaus Verständnis für die Konfrontation mit seinem Vorhaben, nachdem es schon zu spät für uns war, abzuspringen – wir hätten nur einfach die Rommé-Karten mitnehmen sollen. Oder Betäubungsmitteln.

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Endlich zurück in der Home-Zone blieb auch nur noch Zeit für eine kurze Krimifolge in der ZDF-Mediathek und Annas und Markus entnervte Kommentare zur Hauptdarstellerin, ehe ich mich auf einen weiteren Programmpunkt vorbereitete, dem Anna und Markus leider nicht beiwohnen konnten. Nachträglich betrachtet ist das gar nicht so schlecht, ansonsten hätte ich wohl meine Manieren schon am Samstach vergessen und wäre back to the Chemnitzer Roots gegangen.

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Immernoch Samstach:

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Ich war eingeladen. Auf die Abschlussveranstaltung der Autotestsaison von Continental. Chic im Laponia – dem örtlichen Hotel. Kulinarische Leckereien in Aussicht, habe ich mich im Nelly’s zurückgehalten und den anderen den Großteil der Überlebensbeute überlassen. Ich hatte also ein kleines Hüngerchen. Es wimmelte bei dieser Veranstaltung nur so von Karrierten-Hemden-Trägern, der Frauenanteil hielt sich STARK in Grenzen. Trotz meiner liebreizenden Erscheinung im Freundlichkeit botschaftenden Pünktchenkleid erntete ich verschüchterte und aufgeschreckte Blicke, als kenne man im Kosmos einiger Maschinenbauer Weiblichkeit nur in Form von Gundula Gause beim Heute-Journal oder der Bikinigirls auf den Badezimmerpostern ihrer ehemaligen Studenten-WGs. So viel Aufmerksamkeit behagte mir nicht. Ich setzte mich artig und verlegen zu Michael und Flo, versuchte mein Lächeln nicht ganz so gequält aussehen zu lassen und nahm mir für den Abend vor, einfach nicht negativ aufzufallen. Zum Glück wurde das Buffet bald eröffnet, sodass ich die langsam durch den Hunger in mir aufkommenden Aggressionsflammen sanft ersticken konnte, ohne Schaden angerichtet zu haben. Das Essen war sehr lecker, alles schwedische Küche – dazu gab es einen wirklich guten Rotwein, der aus dem schüchternen Ingenieurvölkchen ein schüchtern-kicherndes machte. Besonders hervorzuheben am Menü ist der Mohrrübenkuchen, den es als Dessert gab. Ich hatte extra GANZ VIEL Platz für den Nachtisch in meinem Bauch gelassen und der musste jetzt gefüllt werden. Die Kuchenstückchen waren ziemlich klein geschnitten, sodass man mit 1-2 wahrlich nicht auskam. Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut, mir welche zu holen und habe Micha und Flo vorgeschickt. Ihre Kollegen wären sonst bald dem Eindruck erlegen, die beiden hätten ein ausgehungertes Straßenkind aufgegabelt, dass sie im nächsten Moment mit Hütchen-Spiel abzocken würde.

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Es war höchste Zeit, weiterzuziehen in Richtung Pub – wo das Scheinwerferlicht wieder anderen Damen galt. Dort trafen wir uns mit Anna und sie war fasziniert in welchem Maße der Stereotyp von immer top und stilvoll gekleideten Schwedinnen und Schweden hier nicht zutraf. Vielmehr waren wir in einer Freak-Show gelandet: Fleischwurstbarbie im Prostitutiertenoutfit meets Inzestmoppelchen im Prollo-Look. Holla die Waldfee. Was für eine Augenweide. Auch meine Lieblingskellnerin vom Mittwoch trafen wir hier wieder. Sie trug ein verunglücktest Baby One More Time Schulmädchen Outfit: Ein asymetrisches Top mit diagonalen Streifen in den Farben schwarz und weiß, dazu ein schwarz-pink-karriertes Faltenröckchen und – wie könnte es anders sein – WEißE Stiefel! Im Gesicht sah sie aus, als wäre Der Joker ihr stilistisches Vorbild. Dass sich so eine verunglückte Clownsfigur die Frechheit herausnahm, meine interkulturellen und linguistischen Bemühungen mit Füßen zutreten, nagte immer noch an meinem Stolz. Ich wurde aber kurze Zeit später aufgeheitert, als Michael völlig verstört von der Toilette zurückkam. Die Sanitäranlagen sind in der Kneipe nicht geschlechterspezifisch getrennt und so kam es, dass ihm ein Grüppchen Tailänderinnen auflauerte und eine der Damen ihn fragte, ob sie nicht mit ihm auf die Toilette gehen könne. Da in Schweden Prostitution illegal ist, kann sich der Leser den Rest denken.

