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Archive for the ‘Reiseerfahrungen’ Category

Einmal Chemnitz. Immer Chemnitz.

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Und dabei begann alles so unschuldig. Im März bekam ich hohen Besuch hier im beschaulichen Arvidsjaur. Anna und Markus – zwei Studienfreunde aus Chemnitzer Zeiten gaben sich die Ehre, mich bei ihrer Schwedenrundreise zu berücksichtigen. Empfänglich für nordschwedische Sehenswürdigkeiten wollten sie beeindruckt werden. Den Anspruch wollte ich als Lapplands charmanteste Reiseleiterin der Herzen mit der goldenen Anstecknadel für Kundenzufriedenheit natürlich gerne erfüllen.

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Mittwoch:

Um alte Zeiten zu glorifizieren legte ich erstmal Kraftklub auf, als ich meinen Besuch völlig entkräftet vom Arvidsjauer Busbahnhof (ja, der existiert tatsächlich) abholte. Die vergangene Nacht verbrachten sie in einem Schlafwagon mit einem sehr zwielichtigen Russen. Viel redeten sie nicht darüber, ich hoffe einfach, niemand von ihnen wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Nachdem sie sich in Göteburg in einem 4-Sterne-Hotel am Portal vorbei schummelten und dort residierten, wollte ich sie auf den Boden der Tatsachen zurückholen und sie vor einem Versnoben bewahren. Große Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg können wir uns schließlich nicht machen. Außer Markus vielleicht. Der wird ja jetzt Inschenör.

Arvidsjaur platzt in diesen Tagen aus allen Nähten. Cartester aus verschiedenen Nationen, vorrangig aber aus Deutschland bevölkern sämtliche Hotels und Privatwohnungen. Die Hostels unserer Auslandspraktikanten waren ebenfalls alle belegt. In einem der beiden Hostels konnte ich aber noch ein Zimmer buchen, das Teilnehmer normalerweise nicht bekommen, da es die Etikettierung „Nicht schön, aber selten“ verdient. Aber gut, so waren sie gleich nah am Volk. Drei Jahre Chemnitz haben sie auf das, was sie erwartete hinreichend vorbereitet.

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Ein bißchen Glamour sollte ihr erster Abend trotzdem bekommen, damit der Kulturschock nicht zu groß ist. Wir gingen also chic essen. Im Restaurant Venus* [*Hinweis: der Name wurde von mir geändert um bestimmte, dort beschäftigte Erscheinungen nicht öffentlich zu dissen. Inhaltlich passt’s aber genauso gut und Markus fand den eh schöner]  wollten wir mit viel zu großen Pizzen dekadent auf den Putz hauen. Nun bin ich ja schon ein Weilchen in Schweden und beherrsche einen gewissen Grundschatz der Landesprache. Besonders überlebensnotwendiges wie Nahrungsbeschaffung. Frohen Mutes redete ich also auf Schwedisch los (wie ich es im Übrigen immer in diesem Etablisment tat und bisher auch immer eine erfolgreiche Kommunikation zustande kam) und erhielt konsequent (das muss man ihr lassen) englische Antworten wie auch eine englische Speisekarte. Ich war des Schwedischen nicht würdig. Das war ein herber Rückschlag in meinem Auslandsjahr. Vorgeführt vor meinen Freunden. Zum Glück sieht man sich immer zwei Mal im Leben, wie ich an späterer Stelle noch erläutern werde. Doch drei Frohnaturen wie wir lassen sich nicht den Abend durch eine Dummtröte vermiesen und schon gar nicht eine Woche voller Abenteuer – zumal schon die nächsten kulturellen Highlights warteten.

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Freitach:

Für den Freitagaben hatte ich etwas Waghalsiges vor. Ich habe zwei Ingenieure der Sorte „Cartester“, zwei Europastudenten, einen in feindliche Lager Gewechselten und eine Sozialarbeiterin in meine Küche gesteckt um zu gucken, was passiert. Nach sieben Monaten nordschwedischer Einöde lechzte Etwas in mir nach etwas Spannendem, was zum Spielen und Schokolade.

Schokolade wurde mir mitgebracht. Der Rest ergab sich.  Entgegen anfänglicher Sorgen, meine Gäste würden sich vielleicht nicht verstehen, entpuppte sich der Abend als äußerst angenehm. Es gab selbtgekochtes schwedisches Essen und  hin und wieder einen Clip aus deutschem Unterschicht-TV. Nachtischtechnisch wurden wir mit Semlor (eine Art Hefeteig-Windbeutel mit Kadamom, Sahne und Mandelmasse), Kanelbullar (Zimtschnecken) und Kaffee (Kaffee) versorgt.

Voller Tatendrang durch zu viele Endorphine vom Zucker und zu viel Lachen über Frauentausch und Mitten im Leben beschlossen wir, uns zu einem Aussichtspunkt aufzumachen, um nach Nordlichtern Ausschau zu halten. Auf dem eher etwas engen Weg den Berg hinauf wurde unser Kleinbus von einem Mini (!!!) abgedrängt. Beim Versuch, dem unverschämten Cartester-Prollopack Platz zu machen und den Berg wieder rückwärts runter zu fahren, setze ich ungeschickterweise in den nicht unhohen Schnee auf. Der anfängliche Ärger wich bald einem wohlig-positiven Gefühl, hervorgerufen durch eine geglückte Übung zur Förderung der Gruppendynamik. Das werde ich für meine Problemgruppen im Hinterkopf behalten.

So. Jetzt bekommt mal schön den Bus aus dem Schnee. Nein, Justin. Keiner arbeitet alleine. Jaqueline, hör auf zu motzen und pack dein Smartphone weg. Du kannst dir auch später noch auf Facebook die Kommentare zu deinem neuen Photoalbum „Ich“ mit 57 Bildern von dir von schräg oben anschauen. Ihr schafft das nur im Team.

Wir haben es jedenfalls geschafft. Am Ende des Tages konnten wir also doch noch die malerische Aussicht über den meltingpoint of globalisation genießen und die Metropole Schwedisch-Lapplands im goldenen Lichterglanz strahlen sehen. Dazu noch der Vollmond. Nur die Nordlichter verweigerten sich uns Romantikopfern.

