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Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

Ausgehen in Schweden ist so eine Sache. Grundvorraussetzung ist erst einmal, dass man ein Menschenfreund ist.  Erfüllt man diese Vorraussetzung, bietet sich einem die Möglichkeit für Sozialstudien, von denen man in Chemnitz nur träumen kann.

Nun ist es so, dass in dem beschaulich-idyllischen Städchen Arvidsjaur nicht allzu viel los ist.  Es gibt genau einen Pub – und ein Hotel, das Diskos veranstaltet. Konkurrenz ist dementsprechend inexsistent. Daher kann es sich der Pub neben der unfreundlichen Bedienung auch leisten,  jede Woche die schlechteste Playlist der Welt zu spielen – bestehend aus den immer wiederkehrenden, gleichen 15 Songs. Beim Anhören dieser könnte man fast denken, David Guetta, Katy Perry und Florian Silbereisen hätten exklusiv für besagten Pub eine neue Musikrichtung erfunden die hier – und nur hier gespielt werden darf.  Vielleicht gibt es jemanden, der das zu würdigen weiß, einem Musikfaschisten wie mir jedoch lassen die Klänge das Messer in der Tasche aufgehen.

Sogesehen kann man der hiesigen Bevölkerung nicht wirklich vorwerfen, dass sie sich in großen Schritten zur Bewusstlosikeit betrinkt. Jetzt wäre es jedoch unfair nur besagtem Etablisement die Schuld für das Unvermögen vieler Schweden zuzuschreiben, das richtige Maß im Alkoholkonsum zu finden. Denn auf anderen, privaten Parties sieht es nicht besser aus. Da kann man sich die Sicherheitskräfte, die es in dem Pub glücklicherweise gibt, manchmal einfach nur noch herbei wünschen.

Viele der Schnapsleichen haben auf meine Frage, warum sie unbedingt 4 Promille im Blut haben müssen um etwas als Party definieren zu können, geantwortet, dass ihre Kultur eher eine reservierte sei und sie durch einen bestimmten Alkoholpegel ihre Schüchternheit reduzieren wollen (natürlich haben sie es nicht SO gesagt, ich habe nur versucht, es in eine offiziell anerkannte Sprache zu übersetzen). Leider verpassen sie den Moment des Aufhörens, was ihre Chance darauf, etwas von der so bekämpften Reserviertheit zu haben, ein wenig schmälert. Personen, die kaum noch laufen können und die Fähigkeit verloren haben, sich zu artikulieren, fällt es meistens auch schwer Sex zu haben bzw. jemanden zu finden, der sich für jenes Unterfangen zur Verfügung stellt.

Natürlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sich klar von solchen Gewohnheiten abgrenzen, dennoch ist das beschriebene Phänomen hier sehr präsent. Man muss den Schweden zugute halten, dass sie zumindest unter der Woche nicht trinken- und dann scheinbar am Wochenende einiges nachholen müssen.

So kam es, dass sich meine Begeisterung am vorgestrigen Abend in Grenzen hielt, als mich die Ungaren, die ich hier neben anderen Gruppen betreue, fragten, ob wir uns auf ein Bier im Pub treffen wollten.

Hatte ich mich doch gerade von einer Feier zum 15. Geburtstag einer Kolumbianerin davonstehlen können, auf welcher ich gezwungen war, enger als mir lieb war mit einem Chilenen um die 50 (ein bißchen hat er mich an den Araber aus dem Cardiff-Bus erinnert, nur älter und weniger Haar – vielleicht schaltete sich ja angesichts der Konfrontation mit einem meiner größten Traumata mein seit dem sehr ausgeprägter Fluchtreflex ein) zu tanzen und die Alternative eine Horde temperamentvoller Teenagerjungs gewesen wäre. Ich war einfach nicht so stark und rhythmisch wie meine Mitbewohnerin und Kollegin Juliane, die sich so viel besser unter das Partyvolk mischen konnte und nach meinem Abgang noch weitere Stunden auf der Feier verweilte. Sie hatte meine Bewunderung.