Zwei Uhr war Zapfenstreich, die Bürgersteige wurden hochgeklappt und wir gönnten uns etwas Schlaf für den finalen Tag.

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Sonntach

Um als Programm- und Wohlfühlverantwortliche meiner kleinen Reisegruppe noch einmal richtig zu punkten, ging es am Sonntach zu den ca. eine Autofahrtsstunde entfernt liegenden Stromschnellen Storforsen. Diese wollte ich sowohl Anna und Markus als auch ein paar von den Autotestern zeigen, ehe sie nach hause fuhren. Wir hatten tollen Wetter und starteten gegen Mittag. Mein Frühstück fiel bescheiden aus, nach 1-2 Gläsern Rotwein am vorherigen Abend wollte ich bei der Autofahrt kein unnötiges Unwohlsein riskieren, schließlich musste ich Anekdoten zu diversen Bäumen oder Schneehaufen erzählen können. Liegt kein Schnee, so gibt es einen Weg, den man von unten bis ganz nach oben zu den Wasserfällen laufen kann. Doch die Brücke war aufgrund zu viel Schnees gesperrt. Dessen war ich mir bewusst und lotste unser Grüppchen gleich den befahrbaren Weg nach oben, in der Annahme, ein wenig dort zu verweilen, die Natur zu genießen und wieder umzukehren. Ich hatte die Rechnung ohne die abenteuerlustigen Autotester gemacht. Oben fanden wir die reinste Eispiste vor, es war schwer genug, die letzten Meter zu den Wasserfällen zu Fuß zurückzulegen, aber nein, die holden Herren, bewegungshungrig und risikofreudig, haben sich in ihre Köpfen gesetzt, den Weg zumindest wieder runter zu laufen. Wen interessiert der 1m -hohe Schnee und der Eisregen auf dem Rest des Weges. Zum Glück hat uns einer der Jungs mit dem Auto herunter gefahren, ich verspürte wenig Lust, mir den Hals an einem sonnigen Wintertag im März zu brechen. Wir warteten im unten gelegen Hotel auf den Rest.

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Immer noch Sonntach, immer noch Storforsen

Die drei Stunden, die ich für den Ausflug einplante, waren längst vorrüber, der Mohrrübenkuchen vom Vortag war langsam, aber sicher verdaut und ein nichts Gutes versprechender Hunger stieg in mir auf. Meine Anspannung fiel auch den Anderen auf. Mit jeder Minute wurde ich ungeduldiger und gereizter. Zunächst aggro, dann schwach und meinem Schicksal – elendig in der schwedischen Pampa verhungern zu müssen – ergeben. Wir hatten wieder keine Rommé-Karten dabei. Unser Photographen-Fauxpas hätte es uns besser wissen lassen müssen, wie schnell man ungewollt irgendwo im Norbotten-Nirgendwo stranden kann. Mittlerweile waren 4.5h seit dem Aufbruch vergangen. Macht 5.5h seit dem spärlichen Frühstück, macht 21h seit dem Mohrrübenkuchen. Ich wurde zur Gefahr für  meine Umgebung. Unschuldige würden bald sterben. So viel war klar. Ich bereitete mich schon auf eine unaufhaltsame, übermächtige Aggressionswelle vor, die kurz vor bevorstehender Ohnmacht irreparablen Schaden an meinem Mitmenschen angerichten würde. Doch dann kamen endlich die Hardcore-Wanderer zur Tür herein und einer von ihnen war tatsächlich so vorausschauend und trug Proviant bei sich (hätte ich auch, wenn ich von der geplanten Expedition gewusst hätte). Ich bin Timo noch heute so sehr für seine Güte und Großzügigkeit dankbar, da er mir eine Birne und einen halben Schokoriegel abgab und somit meinen Körper daran hinderte, seine lebenserhaltenden Funktionen allmählich einzustellen. Die sich ankündigende Katastrophe konnte vorerst erfolgreich abgewandt werden. Zwar taten die Männer belustigt, mich so zu sehen, aber ich glaube fest daran, dass sie nur versuchten, die Angst zu überspielen. Wir fuhren zurück nach Arvidsjaur. Auf der Fahrt besprachen wir ernste Themen. In den vergangen Tagen hatte ich Anna und Markus öfter mit dem Satz „Benehmt euch mal, wir sind hier nicht in Chemnitz.“ gemäßigt und dafür reichlich Kritik eingesteckt, da die beiden meinten, ich könne nicht auf ewig meine Herkunft verleugnen und solle zu dieser industriellen Perle Sachsen stehen, in der wir gelernt haben uns durchzuschlagen. Diesen Wunsch und Rat zugleich beherzigte ich – vielleicht mehr, als die beiden und ich es uns hätten träumen lassen.