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Samstach:

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das war zwar auf dem Wintermarkt in Jokkmokk, der "Fuchsmann" sah aber ähnlich aus, nur dass seine Mütze tatsächlich auch einen Fuchskopf besaß. Stilecht.

Das Wochenendprogramm sollte so hochwertig weitergehen, wie es eingeläutet wurde. Wir standen früh auf und hatten Großes vor. Der Wintermarkt in Arjeplog – ca. 1 Autostunde von Arvidsjaur entfernt. Noch nie etwas von Arjeplog gehört? Nix verpasst. Außer vielleicht das Café Nelly’s, welches uns für gefühlte 27 und tatsächliche 3h ein Obdach bot und uns mit Heißgetränken versorgte. Den Markt hatten wir nämlich in ca. 10 min abgelaufen und uns recht schnell dagegen entschlossen, einen ausgestopften Fuchs oder Baumwollschlüpfer zu kaufen. Nur bei dem Prinzessinenkostüm haben wir alle kurz überlegt, aber da wir uns nicht einigen konnten, wem es am besten steht, haben wir alle aus Solidarität auf den Kauf verzichtet.

Wir hätten wissen müssen, dass unser Fahrer uns den wundervollen Ausblick über Nordschweden nicht aus Menschenliebe zeigte, sondern, dass es mehr eine Wiedergutmachungsleistung im Voraus darstellte, eine Entschädigung für 3h Geiselhaft in einem Kaff, das noch weniger die Bezeichnung Zivilisation verdient als Arvidsjaur.

Arjeplog ist ein wichtiges Zentrum für die Autotestindustrie. Dass diese auch in Arvidsjaur ihre Zelte aufschlug, ist mehr ein Zufall. Unsere Mitfahrgelegenheit war ein Berufsautopaparazzo, der sich vor Wochenabschluss noch einmal auf die Lauer nach geheimen Prototypen legen wollte. Da der Mann sein Lebensunterhalt damit verdient, hatten wir zwar durchaus Verständnis für die Konfrontation mit seinem Vorhaben, nachdem es schon zu spät für uns war, abzuspringen – wir hätten nur einfach die Rommé-Karten mitnehmen sollen. Oder Betäubungsmitteln.

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Endlich zurück in der Home-Zone blieb auch nur noch Zeit für eine kurze Krimifolge in der ZDF-Mediathek und Annas und Markus entnervte Kommentare zur Hauptdarstellerin, ehe ich mich auf einen weiteren Programmpunkt vorbereitete, dem Anna und Markus leider nicht beiwohnen konnten. Nachträglich betrachtet ist das gar nicht so schlecht, ansonsten hätte ich wohl meine Manieren schon am Samstach vergessen und wäre back to the Chemnitzer Roots gegangen.

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Immernoch Samstach:

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Morotskaka (mit Link zu einem Rezept, falls jemand nach Backen zumute ist...)

Ich war eingeladen. Auf die Abschlussveranstaltung der Autotestsaison von Continental. Chic im Laponia – dem örtlichen Hotel. Kulinarische Leckereien in Aussicht, habe ich mich im Nelly’s zurückgehalten und den anderen den Großteil der Überlebensbeute überlassen. Ich hatte also ein kleines Hüngerchen. Es wimmelte bei dieser Veranstaltung nur so von Karrierten-Hemden-Trägern, der Frauenanteil hielt sich STARK in Grenzen. Trotz meiner liebreizenden Erscheinung im Freundlichkeit botschaftenden Pünktchenkleid erntete ich verschüchterte und aufgeschreckte Blicke, als kenne man im Kosmos einiger Maschinenbauer Weiblichkeit nur in Form von Gundula Gause beim Heute-Journal oder der Bikinigirls auf den Badezimmerpostern ihrer ehemaligen Studenten-WGs. So viel Aufmerksamkeit behagte mir nicht. Ich setzte mich artig und verlegen zu Michael und Flo, versuchte mein Lächeln nicht ganz so gequält aussehen zu lassen und nahm mir für den Abend vor, einfach nicht negativ aufzufallen. Zum Glück wurde das Buffet bald eröffnet, sodass ich die langsam durch den Hunger in mir aufkommenden Aggressionsflammen sanft ersticken konnte, ohne Schaden angerichtet zu haben. Das Essen war sehr lecker, alles schwedische Küche – dazu gab es einen wirklich guten Rotwein, der aus dem schüchternen Ingenieurvölkchen ein schüchtern-kicherndes machte. Besonders hervorzuheben am Menü ist der Mohrrübenkuchen, den es als Dessert gab. Ich hatte extra GANZ VIEL Platz für den Nachtisch in meinem Bauch gelassen und der musste jetzt gefüllt werden. Die Kuchenstückchen waren ziemlich klein geschnitten, sodass man mit 1-2 wahrlich nicht auskam. Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut, mir welche zu holen und habe Micha und Flo vorgeschickt. Ihre Kollegen wären sonst bald dem Eindruck erlegen, die beiden hätten ein ausgehungertes Straßenkind aufgegabelt, dass sie im nächsten Moment mit Hütchen-Spiel abzocken würde.

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Es war höchste Zeit, weiterzuziehen in Richtung Pub – wo das Scheinwerferlicht wieder anderen Damen galt. Dort trafen wir uns mit Anna und sie war fasziniert in welchem Maße der Stereotyp von immer top und stilvoll gekleideten Schwedinnen und Schweden hier nicht zutraf. Vielmehr waren wir in einer Freak-Show gelandet: Fleischwurstbarbie im Prostitutiertenoutfit meets Inzestmoppelchen im Prollo-Look. Holla die Waldfee. Was für eine Augenweide. Auch meine Lieblingskellnerin vom Mittwoch trafen wir hier wieder. Sie trug ein verunglücktest Baby One More Time Schulmädchen Outfit: Ein asymetrisches Top mit diagonalen Streifen in den Farben schwarz und weiß, dazu ein schwarz-pink-karriertes Faltenröckchen und – wie könnte es anders sein – WEißE Stiefel! Im Gesicht sah sie aus, als wäre Der Joker ihr stilistisches Vorbild. Dass sich so eine verunglückte Clownsfigur die Frechheit herausnahm, meine interkulturellen und linguistischen Bemühungen mit Füßen zutreten, nagte immer noch an meinem Stolz. Ich wurde aber kurze Zeit später aufgeheitert, als Michael völlig verstört von der Toilette zurückkam. Die Sanitäranlagen sind in der Kneipe nicht geschlechterspezifisch getrennt und so kam es, dass ihm ein Grüppchen Tailänderinnen auflauerte und eine der Damen ihn fragte, ob sie nicht mit ihm auf die Toilette gehen könne. Da in Schweden Prostitution illegal ist, kann sich der Leser den Rest denken.