Mein kleines, schwaches Herz hingehen musste sich erst einmal erholen. Es sah freudig einer mittelmäßigen Romanze und Eiscreme entgegen um nach jenen Strapazen wieder zu Kräften zu kommen. Doch der Snoopy-Schlafanzug musste warten.  Ich mag „meine“ Ungaren schließlich und wenn sie ihre Englischlehrerin und Betreuungstrulla schon an ihrem Wochenende sehen wollen, dann kann ich ja ein wenig Entgegenkommen zeigen und es eine Stunde in der Kneipe aushalten, Hardcore-Trance-Musikantenstadl hin oder her.

Ich raffte mich also auf und bekam dann mit, dass der Pub geschlossen war. Mein Herz schrie nach dem flauschigen Pyjama. Wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Zwei der ungarischen Jungs standen vor meiner Wohnung um mir zu sagen, dass ich mich nicht auf den Weg zu machen brauchte. Es wäre unhöflich gewesen, sie nicht reinzubitten. So saßen wir da, plauderten nett und tranken ein Gläschen deutschen Schnaps, den mir meine treusorgende Oma für kalte Winternächte zugesandt hat. Ich empfand die Zeit als wirklich angenehm. Selbstverständlich hätte ich wissen müssen, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Es klopfte wieder. Diesmal war es der Chef meines italienischen Mitbewohners Ugo und irgendwelche Verwandtschaft, die um Einlass baten. Ihre Beweggründe kannte ich nicht. Sie wollten weiter zur „Disko“ ziehen und nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ugos Chef konnte ich schlecht die Tür vor der Nase zuknallen, also gesellten sie sich zu uns. Drei Männer jenseits der 40. An diesem Abend habe ich gelernt, dass es auch unhöflich sein kann, Männer auf Alter hinzuweisen. Zumindest, wenn sie selbstbewusst ihre Jugend und Schönheit so einschätzen, dass sie locker eine 24-Jährige anbaggern könnten. Juliane war zunächst noch auf der Geburtstagsparty, ich war also allein unter Männern. Doch sie reagierten gefasst, als ich ihnen versinnbildlichte, dass ich ja schon einen Papa hätte und dass sie an den auch niemals herankämen.

Ich wurde gefragt, warum ich nicht ausginge, die Disko sei heute schließlich voll mit Menschen. Als ich mit „Eben deswegen.“ antwortete und insgeheim befürtchtete, dort auch dem Cardiff-Araber-Verschnitt oder sonst einem paarungsfreudigen Temperamentbündel zu begegnen, verwechselten sie meine Bemerkung irrtümlicherweise mit einem Witz statt der Wahrheit.

Sie waren beschwipster als ich zunächst annahm und eine weitere Unterhaltung mit den Ungaren war kaum noch möglich. Die Sucht der anderen Gäste nach Aufmerksamkeit äußerste sich dafür zu auffällig. Einer unter ihnen stellte sich als Profiwrestler heraus und forderte die Jungs zum Duell im Armdrücken auf.  Naja. Männer. Jedes Mal hat er sich wie ein kleiner Junge gefreut, wenn einen der anderen in dem ungleichen Kampf besiegt hat.

Damit die Luft nicht allzu testosterongeladen blieb, spielte ich als DJ des Abends ein wenig „Save Tonight“ von Eagle Eye Cherry. Das kam an. Tief in ihnen drin, waren sie also doch allesamt Softies. Das heißt jedoch nicht, dass es das besser gemacht hätte. Die Wrestlerkreatur griff mich wie King Kong die weiße Frau und wirbelte mich umher. Zum Glück hatte ich kaum etwas getrunken, sonst hätte mein Magen das wohl kaum überlebt.  Aber gut, dachte ich. Immer noch besser als wenn er mir die Bude zerlegt.