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Zwar noch Sonntach, aber immerhin wieder inmitten einer Ansammlung von Häusern

Zuhause wollten wir zur Feier des Tages, das alle noch am Leben sind, gemeinsam Essen gehen. Beim Zwischenstopp zuhause, bei dem Markus, Anna und ich noch unser Geld holen wollten, stopften wir uns alles Essbare, das wir auf die Schnelle finden konnten in unsere ausgehungerten Münder. Wir hatten nur 2 Minuten. Im Nachinein muss ich sagen, dass diese Entscheidung mein erstes Körperverletzungsdelikt vereitelt hat. Nachdem zwei anvisierte Restaurants am Sonntagabend geschlossen hatten, landeten wir am Ende doch wieder in der Venus. Zu unserer aller Freude war auch die Jokerin wieder da. Wir waren eine große Gruppe und konnten noch die letzten Plätze im Restaurant ergattern. Allerdings reichten die englischen Speisekarten nicht aus. Als ich der Dummtröte auf Schwedisch sagte, dass ich (und Flo) auch eine schwedische Speisekarte nehmen würden, sagte sie nur „Aber die ist auf Schwedisch.“ Ach. Sag bloß. Ich war mit den Nerven am Ende und sagte nun mehr in etwas rauerem Chemnitzer Ton, dass mir das egal wäre. Statt eine Reaktion abzuwarten, nahm ich der Mitarbeiterin des Monats die Entscheidung ab und entwendete ihr die verdammte Speisekarte. Das Ganze wirkte wohl etwas aggressiver, als ich die Intention hatte. Markus sah mich schockiert an und befürchtete anscheinend, dass ich der Trulla gleich meine Gabel in den Arm ramme, wenn sie mir noch einmal blöd käme. Ich gebe zu, der Gedanke war verlockend und für einen Moment zum Greifen nah. Doch die Schokolade, die ich mir vorher verabreicht habe, hat mich soweit besänftigt, dass ich an mich halten konnte und sie noch einmal davon gekommen ist. Ein Hausverbot in der Venus wäre auch deprimierend, da die Auswahl an Gaststätten in Arvidsjaur eher bescheiden ist. Die berufsverfehlte Kellnerin habe ich danach zum Glück nie wieder gesehen.

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Jetzt hatte ich bei der Firma Continental endgültig und für alle Ewigkeit den Ruf als verfressene, unberechenbare und gemeingefährliche Kreatur versteckt im Körper der Unschuld vom Lande weg. Wahrscheinlich werden im nächsten Jahr Plakate in den Büros aufgehangen, die vor mir warnen. Aber keine Sorge, liebe Conti-Menschen: Dann bin ich gar nicht mehr hier, ihr habt nichts zu befürchten!

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Das Schicksal zeigte sich an diesem Abend nach den aufreibenden Ereignissen sehr versönlich. Zunächst konnten wir gemeinsam einen Münsteraner Tatort wie in alten Zeiten sehen und dabei einen edlen Tropfen von der Saale-Unstrut (anders als im Weltecho 😉 ) genießen und anschließend Zeugen eines Naturspektakels werden, auf das wir zwei Abende zuvor vergeblich warteten. Am Himmel leuchteten die bisher stärksten Nordlichter, die ich während meines Aufenthalts hier sehen konnte und verwandelten die Stadt in einen mystischen Ort. Ich war so gebannt von dem Anblick, dass ich gar nicht erst versucht habe, stümperhafte Bilder anzufertigen, die die Eindrücke doch nicht annähernd hätten einfangen können. Zum Glück habe ich ein paar Tage zuvor Guido kennengelernt – auch ein Photograph, der mir freundlicherweise ein paar seiner Aufnahmen gab und ich sie euch jetzt zeigen kann:

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

In meinen Augen das gebührende Ende, was diese Chemnitzer Reunion in Arvidsjaur verdient hat und genau das, was ich mir als Reiseleiterin für meine zwei Ehrengäste gewünscht habe. Seit dieser Woche versuche ich übrigens das Stückchen Chemnitzer Sonnenberg in mir nicht mehr zu unterdrücken, sondern gebe ihm genügend Raum. Ich habe gemerkt, vor allem bei den Jugendlichen aus Deutschland mit teilweise schwierigem Hintergrund, die ich hier betreue, zieht das recht gut.

Wer hätte gedacht, dass so ein dreieinhalbjähriges, soziales Experiment am Ende noch zu etwas gut ist?!