Zwei Uhr war Zapfenstreich, die Bürgersteige wurden hochgeklappt und wir gönnten uns etwas Schlaf für den finalen Tag.

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Sonntach

Um als Programm- und Wohlfühlverantwortliche meiner kleinen Reisegruppe noch einmal richtig zu punkten, ging es am Sonntach zu den ca. eine Autofahrtsstunde entfernt liegenden Stromschnellen Storforsen. Diese wollte ich sowohl Anna und Markus als auch ein paar von den Autotestern zeigen, ehe sie nach hause fuhren. Wir hatten tollen Wetter und starteten gegen Mittag. Mein Frühstück fiel bescheiden aus, nach 1-2 Gläsern Rotwein am vorherigen Abend wollte ich bei der Autofahrt kein unnötiges Unwohlsein riskieren, schließlich musste ich Anekdoten zu diversen Bäumen oder Schneehaufen erzählen können. Liegt kein Schnee, so gibt es einen Weg, den man von unten bis ganz nach oben zu den Wasserfällen laufen kann. Doch die Brücke war aufgrund zu viel Schnees gesperrt. Dessen war ich mir bewusst und lotste unser Grüppchen gleich den befahrbaren Weg nach oben, in der Annahme, ein wenig dort zu verweilen, die Natur zu genießen und wieder umzukehren. Ich hatte die Rechnung ohne die abenteuerlustigen Autotester gemacht. Oben fanden wir die reinste Eispiste vor, es war schwer genug, die letzten Meter zu den Wasserfällen zu Fuß zurückzulegen, aber nein, die holden Herren, bewegungshungrig und risikofreudig, haben sich in ihre Köpfen gesetzt, den Weg zumindest wieder runter zu laufen. Wen interessiert der 1m -hohe Schnee und der Eisregen auf dem Rest des Weges. Zum Glück hat uns einer der Jungs mit dem Auto herunter gefahren, ich verspürte wenig Lust, mir den Hals an einem sonnigen Wintertag im März zu brechen. Wir warteten im unten gelegen Hotel auf den Rest.

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Immer noch Sonntach, immer noch Storforsen

Die drei Stunden, die ich für den Ausflug einplante, waren längst vorrüber, der Mohrrübenkuchen vom Vortag war langsam, aber sicher verdaut und ein nichts Gutes versprechender Hunger stieg in mir auf. Meine Anspannung fiel auch den Anderen auf. Mit jeder Minute wurde ich ungeduldiger und gereizter. Zunächst aggro, dann schwach und meinem Schicksal – elendig in der schwedischen Pampa verhungern zu müssen – ergeben. Wir hatten wieder keine Rommé-Karten dabei. Unser Photographen-Fauxpas hätte es uns besser wissen lassen müssen, wie schnell man ungewollt irgendwo im Norbotten-Nirgendwo stranden kann. Mittlerweile waren 4.5h seit dem Aufbruch vergangen. Macht 5.5h seit dem spärlichen Frühstück, macht 21h seit dem Mohrrübenkuchen. Ich wurde zur Gefahr für  meine Umgebung. Unschuldige würden bald sterben. So viel war klar. Ich bereitete mich schon auf eine unaufhaltsame, übermächtige Aggressionswelle vor, die kurz vor bevorstehender Ohnmacht irreparablen Schaden an meinem Mitmenschen angerichten würde. Doch dann kamen endlich die Hardcore-Wanderer zur Tür herein und einer von ihnen war tatsächlich so vorausschauend und trug Proviant bei sich (hätte ich auch, wenn ich von der geplanten Expedition gewusst hätte). Ich bin Timo noch heute so sehr für seine Güte und Großzügigkeit dankbar, da er mir eine Birne und einen halben Schokoriegel abgab und somit meinen Körper daran hinderte, seine lebenserhaltenden Funktionen allmählich einzustellen. Die sich ankündigende Katastrophe konnte vorerst erfolgreich abgewandt werden. Zwar taten die Männer belustigt, mich so zu sehen, aber ich glaube fest daran, dass sie nur versuchten, die Angst zu überspielen. Wir fuhren zurück nach Arvidsjaur. Auf der Fahrt besprachen wir ernste Themen. In den vergangen Tagen hatte ich Anna und Markus öfter mit dem Satz „Benehmt euch mal, wir sind hier nicht in Chemnitz.“ gemäßigt und dafür reichlich Kritik eingesteckt, da die beiden meinten, ich könne nicht auf ewig meine Herkunft verleugnen und solle zu dieser industriellen Perle Sachsen stehen, in der wir gelernt haben uns durchzuschlagen. Diesen Wunsch und Rat zugleich beherzigte ich – vielleicht mehr, als die beiden und ich es uns hätten träumen lassen.

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Zwar noch Sonntach, aber immerhin wieder inmitten einer Ansammlung von Häusern

Zuhause wollten wir zur Feier des Tages, das alle noch am Leben sind, gemeinsam Essen gehen. Beim Zwischenstopp zuhause, bei dem Markus, Anna und ich noch unser Geld holen wollten, stopften wir uns alles Essbare, das wir auf die Schnelle finden konnten in unsere ausgehungerten Münder. Wir hatten nur 2 Minuten. Im Nachinein muss ich sagen, dass diese Entscheidung mein erstes Körperverletzungsdelikt vereitelt hat. Nachdem zwei anvisierte Restaurants am Sonntagabend geschlossen hatten, landeten wir am Ende doch wieder in der Venus. Zu unserer aller Freude war auch die Jokerin wieder da. Wir waren eine große Gruppe und konnten noch die letzten Plätze im Restaurant ergattern. Allerdings reichten die englischen Speisekarten nicht aus. Als ich der Dummtröte auf Schwedisch sagte, dass ich (und Flo) auch eine schwedische Speisekarte nehmen würden, sagte sie nur „Aber die ist auf Schwedisch.“ Ach. Sag bloß. Ich war mit den Nerven am Ende und sagte nun mehr in etwas rauerem Chemnitzer Ton, dass mir das egal wäre. Statt eine Reaktion abzuwarten, nahm ich der Mitarbeiterin des Monats die Entscheidung ab und entwendete ihr die verdammte Speisekarte. Das Ganze wirkte wohl etwas aggressiver, als ich die Intention hatte. Markus sah mich schockiert an und befürchtete anscheinend, dass ich der Trulla gleich meine Gabel in den Arm ramme, wenn sie mir noch einmal blöd käme. Ich gebe zu, der Gedanke war verlockend und für einen Moment zum Greifen nah. Doch die Schokolade, die ich mir vorher verabreicht habe, hat mich soweit besänftigt, dass ich an mich halten konnte und sie noch einmal davon gekommen ist. Ein Hausverbot in der Venus wäre auch deprimierend, da die Auswahl an Gaststätten in Arvidsjaur eher bescheiden ist. Die berufsverfehlte Kellnerin habe ich danach zum Glück nie wieder gesehen.