Um sein Gemüt weiter zu beruhigen, ging ich über zu  „Love Is All Around“. von Wet Wet Wet.  Das ging mitten ins Herz. Besänftigt schmiegte er sich an jeden einzelnen der Gäste und gestand ihnen seine Zuneigung.  Doch irgendwas muss ich danach falsch gemacht haben. Ich weiß nicht, ob der Fehler bei Take That oder Britney Spears lag (ich hatte den Eindruck, er sei für 90er besonders empfänglich, aber das war vielleicht eine Fehleinschätzung) oder ob der goldene 80er „Billy Jean“ von Michael Jackson einfach zu viel für ihn war. Er fing an wie ein kleines, nach Beachtung lechzendes Kind um sich zu schlagen und meine armen Jungs zu hauen. Selbst der Ungare mit dem eindrucksvollen Namen Attila und nicht zu verachtenden Oberarmen bat ihn halb verzweifelt, ihn doch bitte endlich in Ruhe zu lassen. Dann ist er vollends ausgetickt und hat sich hysterisch kichernd auf dem Boden gekringelt. Wir waren uns sicher – da schien mehr im Spiel gewesen zu sein als ein paar Bier. Es vergingen einige Minuten. „Genie In A Bottle“ (ich hab es doch einfach noch einmal mit einem 90er Song versuchen wollen) hat ihn jedoch wieder zurück geholt. Puh.

Nachdem Ugos Chef dann auch noch fremde Leute ohne unser Wissen in unsere Wohnung eingeladen hat, war Schluss mit lustig. Juliane, Ugo und ich haben den Besuch freundlich aber bestimmt hinaus komplimentiert. Diese Prozedur hielt ca. eine halbe Stunde an. Immer wieder begann der Wrestler von Neuem alle anderen Menschen durch Zärtlichkeiten in Form unfreiwilliger Umarmungen und in seiner Welt wahrscheinlich sanften Tackleattacken zu bedrängen.

Nungut. Wer sich wie ein Kleinkind benimmt, möchte auch wie eines behandelt werden. Ich versuchte mich an den Ton meiner Mutter zu erinnern, den sie immer auflegte, wenn es ihrer Ansicht nach mal wieder Zeit für mich wurde, mein Zimmer aufzuräumen und ich dahingehend noch ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte. Sie ist eine zarte, feminine Person, doch niemand würde je auf die Idee kommen, sich diesem Tonfall zu widersetzen.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme und dem gleichzeitigen Ausdruck von Strenge und Enttäuschung in meinem Gesicht habe ich ihn aufgefordert, die anderen in Ruhe zu lassen, artig zu sein und sich seine Jacke anzuziehen. Mit glasigen Kulleraugen sah er in die Runde. Wahrscheinlich hat es ihn an seine eigene Mami erinnert – oder an seine Frau. Er wagte keine weiteren Gegenworte. Endlich. Weg waren sie. Ruhe.

Mein Herz stampfte schon eingeschnappt, doch immer müder werdend von einem Bein aufs andere. Endlich bekam es jedoch seinen Willen. Für heute hatte es genug erdulden müssen und der kuschelige Schlafanzug sowie eine Auszeit von diesem Irrenhaufen war viel zu lukrativ.

Jetzt hätte ich noch einen Schnaps gebrauchen können.

(Da ich die Rechte und die Würde Dritter [und auch meine eigene]  nicht verletzten möchte, habe in diesem Beitrag auf  Namen und Bilder verzichtet.)

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Chemnitzer Innenstadt/ Panorama Moritzhof-Tietz/ (Photo: Kolossos)

Als ich meiner Familie und meinen Freunden im Spätsommer 2007 verkündete, dass ich zum Studieren nach Chemnitz gehen würde, konnte ich drei Reaktionstypen feststellen: Der Ungläubige – das war noch der Netteste von allen-, der Hämische – damit konnte ich umgehen – und der Mitleidige – jener war am schwierigsten zu händeln, dachte er doch, dieser Schritt wäre mit einem bewussten Verzicht auf alles Schöne, Bunte und Hochdeutsche im Leben verbunden.

In meinen 3,5 Jahren, die ich in Chemnitz verweilte, haben mich viele der Ungläubigen besucht und festgestellt, dass moderne Errungenschaften wie Strom, Straßenbeleuchtung und Shoppingpaläste nicht an Chemnitz vorbei gezogen sind. Und das obwohl es am Fuße des Erzgebirges liegt und da ja schnell mal etwas verloren gehen kann.

Roter Turm Chemnitz (Designvorlage für die Fit-Flasche)/ (Photo: Reinhard Höll, Nachbearbeitung SW))

Altes und Neues Rathaus Chemnitz/ (Photo: Wüstling)

Die anderen haben sich nicht getraut – zu groß war wahrscheinlich die Angst, das eigene Weltbild könnte ins Wanken geraten.