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Ein braves Mädchen zu sein, lohnt sich. Sagt man immer. Stimmt aber auch. Sonst hätte uns der Weihnachtsmann dieses Jahr wohl kaum eine X-Box geschenkt. Und dass, obwohl wir nicht einmal ein Gedicht aufgesagt haben. Gut. Eigentlich war es meiner Vater, der dieses Geschenk an sich und uns gemacht hat – und aus früher Kindheit weiß ich, dass er nie etwas von diesem Weihnachtsgedichtsritual gehalten hat. Habe ich doch immer versucht, ihn vor der Rute zu bewahren und mich schützend mit meinem unerschöpflichen Gedichtsrepertoire vor ihn zu werfen und ihn vor diesem gewalttätigen, alten Mann zu schützen. Genützt hat es selten etwas. Viel zu viel Freude schien er an der Verwendung der Rute zu haben.

Aber gut, das ist nicht das eigentliche Thema. Es soll vielmehr um die Folgen dieses Geschenks gehen. Natürlich hat es uns allen in den Ferien aureichend Beschäftigung beschert. Meine Schwester kaufe sich dann ein Phantasie-Rollenspiel, das wir zwei mit Hingabe spielten. Die Hauptfigur ist ein Held bzw. eine Heldin, die ihr ganzes Leben dafür verwendet, den Tod ihrer Schwester zu rächen und den Oberbösewicht und Mörder dieser daran zu hindern, die Weltherrschaft an sich zu reißen und ihn umzubringen. Soweit, sogut.

Man muss seinen Charakter, im Nahkampf, mit Fernwaffen und Magie ausbilden. Die eigenen Taten entscheiden darüber, ob man gut oder böse ist.  Z.B. kann man Bürger bestehlen und erpressen. Man kann ihnen aber auch etwas schenken und seine Selleriestangen ehrlich erwerben. Begleitet wird man von einem süßen Wauzi, dem man allerlei Tricks beibringen kann und der die Schurken dann die finale Behandlung gibt, wenn sie am Boden liegen und immer noch frech werden wollen.

Natürlich wird jetzt jedem klar sein, dass zwei engelsgleiche Wesen wie mein Schwesterlein und ich durch und duch gut sind und unsere Figuren schon munter und fidel mit einem Heiligenschein durch die Landschaft hopsen. Das kann aber auch einige Nachteile mit sich bringen.

Erst einmal wollen eine plötzlich alle heiraten. Klar. So eine durchtrainierte Heldin, die Bösewichte ordentlich verkloppen kann, da kann man schon mal schwach werden. Doch wie im echten Leben ist auch das Selbstbewusstsein einiger Phantasiewelt-Bürger dort unbegründet. Alte Fettsäcke mit Halbglatze wollen meinen Charakter nötigen, ihnen seine Liebe zu beweisen und mit einem Ring zu besiegeln. Diese aufdringliche Meute folgt einem bis ins eigene Haus ohne dass sie jemand eingeladen hätte. Es ist an der Zeit, jede Menge unhöfliche Ausdrucksmittel anzuwenden, damit sie von alleine gehen. Ab und zu habe ich auch schon mal die Knöpfe verwechselt und versehentlich ein paar Energiebälle heraufbschworen oder irrtümlicher Weise das Schwert gezogen. Dabei habe ich jedoch nicht einmal den Sicherheitsmodus deaktiviert und diesen ganzen aufdringlichen Schmierlappen ist überhaupt nichts passiert. Trotzdem regt sich das Pack auf einmal tierisch auf und wird ausfällig. Wenigsten verlassen die so das Haus. Wo sind hier bitte die Rechte des Opfers. Anti-Stalking-Gesetze scheint es da ja noch nicht zu geben.

Eines Tages flehte ein weiblicher Geist meine Figur um ihre Hilfe an. Er war in einer Zwischenwelt gefangen, nachdem er sich als Mensch das Leben genommen hat, weil er vorm Altar sitzen gelassen wurde. Meine Heldin sollte nun den Bräutigam finden und zwar nicht mit ihm den Boden wischen, doch aber sein Herz brechen, damit der Geist Frieden finden kann. Den Typen zu bezierzen fällt nicht schwer, wenn diese alten Lustmolche auch ringsherum lauern. Bekommt man dann aber die Möglichkeit, ihm den Brief seiner einstigen Braut zu übermitteln, gesteht der Honk plötzlich von sich aus sein Fehlverhalten. Na toll. Dann hat man nur noch zwei Möglichkeiten: Ihm den Brief zu geben und ihn in damit den Selbstmord zu treiben oder ihn zu heiraten. Das prangere ich entschieden an. Warum gab es nicht die Möglichkeit „Ihm nicht den Brief geben und abhauen“. Ich konnte niemanden, der sich für seine Erbärmlichkeit entschuldigt, den Todesstoß verpassen.  Ethik-Unterricht sei dank. Wohl oder übel musste mein Charakter diese Person heiraten. Der Geist war froh, dass ich seinen Plan nicht ausgeführt habe und konnte erlöst in die andere Welt entschwinden. Wenigstens einer.