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Jetzt hatte ich bei der Firma Continental endgültig und für alle Ewigkeit den Ruf als verfressene, unberechenbare und gemeingefährliche Kreatur versteckt im Körper der Unschuld vom Lande weg. Wahrscheinlich werden im nächsten Jahr Plakate in den Büros aufgehangen, die vor mir warnen. Aber keine Sorge, liebe Conti-Menschen: Dann bin ich gar nicht mehr hier, ihr habt nichts zu befürchten!

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Das Schicksal zeigte sich an diesem Abend nach den aufreibenden Ereignissen sehr versönlich. Zunächst konnten wir gemeinsam einen Münsteraner Tatort wie in alten Zeiten sehen und dabei einen edlen Tropfen von der Saale-Unstrut (anders als im Weltecho 😉 ) genießen und anschließend Zeugen eines Naturspektakels werden, auf das wir zwei Abende zuvor vergeblich warteten. Am Himmel leuchteten die bisher stärksten Nordlichter, die ich während meines Aufenthalts hier sehen konnte und verwandelten die Stadt in einen mystischen Ort. Ich war so gebannt von dem Anblick, dass ich gar nicht erst versucht habe, stümperhafte Bilder anzufertigen, die die Eindrücke doch nicht annähernd hätten einfangen können. Zum Glück habe ich ein paar Tage zuvor Guido kennengelernt – auch ein Photograph, der mir freundlicherweise ein paar seiner Aufnahmen gab und ich sie euch jetzt zeigen kann:

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

Photo: Guidø ten Brink

In meinen Augen das gebührende Ende, was diese Chemnitzer Reunion in Arvidsjaur verdient hat und genau das, was ich mir als Reiseleiterin für meine zwei Ehrengäste gewünscht habe. Seit dieser Woche versuche ich übrigens das Stückchen Chemnitzer Sonnenberg in mir nicht mehr zu unterdrücken, sondern gebe ihm genügend Raum. Ich habe gemerkt, vor allem bei den Jugendlichen aus Deutschland mit teilweise schwierigem Hintergrund, die ich hier betreue, zieht das recht gut.

Wer hätte gedacht, dass so ein dreieinhalbjähriges, soziales Experiment am Ende noch zu etwas gut ist?!

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Mein größtes Idol/ (Photo: Jan Delden/Pressens Bild)

Falls sich jemand wundert, wo ich seit einigen Wochen stecke: Ich bin in Schweden. In Lappland.  Nicht aus Zufall. Sondern mit Absicht.

Was ich hier mache? Nun, spontan würde ich antworten „Mich des Lebens freuen.“, doch es darf auch ruhig ein bißchen mehr sein.

Eine Stunde Autofahrt (so werden im dünn besiedelten Schweden die Entfernungen gemessen) südlich vom Polarkreis gelegen absolviere ich meinen Europäischen Freiwilligendienst (EFD) in einem idyllischen Städtchen namens Arvidsjaur.

Wo genau ist „eine Stunde Autofahrt vom Polarkreis entfernt“?

Ich arbeite in einer Einrichtung, die sich IDEUM nennt und deren Mitarbeiter den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen – alles jedoch immer unter dem Aspekt der Gemeinnützigkeit. So ist z.B. eine eigene Schreinerei Bestandteil des IDEUMs. Hier werden z.B. riesige Spielzeuge für Kindergärten gebaut, aber auch Bänke, Gartenhäuschen, Regale und Klitzekleinigkeiten wie Werkzeuggriffe. Die Tätigkeiten in der Schreinerei sind mit sozialen Projekten des IDEUMs verknüpft. Für mich ist hauptsächlich das Utland-Projekt relevant. Im Rahmen dessen empfängt das IDEUM junge Menschen, die in ihrem Heimatland meist arbeitslos sind und lässt sie in ganz verschiedenen Bereichen (z.B. Schreinerei, Tourist-Information, Friseur, Schule, Küche) Praktika absolvieren. So können sie internationales Wissen in ihrem Beruf erlangen, auch kulturell über den Tellerand hinausschauen und mit den hier gesammelten Erfahrungen und einem hoffentlich guten Gefühl zurück in ihr Heimatland reisen. Gleichzeitig reisen schwedische arbeitslose Jugendliche ebenfalls in andere Länder Europas – aus den gleichen Beweggründen.

Meine Aufgaben im kommenden Jahr werden ganz unterschiedlich sein. Vor allem bin ich zusammen mit Juliane für die eintreffenden Gruppen ein Ansprechpartner – und zwar sowohl wenn Probleme innerhalb der Gruppe auftreten, die sie nicht mehr lösen kann, als auch wenn eine einzelne Person einfach Redebedarf verspürt. Oft ist es der Fall, dass die Projektteilnehmer über keine allzu guten Englischkenntnisse verfügen. In ihrer Praktikumsstelle sollten sie aber zumindest ein paar Sätze beherrschen. Aus diesem Grund werden wir in den nächsten Monaten auch Basiskurse für die englische Sprache geben. Wenn sich unsere Schwedischkenntnisse in einen mit dem menschlichen Auge wahrnehmbaren Bereich entwickelt haben, wäre es sicher eine tolle Sache, auch hier ein paar Wörter an den Mann und die Frau zu bringen. Für die Gruppen organisieren wir auch Freizeitangebote, damit in den Wochen und Monaten, die sie in Arvidsjaur sind keine Monotonie aufkommt. Da hier alles ein wenig weiter auseinander liegt, ist ein Auto unerlässlich. Um aber alle auf einmal kutschieren zu können, bedarf es mehrerer Kleinbusse – und so bin ich gleich am 2. Arbeitstag ins kalte Wasser geplumpst und sollte einen Neunsitzer fahren. Die anfängliche Scheu ist mit der vor einem Flirt zu vergleichen – denn seit dem ich das erste Mal den Zündschlüssel umgedreht habe, bin ich verliebt in diesen Renault-Bus. Jetzt mögen Vorurteile gegen Franzosen kommen, doch unsere Liebe wird all dies überdauern. Notfalls wird der Häme Empfindende eben einfach umgekarrt. Nicht umsonst habe ich jahrelang mittels GTA trainiert.