Doch zurück ins Jahr 2007.

Übers Internet suchte ich mir von zuhause aus mehrere WGs aus, in denen ich dann an einem Tag im Schnelldurchlauf Bewerbungsgespräche als zukünftige Mitbewohnerin absolvierte. In besonderer Erinnerung ist mir ein Typ geblieben, der uns im Schlafanzug die Tür öffnete und – da hat er Konsequenz bewiesen – uns in diesem Out-of-Bed-Look auch seine Wohnung zeigte. Die wurde es aber am Ende nicht.

Stattdessen hat es mich auf den Sonnenberg verschlagen. Für den Laien könnte hier der Name ein wenig irreführend sein, wenn er das erste Mal auf die idylisch-Gandalf-graue Plattenbaulandschaft trifft. Er könnte sie mit einem trostlos-heruntergekommenen Stadtteil verwechseln und sie möglicherweise bösartig als Assiviertel bezeichnen.

Weit gefehlt.

Gründerzeithaus auf dem Sonnenberg/ (Photo: Sandro Schmalfuß)

Der Kenner hingegen weiß, dass hier das wahre Herz der Stadt schlägt. Hier hat das Individuum noch Freiraum um sich zu entfalten. Die Russenmafia kann in leerstehenden, attraktiven Gründerzeitbauten den Traum einer eigenen Marihuana- Plantage verwirklichen, ohne dabei an ihre finanziellen Grenzen zu stoßen oder junges Familienglück aus den Räumlichkeiten vertreiben zu müssen. Hier können Hundebesitzer und ihre Vierbeiner noch unbehelligt an die nächste Laterne urinieren und unbescholtene Bürger ihr 8-Uhr-morgens-Bier am nächsten Discounter in geselliger Runde genießen. Ein Stückchen heile Welt. Ein klein Paris.

Sonnenberger Freiräume/ (Photo: Stadtteilmanagement Sonnenberg)

Die wunderschöne Markuskirche auf dem Sonnenberg/ (Photo: André Pistotnik)

Ich zog in eine Plattenbau-WG mit zwei Germanistik-Studenten, die mir meinen Start in der neuen Stadt ungemein erleichterten. Nadine und Jens nahmen mich mit zu Stadtbummeln, Konzerten und Tatort-Abenden und ich bin ihnen unglaublich dankbar. Unvergessen ist ein Abend für mich im 2. Semester, mitten in der Prüfungszeit, in der wir am Ende eines lernintensiven Samstachs eine Flasche Sekt köpften. Bei der blieb es nicht zwangsläufig. Doch die Erkenntnisse aus unseren philosophischen Gesprächen über das andere Geschlecht haben nachhaltig mein Leben verändert.

Meinen Alltag bereichert haben die Einkäufe im Diska schräg gegenüber unserer Wohnung. Da brauchte man sich keine Gedanken machen, mal kurz in blutbeschmierten Tobesachen rüber zu huschen (dazu war ich einmal gezwungen, da ich beim Gemüseschneiden meine Hand mit den Tomaten verwechselte und keine Pflaster im Haus hatte) – man ist immer noch der oder die am besten gekleidete. Ich habe mehrere Wochen gebraucht, ehe ich die Kassiererin verstanden habe, wenn sie mir das Wechselgeld aushändigte und mir mitteilen wollte, wie viel es denn sei. Siem Eenfuffsch.

Es war ein herber Schicksalsschlag für mich, als ich erfuhr, dass der Diska geschlossen und durch einen identitätslosen 08/15-Discounter ersetzt werden sollte. Da ist ein Stück Sonnenberger Kultur gestorben! Um nicht in Depressionen zu verfallen und dieses Schreckenswerk Tag für Tag vor Augen geführt zu bekommen, bin ich umgezogen. Natürlich bin ich dem Sonnenberg treu geblieben. Ehrensache.

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Hachja.

Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Zwischen mir und dem Feierabend steht nur noch eine Busfahrt.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das niedliche Wörtlein „nur“ leider oft unterschätzt wird. Definitiv.

Wer in Chemnitz Bus fährt, weiß nie, ob er auch tatsächlich ankommt, oder vielleicht am Ende vom Alkoholgeruch seines Sitznachbarn betäubt bis in die Nacht hinein zwischen zwei Endhaltestellen hin und her gondelt.