Meine Figur hat den jetzt an der Backe. Da hat es meine Schwester besser abgefasst. Ihre Figur hat einen bisexuellen Mönch geheiratet, der ihr ständig Geschenke macht. Also eindeutig die richtige Wahl.

Die pensionierten Perverslinge lauern übrigens selbst jetzt noch im Haus meiner Heldin. Sogar dann, wenn sie sich mit ihrem Zwangsehemann um die Reproduktion ihrer Gene kümmert, ehe sie wieder 10 Jahre in einem Turm verbringen muss, um ihrem Erzfeind ein Stückchen näher zu kommen.

Da lob ich es mir doch, täglich aufs neue „nur“ mit dem ganz normalen Wahnsinn konfrontiert zu sein, noch dazu mit jemandem, der es nicht nur auf meine bisher noch ausbleibende Berühmtheit abgesehen hat.

Ok, eine unleugbare Parallele gibt es doch. Hier in Schweden sind heute auch (mal wieder) einfach Menschen in meine Wohnung gekommen und haben eine Waschmaschine gebracht. Ohne zu klopfen. Zum Glück ziehe ich bald um und es fühlt sich nicht mehr jeder dazu berechtigt,aufforderungslos unsere Wohnung zu betreten. Ich habe mich aber trotzdem gut benommen und diesen Personen mit mangelnden Manieren einen Kaffee angeboten. Haben wollten sie ihn nicht. Vielleicht hatten sie Angst, ich würde sie vergiften wollen. Wollte ich ja gar nicht…

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Ausgehen in Schweden ist so eine Sache. Grundvorraussetzung ist erst einmal, dass man ein Menschenfreund ist.  Erfüllt man diese Vorraussetzung, bietet sich einem die Möglichkeit für Sozialstudien, von denen man in Chemnitz nur träumen kann.

Nun ist es so, dass in dem beschaulich-idyllischen Städchen Arvidsjaur nicht allzu viel los ist.  Es gibt genau einen Pub – und ein Hotel, das Diskos veranstaltet. Konkurrenz ist dementsprechend inexsistent. Daher kann es sich der Pub neben der unfreundlichen Bedienung auch leisten,  jede Woche die schlechteste Playlist der Welt zu spielen – bestehend aus den immer wiederkehrenden, gleichen 15 Songs. Beim Anhören dieser könnte man fast denken, David Guetta, Katy Perry und Florian Silbereisen hätten exklusiv für besagten Pub eine neue Musikrichtung erfunden die hier – und nur hier gespielt werden darf.  Vielleicht gibt es jemanden, der das zu würdigen weiß, einem Musikfaschisten wie mir jedoch lassen die Klänge das Messer in der Tasche aufgehen.

Sogesehen kann man der hiesigen Bevölkerung nicht wirklich vorwerfen, dass sie sich in großen Schritten zur Bewusstlosikeit betrinkt. Jetzt wäre es jedoch unfair nur besagtem Etablisement die Schuld für das Unvermögen vieler Schweden zuzuschreiben, das richtige Maß im Alkoholkonsum zu finden. Denn auf anderen, privaten Parties sieht es nicht besser aus. Da kann man sich die Sicherheitskräfte, die es in dem Pub glücklicherweise gibt, manchmal einfach nur noch herbei wünschen.

Viele der Schnapsleichen haben auf meine Frage, warum sie unbedingt 4 Promille im Blut haben müssen um etwas als Party definieren zu können, geantwortet, dass ihre Kultur eher eine reservierte sei und sie durch einen bestimmten Alkoholpegel ihre Schüchternheit reduzieren wollen (natürlich haben sie es nicht SO gesagt, ich habe nur versucht, es in eine offiziell anerkannte Sprache zu übersetzen). Leider verpassen sie den Moment des Aufhörens, was ihre Chance darauf, etwas von der so bekämpften Reserviertheit zu haben, ein wenig schmälert. Personen, die kaum noch laufen können und die Fähigkeit verloren haben, sich zu artikulieren, fällt es meistens auch schwer Sex zu haben bzw. jemanden zu finden, der sich für jenes Unterfangen zur Verfügung stellt.

Natürlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sich klar von solchen Gewohnheiten abgrenzen, dennoch ist das beschriebene Phänomen hier sehr präsent. Man muss den Schweden zugute halten, dass sie zumindest unter der Woche nicht trinken- und dann scheinbar am Wochenende einiges nachholen müssen.

So kam es, dass sich meine Begeisterung am vorgestrigen Abend in Grenzen hielt, als mich die Ungaren, die ich hier neben anderen Gruppen betreue, fragten, ob wir uns auf ein Bier im Pub treffen wollten.

Hatte ich mich doch gerade von einer Feier zum 15. Geburtstag einer Kolumbianerin davonstehlen können, auf welcher ich gezwungen war, enger als mir lieb war mit einem Chilenen um die 50 (ein bißchen hat er mich an den Araber aus dem Cardiff-Bus erinnert, nur älter und weniger Haar – vielleicht schaltete sich ja angesichts der Konfrontation mit einem meiner größten Traumata mein seit dem sehr ausgeprägter Fluchtreflex ein) zu tanzen und die Alternative eine Horde temperamentvoller Teenagerjungs gewesen wäre. Ich war einfach nicht so stark und rhythmisch wie meine Mitbewohnerin und Kollegin Juliane, die sich so viel besser unter das Partyvolk mischen konnte und nach meinem Abgang noch weitere Stunden auf der Feier verweilte. Sie hatte meine Bewunderung.

Mein kleines, schwaches Herz hingehen musste sich erst einmal erholen. Es sah freudig einer mittelmäßigen Romanze und Eiscreme entgegen um nach jenen Strapazen wieder zu Kräften zu kommen. Doch der Snoopy-Schlafanzug musste warten.  Ich mag „meine“ Ungaren schließlich und wenn sie ihre Englischlehrerin und Betreuungstrulla schon an ihrem Wochenende sehen wollen, dann kann ich ja ein wenig Entgegenkommen zeigen und es eine Stunde in der Kneipe aushalten, Hardcore-Trance-Musikantenstadl hin oder her.

Ich raffte mich also auf und bekam dann mit, dass der Pub geschlossen war. Mein Herz schrie nach dem flauschigen Pyjama. Wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Zwei der ungarischen Jungs standen vor meiner Wohnung um mir zu sagen, dass ich mich nicht auf den Weg zu machen brauchte. Es wäre unhöflich gewesen, sie nicht reinzubitten. So saßen wir da, plauderten nett und tranken ein Gläschen deutschen Schnaps, den mir meine treusorgende Oma für kalte Winternächte zugesandt hat. Ich empfand die Zeit als wirklich angenehm. Selbstverständlich hätte ich wissen müssen, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Es klopfte wieder. Diesmal war es der Chef meines italienischen Mitbewohners Ugo und irgendwelche Verwandtschaft, die um Einlass baten. Ihre Beweggründe kannte ich nicht. Sie wollten weiter zur „Disko“ ziehen und nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ugos Chef konnte ich schlecht die Tür vor der Nase zuknallen, also gesellten sie sich zu uns. Drei Männer jenseits der 40. An diesem Abend habe ich gelernt, dass es auch unhöflich sein kann, Männer auf Alter hinzuweisen. Zumindest, wenn sie selbstbewusst ihre Jugend und Schönheit so einschätzen, dass sie locker eine 24-Jährige anbaggern könnten. Juliane war zunächst noch auf der Geburtstagsparty, ich war also allein unter Männern. Doch sie reagierten gefasst, als ich ihnen versinnbildlichte, dass ich ja schon einen Papa hätte und dass sie an den auch niemals herankämen.

Ich wurde gefragt, warum ich nicht ausginge, die Disko sei heute schließlich voll mit Menschen. Als ich mit „Eben deswegen.“ antwortete und insgeheim befürtchtete, dort auch dem Cardiff-Araber-Verschnitt oder sonst einem paarungsfreudigen Temperamentbündel zu begegnen, verwechselten sie meine Bemerkung irrtümlicherweise mit einem Witz statt der Wahrheit.

Sie waren beschwipster als ich zunächst annahm und eine weitere Unterhaltung mit den Ungaren war kaum noch möglich. Die Sucht der anderen Gäste nach Aufmerksamkeit äußerste sich dafür zu auffällig. Einer unter ihnen stellte sich als Profiwrestler heraus und forderte die Jungs zum Duell im Armdrücken auf.  Naja. Männer. Jedes Mal hat er sich wie ein kleiner Junge gefreut, wenn einen der anderen in dem ungleichen Kampf besiegt hat.