Doch zurück zum Wesentlichen: Ich habe unglaublich sympathische Chefs – Jerry und Michåel (kurz: Micke). Jerry trägt auch den selbstverliehenen Titel „Stärkster Mann Arvidsjaurs“, besitzt einen trockenen Humor in Reinform und unterbreitete uns das überaus freundliche Angebot, uns jederzeit an seiner maskulinen Schulter ausweinen zu können. Bis jetzt gab es jedoch noch keinen Anlass dafür. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, die sich auch in seiner klaren Sprache und seinem Fahrstil wiederspiegelt. Micke ist ein wenig energischer, ebenfalls der Anwendung von Ironie und Sarkasmus befähigt (Juhu, sie verstehen meine Witze!), ungeheuer warmherzig, ein echter Fels in der Brandung.  Das Schöne ist, sie nehmen uns ernst, wollen uns etwas beibringen und sind offen für Vorschläge von unserer Seite. Für sie ist es aber auch elementar, dass wir Schwedisch lernen und so wird uns das ganze Jahr über die Teilnahme an einem Schwedisch-Kurs ermöglicht. Dreimal die Woche machen wir uns dafür auf in das örtliche Gymnasium und haben dort mit anderen Immigranten – zu einem Großteil Flüchtlinge u.a. aus Afghanistan – Schule. Da wir nicht mehr das Alphabet schreiben lernen brauchen und das Deutsche mit dem Schwedischen verwandt ist, wurden wir als blutige Anfänger in den Fortgeschrittenenkurs gesteckt. Noch fühle ich mich ein wenig verloren, merke aber, wie ich von Stunde zu Stunde Fortschritte mache.

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In meiner Unizeit besuchte ich Seminare zur Interkulturellen Kommunikation und Kompetenz. Doch wer hätte ahnen können, auf was ich hier treffe. Sie sprachen von Kulturschock, aber niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass er so tief sitzen kann.

Wie soll man sich schließlich als tugendhafter Deutscher in einem Land zurecht finden, dass die Kaffeepause (fika) zum Volkssport erklärt, in welchem das Wort „Stress“ in keinem Lexikon existiert und in welchem die Autofahrer freundlich lächelnd an einem Fußgängerüberweg halten?

Die erste Lektion in diesem sonderbaren Land habe ich gleich am 1. Tag von meinen zwei entzückenden Chefs eingebleut bekommen: „Don’t stress, you are in Sweden now! Don’t worry, everything will be alright. Please don’t hesitate to tell us, if you have any problems.“

BÄM. Das war ein schwerer Brocken. Doch zusammen mit meiner deutschen Mitbewohnerin Juliane versuche ich mich jeden Tag dem schwedischen way of life ein Stückchen zu nähern. Ich bin dankbar, dieses harte Leben nicht alleine meistern zu müssen. Um die seelischen Belastungen zu ertragen, denen wir hier zweifelsohne ausgesetzt sind, betäuben wir uns regelmäßig mit schwedischem Gebäck und Blaubeeren.

Letztere haben wir mit unseren eigenen, zarten Fingerlein im Wald gepflückt – und davon tiefgekühlte Vorräte angelegt, um auch kulinarisch über den real existenten Winter zu kommen.

Blaubeeren im Wald
Juliane och jag plocka blåbär

Ähnlich wie von Blaubeeren ist der gesamte Wald auch von genießbaren Pilzen übersät. Zehn Minuten sammeln reichen im Durchschnitt aus um einen achtköpfigen Bauarbeitertrupp oder vergleichsweise meine temporäre speisophile Viererwohngemeinschaft satt zu bekommen. Darüber hinaus besteht sogar die Mögklichkeit, ungeliebte Personen zum Essen einzuladen und ihnen ein paar weniger bekömmliche Exemplare unter die Pilzpfanne zu mischen – dahingehende Ambitionen scheiterten bisher einfach am persönlichen Nichtbekanntsein mit einem solchen Individuum.

Ein Fliegenpilz. Er befindet sich für den Fall der Fälle in meiner Tiefkühltruhe.

Das muss natürlich nicht zwangsläufig schlecht sein – die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft der Schweden wird mit trotzdem allmählich suspekt. Im IDEUM fragte ich den Leiter der Schreinerei vor zwei Wochen, ob er zufällig Hohlraumdübel in der Werkstatt rumliegen habe. Ich beabsichtigte mein Zimmer mit einem feschen Wandregal in Königsblau aufzuwerten – passend zu meinem ebenso feschen Schreibtisch. Da mein Vermieter jedoch aus ökonomischen Gründen die günstige aller Wände (eine einfache Rigipsplatte) wählte, war ich auf solche High-Tech-Hilfsmittel angewiesen. Die Uhr zeigte 15:30 Uhr an, Feierabend in der Werkstatt. Draußen goss es in Strömen und der ganze Hof schwamm. Mit der Entschlossenheit des Prinzes, der sich durch die meterhohen Ranken kämpft um Dornröschen aus ihrem 100-jährigen Schlaf zu befreien, stürmte Jan-Åge aus der Werkstatt, schlug  sich zu seinem Auto durch, fuhr zum nächsten Baumarkt und kam in erfüllter Mission mit den Dübeldingern zurück. Ich wurde zur Sprachlosigkeit verführt.