Mein Glück in Sachen Sitznachbarn ist ja praxiserprobt und eigentlich eine eigene Studie wert.

Was das Potenzial für eingehende und vielschichtige Sozialbetrachtungen betrifft, so steht eine Busfahrt dem Dschungelcamp in nichts nach.

Da wären zunächst die Mitglieder unserer Gesellschaft, die als Kleinkinder irgendwann einmal hart auf den Kopf gefallen sein müssen – anders sind aufgeschnappte Gesprächsfetzen wie „Aldo guggemah da, das Opforr liest. Näm dän ma dem sein Buch wähch“ in meinen Augen nicht zu erklären. Was genau die im Bus suchen, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Entweder haben sie tatsächlich einen Job – das gäbe mir persönlich ein klitzekleines Bisschen Hoffnung für die Zeit nach meinem Abschluss- oder aber, und das ist wohl wahrscheinlicher, sie besuchen ihre Freunde im Jugendknast oder schlagen für die Russenmafia irgendwelche Menschen zusammen (Gut, ja, ist auch ein Job, aber ich meinte jetzt die, für die eine Lohnsteuerkarte relevant ist).

Dann gibt es jene, die zu ihrem regelmäßigen Alkoholkonsum ganz offen stehen und diesen auch im Bus eindrucksvoll demonstrieren und solche, die sich da eher etwas schüchtern verhalten und ihr Tetra-Pack guten Lidl-Weißwein aus Ästhetikgründen in Mineralwasserflaschen umfüllen. Der Wille ist auf jeden Fall da, also bitte nicht meckern, wenn beim nächsten Schlagloch bei dieser Aktion etwas auf die eigene Hose kleckert.

Die nächste Gruppe – nörgelig-aggressive Senioren – kommt einem dagegen auch schon fast wieder fad vor, obwohl sie ja durchaus ihren Unterhaltungswert haben. Und für wen gibt man lieber seinen Sitz frei als für einen adretten, älteren Herren, der einem ansonsten eines mit seinem Gehstock überbrät (den er wahrscheinlich gar nicht braucht, sondern sich eben nur zum Erschleichen der Behindertensitze im Bus angeschafft hat)?!

Für die unter uns, die ständig auf der Suche nach neuen Abenteuern sind und die Herausforderungen des Alltags lieben, ist so eine halbe Stunde im Bus genau das Richtige.

Zunächst einmal muss man es nämlich schaffen, sich überhaupt noch in den Bus hinein zu quetschen, sollte man das leichtsinnige Unterfangen verfolgen, sich von der Universität in Richtung Wohnung bewegen zu wollen, wie es nun einmal hin und wieder vorkommen soll. Wer also das Bedürfnis verspürt, mal wieder jemand Fremdes an den Hintern zu fassen und das relativ sanktionsfrei überstehen möchte, der nehme doch bitte einfach den Bus. Intensiver Körperkontakt ist nämlich inklusive. Quasi in dem Semesterticket enthalten. Selbst wenn man wöllte, es ist nahezu unmöglich nachzuvollziehen, wer der sechs Leute, die sich unmittelbar an einen heranquetschen jetzt genau der Grabschende war.

So. Ist man erstmal Teil dieses Höllengefährts, ist es ein wenig diffizil, daraus wieder auszubrechen. Die allgemein bekannte Verhaltensregel „Erst die Passagiere aussteigen lassen, bevor man dazu steigt“ scheint die geographische Hürde des Erzgebirges bedauerlicherweise nur teilweise überwunden zu haben.

Dieser  Umstand führt unweigerlich dazu, dass ich am Ende des Tages mein Leben gegen kampflustige mit Kauflandtüten bewaffnete Großmütter verteidigen musste. Indem ich mit einer Mischung aus Panik, Verzweiflung und Wut rief: „Verdammt, ich bin kein Hologramm, dass hier zum Abbau Ihrer rentnerischen Aggressionen von den Verkehrsbetrieben statuiert wurde!!!“, konnte ich zumindest kurzzeitig auf mich aufmerksam machen und so dem Ertramplungstod durch orthopädische Schuhe entkommen.