Damit die Luft nicht allzu testosterongeladen blieb, spielte ich als DJ des Abends ein wenig „Save Tonight“ von Eagle Eye Cherry. Das kam an. Tief in ihnen drin, waren sie also doch allesamt Softies. Das heißt jedoch nicht, dass es das besser gemacht hätte. Die Wrestlerkreatur griff mich wie King Kong die weiße Frau und wirbelte mich umher. Zum Glück hatte ich kaum etwas getrunken, sonst hätte mein Magen das wohl kaum überlebt.  Aber gut, dachte ich. Immer noch besser als wenn er mir die Bude zerlegt.

Um sein Gemüt weiter zu beruhigen, ging ich über zu  „Love Is All Around“. von Wet Wet Wet.  Das ging mitten ins Herz. Besänftigt schmiegte er sich an jeden einzelnen der Gäste und gestand ihnen seine Zuneigung.  Doch irgendwas muss ich danach falsch gemacht haben. Ich weiß nicht, ob der Fehler bei Take That oder Britney Spears lag (ich hatte den Eindruck, er sei für 90er besonders empfänglich, aber das war vielleicht eine Fehleinschätzung) oder ob der goldene 80er „Billy Jean“ von Michael Jackson einfach zu viel für ihn war. Er fing an wie ein kleines, nach Beachtung lechzendes Kind um sich zu schlagen und meine armen Jungs zu hauen. Selbst der Ungare mit dem eindrucksvollen Namen Attila und nicht zu verachtenden Oberarmen bat ihn halb verzweifelt, ihn doch bitte endlich in Ruhe zu lassen. Dann ist er vollends ausgetickt und hat sich hysterisch kichernd auf dem Boden gekringelt. Wir waren uns sicher – da schien mehr im Spiel gewesen zu sein als ein paar Bier. Es vergingen einige Minuten. „Genie In A Bottle“ (ich hab es doch einfach noch einmal mit einem 90er Song versuchen wollen) hat ihn jedoch wieder zurück geholt. Puh.

Nachdem Ugos Chef dann auch noch fremde Leute ohne unser Wissen in unsere Wohnung eingeladen hat, war Schluss mit lustig. Juliane, Ugo und ich haben den Besuch freundlich aber bestimmt hinaus komplimentiert. Diese Prozedur hielt ca. eine halbe Stunde an. Immer wieder begann der Wrestler von Neuem alle anderen Menschen durch Zärtlichkeiten in Form unfreiwilliger Umarmungen und in seiner Welt wahrscheinlich sanften Tackleattacken zu bedrängen.

Nungut. Wer sich wie ein Kleinkind benimmt, möchte auch wie eines behandelt werden. Ich versuchte mich an den Ton meiner Mutter zu erinnern, den sie immer auflegte, wenn es ihrer Ansicht nach mal wieder Zeit für mich wurde, mein Zimmer aufzuräumen und ich dahingehend noch ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte. Sie ist eine zarte, feminine Person, doch niemand würde je auf die Idee kommen, sich diesem Tonfall zu widersetzen.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme und dem gleichzeitigen Ausdruck von Strenge und Enttäuschung in meinem Gesicht habe ich ihn aufgefordert, die anderen in Ruhe zu lassen, artig zu sein und sich seine Jacke anzuziehen. Mit glasigen Kulleraugen sah er in die Runde. Wahrscheinlich hat es ihn an seine eigene Mami erinnert – oder an seine Frau. Er wagte keine weiteren Gegenworte. Endlich. Weg waren sie. Ruhe.

Mein Herz stampfte schon eingeschnappt, doch immer müder werdend von einem Bein aufs andere. Endlich bekam es jedoch seinen Willen. Für heute hatte es genug erdulden müssen und der kuschelige Schlafanzug sowie eine Auszeit von diesem Irrenhaufen war viel zu lukrativ.

Jetzt hätte ich noch einen Schnaps gebrauchen können.

(Da ich die Rechte und die Würde Dritter [und auch meine eigene]  nicht verletzten möchte, habe in diesem Beitrag auf  Namen und Bilder verzichtet.)

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Chemnitzer Innenstadt/ Panorama Moritzhof-Tietz/ (Photo: Kolossos)

Als ich meiner Familie und meinen Freunden im Spätsommer 2007 verkündete, dass ich zum Studieren nach Chemnitz gehen würde, konnte ich drei Reaktionstypen feststellen: Der Ungläubige – das war noch der Netteste von allen-, der Hämische – damit konnte ich umgehen – und der Mitleidige – jener war am schwierigsten zu händeln, dachte er doch, dieser Schritt wäre mit einem bewussten Verzicht auf alles Schöne, Bunte und Hochdeutsche im Leben verbunden.