***

Das mit dem Regen ist übrigens kein einfaches Thema. Der diesjährige Sommer in Arvidsjaur war sonnig und trocken. Ab dem Tag unserer Ankunft hat es eine Woche nahezu ununterbrochen geregnet. Die Schweden sahen darin einen kausalen Zusammenhang und beschworen uns, etwas zu unternehmen. Mist, dachte ich. Da habe ich zu meinem 23. Geburtstag doch Bibi Blocksbergs Hexenprüfung geschenkt bekommen und nun fällt es mir auf die Füße, dass ich statt diese elementare Ausbildung wahrzunehmen „lieber“ Hausarbeiten bzw. meine Bachelorarbeit geschrieben hab. Mein Bildungsdefizit habe ich augenblicklich ausgeglichen und kann nun stolz berichten, zumindest kurzfristige Erfolge erzielen zu können. Im Folgenden präsentiere ich euch einige Photos, die an dieser Stelle als Beweis dienen sollen. Zunächst betrifft dies ausschließlich Bilder, die ich in Arvidsjaur aufgenommen habe – ich möchte euch nicht gleich mit zu vielen Eindrücken erschlagen, die ich in drei Wochen sammeln konnte! Es sind hoffentlich auch so genügend schöne Photos dabei.

Arvidsjaurs Hauptstraße

Einer der vielen Seen die es hier in jede Himmelsrichtung gibt

Zur Unterstreichung dieser Aussage: Gleich noch ein See

... und noch einer

Der Bahnhof

Ein kleiner Ausflug zu einer Aussichtsplattform

Und ein Erinnerungsphoto mit den vorherigen "Freiwilligen" Marlene (l) und Julia (r), sowie einer Teilnehmerin des Leonardo da Vinci Programms Soukaina (3. v l), Juliane (2. v l) und ich (na? wo? wo? wo?)

Abendstimmung in Arvidsjaur

Die Kirche von Arvidsjaur - sicherlich nicht das letzte Mal ein Motiv

Was für Bibi ihr Besen Kartoffelbrei ist, ist für mich mein Military Bike. Zusammen haben wir schon so manches Abenteuer erlebt, einige sind einen eigenen Blogeintrag wert. Doch hier, stelle ich euch dieses Meisterwerk von Ästhetik und Dynamik erst einmal visuell vor – zusammen mit seiner sonderbaren Art, wie es Tag für Tag versucht, meine Zuneigung zu gewinnen – durch Umarmungen, hart wie Eisen.

I love my Military Bike

... even when it hurts.

Das ist doch ein schöner Abschluss für das erste Lebenszeichen aus Lappland – ganz im Sinne der Romantiker unter uns.

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Hachja.

Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Zwischen mir und dem Feierabend steht nur noch eine Busfahrt.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das niedliche Wörtlein „nur“ leider oft unterschätzt wird. Definitiv.

Wer in Chemnitz Bus fährt, weiß nie, ob er auch tatsächlich ankommt, oder vielleicht am Ende vom Alkoholgeruch seines Sitznachbarn betäubt bis in die Nacht hinein zwischen zwei Endhaltestellen hin und her gondelt.

Mein Glück in Sachen Sitznachbarn ist ja praxiserprobt und eigentlich eine eigene Studie wert.

Was das Potenzial für eingehende und vielschichtige Sozialbetrachtungen betrifft, so steht eine Busfahrt dem Dschungelcamp in nichts nach.

Da wären zunächst die Mitglieder unserer Gesellschaft, die als Kleinkinder irgendwann einmal hart auf den Kopf gefallen sein müssen – anders sind aufgeschnappte Gesprächsfetzen wie „Aldo guggemah da, das Opforr liest. Näm dän ma dem sein Buch wähch“ in meinen Augen nicht zu erklären. Was genau die im Bus suchen, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Entweder haben sie tatsächlich einen Job – das gäbe mir persönlich ein klitzekleines Bisschen Hoffnung für die Zeit nach meinem Abschluss- oder aber, und das ist wohl wahrscheinlicher, sie besuchen ihre Freunde im Jugendknast oder schlagen für die Russenmafia irgendwelche Menschen zusammen (Gut, ja, ist auch ein Job, aber ich meinte jetzt die, für die eine Lohnsteuerkarte relevant ist).

Dann gibt es jene, die zu ihrem regelmäßigen Alkoholkonsum ganz offen stehen und diesen auch im Bus eindrucksvoll demonstrieren und solche, die sich da eher etwas schüchtern verhalten und ihr Tetra-Pack guten Lidl-Weißwein aus Ästhetikgründen in Mineralwasserflaschen umfüllen. Der Wille ist auf jeden Fall da, also bitte nicht meckern, wenn beim nächsten Schlagloch bei dieser Aktion etwas auf die eigene Hose kleckert.

Die nächste Gruppe – nörgelig-aggressive Senioren – kommt einem dagegen auch schon fast wieder fad vor, obwohl sie ja durchaus ihren Unterhaltungswert haben. Und für wen gibt man lieber seinen Sitz frei als für einen adretten, älteren Herren, der einem ansonsten eines mit seinem Gehstock überbrät (den er wahrscheinlich gar nicht braucht, sondern sich eben nur zum Erschleichen der Behindertensitze im Bus angeschafft hat)?!

Für die unter uns, die ständig auf der Suche nach neuen Abenteuern sind und die Herausforderungen des Alltags lieben, ist so eine halbe Stunde im Bus genau das Richtige.

Zunächst einmal muss man es nämlich schaffen, sich überhaupt noch in den Bus hinein zu quetschen, sollte man das leichtsinnige Unterfangen verfolgen, sich von der Universität in Richtung Wohnung bewegen zu wollen, wie es nun einmal hin und wieder vorkommen soll. Wer also das Bedürfnis verspürt, mal wieder jemand Fremdes an den Hintern zu fassen und das relativ sanktionsfrei überstehen möchte, der nehme doch bitte einfach den Bus. Intensiver Körperkontakt ist nämlich inklusive. Quasi in dem Semesterticket enthalten. Selbst wenn man wöllte, es ist nahezu unmöglich nachzuvollziehen, wer der sechs Leute, die sich unmittelbar an einen heranquetschen jetzt genau der Grabschende war.

So. Ist man erstmal Teil dieses Höllengefährts, ist es ein wenig diffizil, daraus wieder auszubrechen. Die allgemein bekannte Verhaltensregel „Erst die Passagiere aussteigen lassen, bevor man dazu steigt“ scheint die geographische Hürde des Erzgebirges bedauerlicherweise nur teilweise überwunden zu haben.