Für heute.

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Ja, was eigentlich?

Das frage ich mich manchmal wirklich.

Da hat man sich märtyrerhaft durchgerungen, die äußerst lukrative Fruchtwasser-Poolparty zu verlassen, aus Muttis Bauch zu flutschen und sich die Welt mal unverbindlich anzugucken, wird man schon von grellem Licht, dem Geruch von Desinfektionsmitteln und einer nicht gerade zimperlichen Hebamme erwartet.

Blöd nur, dass natürlich niemand fragt, ob man wieder zurück möchte. Der erste Schrei des Entsetzens wird als nicht ganz stille Zustimmung gewertet,  die Nabelschnur wird einfach zertrennt und da haben wir die Bescherung.

Also findet man sich in seinem kleinkindlichen Pragmatismus mit der Situation ab und versucht das Beste draus zu machen.

Am Anfang war der Idealismus

Schwupsdiwups sind die ersten 10 Jahre vergangen und man denkt sich so… cool… dann werd ich mal GENASIUM um dann später einen Weg zu finden, den Hunger in der Welt zu besiegen und Kriegsmunition in Marshmallows zu verwandeln. Dafür gibt‘s dann natürlich auch in Stockholm mit den Jahren eine angemessene Ehrung und man könnt so zu sich sagen… Joahr, das war jetzt an sich nicht ungut, was du da so gemacht hast.

Lehrer finden diesen Idealismus wahrscheinlich niedlich und denken sich kurz vorm Burn Out, hach ja… so war ich früher auch mal. Nachsichtig widerstehen sie dem Drang, uns an ihren Lebensweisheiten teilhaben zu lassen und freuen sich stattdessen auf ein Altschülertreffen, auf dem sie zu desillusionierten Menschlein sagen können: Schön, dass du es allein rausgefunden hast.

Realität kann verunsichern

Aber erst einmal fängt man an zu studieren und tauscht erwartungsschwanger seine frisch eroberte Freiheit leichtfertig gegen ein Bachelor-Studium ein.

Schnell wird klar, dass Bachelor-Studiengänge per se etwas Körperverletzendes an sich haben, der Begriff „Semesterferien“ ein Überbleibsel der Hippies ist und sich heute eigentlich zeitlich niemand mehr Alkohol und Drogen leisten kann. Es sei denn, er studiert etwas „Richtiges“, womit man auch einen Job bekommen kann… wie Maschinenbau oder Informatik. Zukünftige Taxifahrer, Teppichreinigungsmittelvertreter und Taschendiebe hingegen sollten sich glücklich schätzen, wenn man ihnen in einem unbezahlten Praktikum das Recht auf Schlaf zugesteht. Mehr aber auch nicht.

Bearbeitete Bildvorlage entnommen aus: http://www.v-baron.de/Schule/03_04/12_MA_LK/Stasi_Projekt/Gruppe_4/Gruppe_4.htm, letzter Zugriff am 17.10.2010

Eigentlich auch gar nicht so schlecht. So hat man viel weniger Zeit, sich mit sich und der Realität auseinandersetzen zu müssen. Nur ab und zu erinnert ein eingebildetes Magengeschwür daran, dass das vielleicht doch nicht alles so gesund ist. Aber wie heißt es so schön? Wer rastet, der rostet. Und schließlich kriegen die anderen Studenten, mit denen man sich dann nach ergattertem Bachelor-Abschluss um die Stelle als Aushilfe bei Diska an der Kasse kloppt, das auch hin.

Das Gute sehen muss nicht immer gut sein

Nun ist es ja aber so, dass sich in dieser Arbeitsumgebung schlecht die Welt retten lässt.  Ein hübscher Schreibtisch aus Massivholz und eine trantütige Sekretärin sind da sicher um einiges inspirierender als eine Konstruktion aus Karton im Teil des Lagers, der noch nicht mit elektrischer Energie versorgt ist, aber dafür eine gute Möglichkeit eines illegalen Nebenverdienstes durch Vermietung an die russische Mafia bietet.

Ein falscher Schritt und die Wunschzukunft als CSU-Ministergattin ist dahin

Und jeder weiß: Hat man erst einmal mit der Mafia angebändelt, gibt es kein Zurück.