In meinen 3,5 Jahren, die ich in Chemnitz verweilte, haben mich viele der Ungläubigen besucht und festgestellt, dass moderne Errungenschaften wie Strom, Straßenbeleuchtung und Shoppingpaläste nicht an Chemnitz vorbei gezogen sind. Und das obwohl es am Fuße des Erzgebirges liegt und da ja schnell mal etwas verloren gehen kann.

Roter Turm Chemnitz (Designvorlage für die Fit-Flasche)/ (Photo: Reinhard Höll, Nachbearbeitung SW))

Altes und Neues Rathaus Chemnitz/ (Photo: Wüstling)

Die anderen haben sich nicht getraut – zu groß war wahrscheinlich die Angst, das eigene Weltbild könnte ins Wanken geraten.

Doch zurück ins Jahr 2007.

Übers Internet suchte ich mir von zuhause aus mehrere WGs aus, in denen ich dann an einem Tag im Schnelldurchlauf Bewerbungsgespräche als zukünftige Mitbewohnerin absolvierte. In besonderer Erinnerung ist mir ein Typ geblieben, der uns im Schlafanzug die Tür öffnete und – da hat er Konsequenz bewiesen – uns in diesem Out-of-Bed-Look auch seine Wohnung zeigte. Die wurde es aber am Ende nicht.

Stattdessen hat es mich auf den Sonnenberg verschlagen. Für den Laien könnte hier der Name ein wenig irreführend sein, wenn er das erste Mal auf die idylisch-Gandalf-graue Plattenbaulandschaft trifft. Er könnte sie mit einem trostlos-heruntergekommenen Stadtteil verwechseln und sie möglicherweise bösartig als Assiviertel bezeichnen.

Weit gefehlt.

Gründerzeithaus auf dem Sonnenberg/ (Photo: Sandro Schmalfuß)

Der Kenner hingegen weiß, dass hier das wahre Herz der Stadt schlägt. Hier hat das Individuum noch Freiraum um sich zu entfalten. Die Russenmafia kann in leerstehenden, attraktiven Gründerzeitbauten den Traum einer eigenen Marihuana- Plantage verwirklichen, ohne dabei an ihre finanziellen Grenzen zu stoßen oder junges Familienglück aus den Räumlichkeiten vertreiben zu müssen. Hier können Hundebesitzer und ihre Vierbeiner noch unbehelligt an die nächste Laterne urinieren und unbescholtene Bürger ihr 8-Uhr-morgens-Bier am nächsten Discounter in geselliger Runde genießen. Ein Stückchen heile Welt. Ein klein Paris.

Sonnenberger Freiräume/ (Photo: Stadtteilmanagement Sonnenberg)

Die wunderschöne Markuskirche auf dem Sonnenberg/ (Photo: André Pistotnik)

Ich zog in eine Plattenbau-WG mit zwei Germanistik-Studenten, die mir meinen Start in der neuen Stadt ungemein erleichterten. Nadine und Jens nahmen mich mit zu Stadtbummeln, Konzerten und Tatort-Abenden und ich bin ihnen unglaublich dankbar. Unvergessen ist ein Abend für mich im 2. Semester, mitten in der Prüfungszeit, in der wir am Ende eines lernintensiven Samstachs eine Flasche Sekt köpften. Bei der blieb es nicht zwangsläufig. Doch die Erkenntnisse aus unseren philosophischen Gesprächen über das andere Geschlecht haben nachhaltig mein Leben verändert.

Meinen Alltag bereichert haben die Einkäufe im Diska schräg gegenüber unserer Wohnung. Da brauchte man sich keine Gedanken machen, mal kurz in blutbeschmierten Tobesachen rüber zu huschen (dazu war ich einmal gezwungen, da ich beim Gemüseschneiden meine Hand mit den Tomaten verwechselte und keine Pflaster im Haus hatte) – man ist immer noch der oder die am besten gekleidete. Ich habe mehrere Wochen gebraucht, ehe ich die Kassiererin verstanden habe, wenn sie mir das Wechselgeld aushändigte und mir mitteilen wollte, wie viel es denn sei. Siem Eenfuffsch.

Es war ein herber Schicksalsschlag für mich, als ich erfuhr, dass der Diska geschlossen und durch einen identitätslosen 08/15-Discounter ersetzt werden sollte. Da ist ein Stück Sonnenberger Kultur gestorben! Um nicht in Depressionen zu verfallen und dieses Schreckenswerk Tag für Tag vor Augen geführt zu bekommen, bin ich umgezogen. Natürlich bin ich dem Sonnenberg treu geblieben. Ehrensache.

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