Dieser  Umstand führt unweigerlich dazu, dass ich am Ende des Tages mein Leben gegen kampflustige mit Kauflandtüten bewaffnete Großmütter verteidigen musste. Indem ich mit einer Mischung aus Panik, Verzweiflung und Wut rief: „Verdammt, ich bin kein Hologramm, dass hier zum Abbau Ihrer rentnerischen Aggressionen von den Verkehrsbetrieben statuiert wurde!!!“, konnte ich zumindest kurzzeitig auf mich aufmerksam machen und so dem Ertramplungstod durch orthopädische Schuhe entkommen.

Für heute.

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Der erste Eindruck

„Was hab ich mir denn da für ne Psychopathin nach hause eingeladen?“, war sicherlich sein erster Gedanke. Aber ich konnte doch auch nichts dafür, dass in meinen Augen immernoch der Ausdruck von vier Studen Verletzung meiner Menschenrechte stand.  Nach einer kurzen Schilderung meines Matyriums zeigte er allerdings Verständnis. Spätestens als er bemerkte, dass ich durch meine abgeschmolzene Schuhsohle beim Laufen klang wie ein Pirat mit Holzbein, verlor er jegliche Angst vor mir.

Alex wohnte in einem Haus nur mit Studentenzimmern. Da für viele Vermieter Studenten eher dem Tier als dem Menschen zugehören, sah es auch dementprechend dort aus. Alles ziemlich klein und  kaputt.  In die Dusche konnte ich nur mit geschlossenen Augen steigen. Und Alex beteuert bis heute, dass sie erst nach gründlicher Reinigung SO aussah.  Doch was half es. Diese Dusche war mir jedoch alle Male  lieber, als den Körpergeruch des Arabers die nächsten Tage an mir haben zu müssen.

Meinen ausgezeichneten Orientierungssinn erwähnte ich ja anfänglich schon einmal. Nachdem ich aus dem vermeintlichen Badezimmer kam, irrte mich in der Zimmertür und landete in einem dunklen Zimmer. Aus dem Bett dröhnten Schimpfwörter, die man uns zurecht in der Schule nicht gelehrt hat. Geschenkt.  Zu diesem netten Zeitgenossen kehre ich an anderer Stelle noch einmal zurück. Das schulde ich ihm. Nachdem ich das Ausschlussverfahren mehr oder weniger erfolgreich anwandte,  sollte ich am Ende des Tages doch noch einen Schlafplatz haben.

Das Kulinarische Einmaleins des Alexander H.

Wie es sich für den stereotypischen Westdeutschen gehörte, hat Alex tags zuvor alle Kosten und Mühen auf sich genommen und im Lidl um die Ecke ein paar Bananen (für die anderen armen Ostdeutschen habe ich eine Grafik beigefügt) besorgt, damit ich als bedauernswerte  Ostdeutsche wenigstens einmal im Leben welche essen konnte.

Bananen (entnommen aus Wikimedia Foundation Inc. (Hrsg.) (2010): http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Ambersweet_oranges.jpg&filetimestamp=20050524183935, letzter Zugriff am 17.1.2010.

Auch sonst wurde ich kulinarisch verwöhnt und bekam nur das beste vom besten: Kartoffelwaffeln (schmecken wie Pommes Frites), Camenbert, Toast und Kit Kat. Angeblich die Grundnahrungsmittel des walisischen Otto Normalverbraucher (dortzulande „Fred Bloggs“). Um unseren Vitaminhaushalt noch einmal besonders aufzufüllen, hat Alex mich ganz Gentleman in ein äußerst edles Fastfood-Restaurant ausgeführt.  Wir waren beide froh, dass wir in dem angeblichen Hühnchen keine frittierten Finger oder Rattenkörperteile fanden.

Kulturspaziergang

Natürlich haben wir nicht nur gegessen. Wer uns kennt, weiß das. Mein kompetenter Fremdenführer zeigte mir alle Winkel von Cardiff: Die Innenstadt, die Universität, den Studentenwohnknast, Tesco, Lidl, den Park, die Kathedrale, das Schloss (zumindest von weitem) und die Bay.

Das eigentliche Studentenwohnheim glich tatsächlich eher einer Gefängnisanlage. Meterhohe Zäune, Stacheldraht, Überwachung. Wir fragten uns, ob diese Maßnahmen zur inneren Sicherheit des Wohnheims oder zum Schutz der Umgebung angelegt wurden.  Ich habe mich nicht getraut, ein Photo zu machen.

Es folgt eine kleine Bilderstrecke von Cardiffs Sehenswürdigkeiten (ich bitte darum, etwaige negative Bildeffekte zu entschuldigen, meine damalige Kamera war in ihrer Technik leider nicht sonderlich ausgereift):

An der Bay

Rotes Dingends. Alex nötigte mich, es zu fotografieren, weil dies alle täten.

Hohe Wasserqualität. Nachdem wir eine Weile vergnügt in diesem zauberhaften Gewässer herumplantschten, wuchsen uns Flossen und Kiemen...

Anscheinend sind wir ohne es zu merken in militärisches Sperrgebiet eingedrungen und Teil eines streng geheimen Wasserexperiments geworden.

Es gab aber auch normales Wasser. Hat Spaß gemacht, unsere neue biologische Ausstattung darin mal zu testen.

Ähnlich wie in Deutschland, gibt es auch in Wales Bäume.

Das Kathedralendingends. Keine Ahnung, wie das in Echt heißt...

Universitätsgebäude. Foto: A.H.; Bearbeitung: S.W.

Riesenrad. Sind wir aber nicht mit gefahren. Alex hat es wenigstens trotz Höhenangst fotografiert 😉 Foto: A.H.; Bearbeitung: S.W.

Nochmal das Kathedralendingens. Diesmal so ein bißchen aus der Froschperspektive. Extra für Frau G.V.

Öhm. Ja. Damit lüftet sich wohl das Geheimnis um unsere Identität. Gott, waren wir da noch jung. Nagut, ich wars wirklich. Bei Alex liegts nur daran, dass er sich rasiert hat. Dann sieht er immer aus wie 13... Foto: A.H.