Es fängt harmlos mit der einfachen Tätigkeit als illegaler Vermieter an. Irgendwann muss man wahrscheinlich mal ein etwas unförmiges Päckchen zur Post bringen, bei dem sich dann später herausstellt, dass es die linke Hand von Herbert K. enthält, der sich weigerte, weiterhin seine Immobilien für den Anbau von Marihuana zur Verfügung zur stellen. Man selbst hat noch naiv an das Gute im Menschen geglaubt, und gedacht, dass es sicher schlecht verpackte edle Obsttropfen für irgendeine nette, schnapsdrosselige Omi sind. Und ehe man sich versieht, entführt man keifige Ehefrauen und verkloppt aus Einschüchterungszwecken den Rentner aus dem Nachbarhaus, der alles beobachtet hat.

So siecht sie dahin. Die Unschuld.

Heute noch Jahrgangsbester, ehrenamtlicher Helfer im Altersheim und Demonstrant für den Weltfrieden. Morgen mittendrin im Sumpf des Verbrechens.

Und da kommt man ja so schnell auch nicht wieder raus. Da muss man dann erst wieder einen Deal mit der Drogenfahndung eingehen, sich danach das Gesicht operieren lassen und im Gefängnis neu Fuß fassen. In der Mal- und Bastel-AG kann man dann all die bösen Sachen, die man erlebt hat, in Kunst umwandeln und auf einer Wohltätigkeitsauktion der übersättigten Bourgeoisie als hübsche Geschenkidee vor die blankpolierten Schuhe werfen.

Der Preis des zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Seins

Dass so eine Karriere und die Ausflucht aus selbiger mehrere Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, sollte hierbei jedem klar sein.

Solange muss dann die Hoffnung auf eine bessere Welt in die Röhre gucken. Dahin die Hoffnung auf bahnbrechende Errungenschaften unserer Generation, wie eine Negierung des Klimawandels, ein stabiler Frieden zwischen Israel und Palästina, eine weltweite Einhaltung der Menschenrechte oder die Entwicklung eines Nagellacks, der nicht nach einem halben Jahr nur noch klumpiges Ekelzeug ist.

Und die Lösung für das Gegenwarts-Zukunfts-Stress-Panik-Problem-Dingends?

Wir wollen hier ja wirklich etwas bewegen. So in echt und für alle. Leider lässt sich sowas relativ schwierig mit Depressionen, Jobs auf 400-Euro-Basis oder einer Knastvergangenheit gestalten. Wir müssten also irgendwie den Absprung schaffen. Nur wie?

Vielleicht ja, indem wir etwas mehr auf uns selbst als an die Anforderungen an uns achten, das Leben, das sonst so zwischen Hausarbeiten und Bewerbungen ein bisschen an uns vorbeirauscht, wieder bewusster wahrnehmen und genießen, einen Bogen um zwielichtige Nebenverdienste machen und uns vielleicht noch einen Plan B überlegen, falls es nicht klappt mit der Wunschzukunft. Vielleicht in Anbetracht des Demografischen Wandels eine Ausbildung als Bestatter. Oder eine eigene Currywurst-Bude auf den Seychellen.

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Photo: http://www.coolphotos.de/ fotos/rosen/1.html

Eigentlich kann ich es kaum fassen, dass schon wieder ein Jahr um ist, aber diverse Netzwerke, Blumenläden und Pralinenfirmen erinnern mich sehr gewissenhaft daran.  Sie machen es meinem sonst so eloquenten Verdrängungsmechanismus unmöglich, erfolgreich zu arbeiten. Seit schätzungsweise einem Monat vergewaltigen mich rosafarbene Kitschbanner visuell.

Die Rede ist selbstverständlich vom Valentinstag.

Damit mich hier niemand falsch versteht, sollte ich wohl erwähnen, dass ich den ursprünglichen Gedanken dieses Tages für die Liebenden keinesfalls ablehne. Wer nicht genau weiß, was ich meine, kann ja mal bei Wikipedia die Legende des Bischof Valentin von Terni nachlesen.

Was mich hauptsächlich stört, ist die kommerzielle Ausschlachtung des meiner Meinung nach höchsten menschlichen Gutes. Und nicht, dass dem damit Genüge getan wäre. Nein. Anscheinend hat sämtliche Valentinstagsindustrie sich an einem schönen Sonntagnachmittag zum Picknick im Park getroffen und im Rausch zu vieler Mon Chérie beschlossen, das letzte Bißchen Kreativität der Mitglieder dieser Gesellschaft mit vorgefertigtem Standarddreck auszumerzen.

Doch die Leute scheint das ja nicht besonders zu stören. Vielseitigkeit und Ideenreichtum der speziellen Valentinsprodukte lassen zwar mehr als zu wünschen übrig, aber hey, wenn auf einer roten, herzförmigen,  rosenbedruckten Schachtel in dreidimensionaler Schnörkelschrift „Ich liebe dich.“ steht, geht man einfach auf nummer sicher, dass die Botschaft auch unmissverständlich ankommt.

Liebe sollte so wie es scheint einfach keinen Interpretationspielraum lassen. Und es ist ja auch einfach zu viel Arbeit, sich selbst etwas auszudenken. Da sollte man schon lieber die „Valentinstagsblumen“, die „Valentinstagsschokolade“, die „Valentinstagskuscheltiere“ und das „Valentinstagsparfum“ nehmen. Für die, die diese zweifelsfrei supertollen Geschenke noch toppen wollen, gibt es dann noch den extra für diesen Tag gedrehten Film mit dem einfallsreichen Namen „Valentinstag“ (mit einem Staraufgebot, das mich persönlich etwas verwundert, denn keiner von ihnen hätte das Geld so nötig, dass es ein Mitwirken an so einem platten Konzept rechtfertigen würde), den man sich mit hunderten anderen geschmacksverirrten Menschen im Kino ansehen kann. Ohne das  abschließende „Valentinstags-Candellightdinner“ wäre der diesjährige Valentinstag natürlich  nicht vollständig und durch und durch gelungen. Da kann ja gar nichts mehr schief gehen. Und wem damit immer noch nicht genug eigenständiges Denken abgenommen wurde, der ist eindeutig der Richtige für die irrsinnig einfallsreichen „Valentinstagskarten“, bei denen man nur noch den Namen einsetzen muss. Und ich bin mir sicher, dass auch das bald nicht mehr notwendig sein wird.

Wo da allerdings noch Platz für echte Romantik und individuelle Liebesbekundungen sein soll, kann ich mir persönlich nicht ganz beantworten. Es geht hier immerhin nicht darum, halbherzig-vergeblich ein Geschenk für den 25. Hochzeitstag eines Kollegen/Nachbarn/Onkel zu finden, den man im Grunde weder kennt, noch mag. Sinn der ganzen Aktion wäre es doch eigentlich viel mehr, seine(n) Auserwählte(n) von seiner Zuneigung und der Aufrichtigkeit seiner Liebe zu überzeugen bzw. in Kenntnis zu setzen. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Mir wird jedenfalls von Geschenken zum Valentinstag alles andere als warm ums Herz.  Manchmal muss das auch gar nicht an der Einfallslosigkeit des Geschenks liegen (irgendwelche bekloppten StudiVZ-Pinnwandeinträgen kitzeln in mir allerdings schon tiefsitzende Aggressionen hervor). Denn immerhin ist es ganz im Inneren wahrscheinlich als eine nette Aufmerksamkeit gemeint. Doch der Gestenzwang, den dieser Tag mit sich bringt, hinterlässt immer einen falen Beigeschmack.

Wir leben hier schließlich nicht im Kollektivismus. Der uniforme Charakter der Geschenke und der Mitmachzwang lassen jedoch andere Schlüsse zu. Und das, obwohl der Valentinstag nicht etwa durch China oder die ehemalige Sowjetunion, sondern durch die USA etabliert wurde.

Ich möchte es mir trotzdem nicht nehmen lassen, all den Sweethearts und Schatzis einen zuckersüßen und rosaroten Valentinstag zu wünschen! 1000 Kisses! I love you!

Auf diese Briefmarken bin ich vor ner Weile gestoßen. Ich finde, im Gegensatz zu manchem Valentinzeugs haben die Stil 😉 Quelle: http://www.geraldherrmann.com/cms/upload/Image/herzen_GELBHOCH.jpg

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