Ruine. Eigentlich unsere Unterkunft, nachdem walisische Hooligans sie betrunken und nur mit Hello Kitty Boxershorts bekleidet abgefackelt haben.

Am zweiten Abend haben wir uns dazu entschlossen ins Kino zu gehen und uns Stardust anzuschauen. Mein erster Film in einem fremdsprachigen Kino. Ich fand den Film so schön, dass ich mir dann später sogar die DVD gekauft hab. Als wir vom Kino nach hause gingen, sind wir quasi am Cardiffer Nachtleben vorbei gekommen und Augenzeuge davon geworden, wie „Komasaufen“ funktioniert. Eine Idylle voller (halb)bewusstloser Jugendlicher.

Das Schlusswort

Durch den Vorfall am ersten Abend war ich in meinem Quatier  immer besonders vorsichtig, mit meiner Wahl der Zimmertür. Allerdings hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr, Alex Zimmernachbarn bei seinem Schlaf gestört zu haben. Das war nämlich die einzige Nacht, in der er geschlafen hat. Ansonsten hatte er, sofern ich das beurteilen kann, jeden Abend anderen Damenbesuch gehabt. Und sie haben ihre Zeit nicht gerade mit Brettspielen verbracht. Eher mit Bettspielen. Obwohl. Die Dame aus Nacht 3 hatte anscheinend eine Vorliebe für Mensch ärgere dich nicht.  Die beiden Turteltäubchen waren gerade voll bei der Sache… Es klang die ganze Zeit ein wenig danach, als hätten die nebenbei ein Band mit Tiergeräuschen laufen. Als sie gemeinsam fast die Spitze des Berges der Lust erklommen hatten, klingelte das Mobiltelefon des weiblichen Parts.  So toll, wie er sich selbst fand, konnte der Typ offensichtlich nicht gewesen sein, denn sie ist lieber drangegangen, als weiter eine aggressive Möwe zu mimen.  Sonderlich angetan war der männliche Gegenpart allerdings nicht, denn er schimpfte und grunzte wütend und wir waren uns nicht ganz sicher, ob es sich hierbei um die Imitation eines Affen oder eines Ziegenbocks handeln sollte.

Wir werden es nie erfahren. Wie so viele andere Dinge auch nicht. Ich kann nur sagen, dass es echt eine tolle Zeit in Cardiff war und dass ich dafür sehr gerne die abenteuerliche Hinfahrt und die sicherlich ebenso erwähnenswerte Rückfahrt (von der zu berichten ich hier allerdings absehe) auf mich genommen habe. Also noch einmal herzlichen Dank an meinen Gastgeber! 🙂

Cardiff ist eine wirklich schöne Stadt mit einigen interessanten Sehenswürdigkeiten. Ein Besuch lohnt  sich in jedem Falle. Allerdings möchte ich euch noch folgende Kleinigkeiten ans Herz legen:

  1. Falls ihr zu einer kalten Jahreszeit  mit Megabus reisen wollt, legt euch am besten Schuhe mit unkaputtbarer Sohle zu.
  2. Ich habe mir auch überlegt, dass so ein chloroformdurchtränktes Taschentuch ein durchaus nützliches Gepäckstück sein kann (wird bei Flughafenkontrollen sicherlich nicht aussortiert), wenn es darum geht, knuddelwütige Liebesattacken ohne großen Energieauffand und Blutspritzer abzuwehren.
  3. Ernährt euch vorher ein wenig gesunder als sonst, damit euer Körper mit dem drohenden Vitamindefizit klar kommt 😉
  4. Macht beim Komasaufen nur mit, wenn eure Krankenversicherung auch im Ausland gilt…
  5. Meidet grünes Wasser.

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Chemnitz – Altenburg – Stansted

Es war der Morgen des 21. November 2007. Hektisch packte ich die letzten Sachen zusammen, bevor meine damalige,  liebreizende Mitbewohnerin mich zu dem modernsten, beeindruckendsten und gefragtesten Flughafen schlechthin fuhr: Leipzig-Altenburg-Airport. Ein Symbol für den Fortbestand der Globalisierung und des Klimawandels durch die Invasion der Billigflieger.

Nachdem man mich glücklicherweise nicht für einen Terroristen gehalten hat,  ich die erste Flughafensicherheitskontrolle meines Lebens erfolgreich überstanden habe und eine halbe Ewigkeit mit solariumbraunen, sächsischen Feiertagstouristen in der charmanten Wartehalle zubrachte, betrat ich also endlich das Gefährt, dass sich schon ein paar Minuten später mehr oder weniger majestätisch in die Lüfte erheben und uns wohlbehalten an den westlichsten Zipfel Europas bringen sollte: Das Vereinigte Königreich.

Kein Eismeer, sondern Wolken. Leider war das Fenster zu klein, um meine Sitznachbaren Teil dieser Vollendung der Natur werden zu lassen.

Über den Wolken... und so weiter... von wegen Freiheit

Wie es für mich und mein Glück mit zufälligen Arrangements üblich war, hat sich selbstverständlich ein putziges Pärchen der Sorte „Wir sind zwar schon Mitte 40, aber wenn wir uns wie 17 1/2 verhalten, merkt es vielleicht keiner“ neben mich gesetzt. Eigentlich sahen sie mehr wie Geschwister aus, allein der Austausch feucht-schleimiger Zärtlichkeiten ließ mich andere Schlüsse ziehen.  Glücklicherweise hatte ich ein portables Musikabspielungsgerät dabei und so verhinderten Oasis und die Arctic Monkeys auf heldenhafte Weise, dass ich ihre Konversation auf dem intellektuellen Niveau von Britt am Mittag aktiv mitverfolgen musste.

Das Vereinigte Königreich aus der Vogelperspektive

Stansted – London

Zu meiner Freude sind wir nicht abgestürzt. Die britischen Flughafenangestellten hießen mich mit einem herzlichen „Passport (please)“ willkommen und ich habe nach nur einer Viertelstunde den Bus gefunden, der nach London fahren sollte. Diesmal gab es zum Glück keine Dreiersitze, doch ich ahnte ja nicht, dass ich mir das Geschwisterliebespaar noch herbei sehnen würde. Neben mich setze sich eine, rassige, kurvenreiche Spanierin, um beschönigend zu arbeiten. Das könnte man zumindest im weitesten Sinne über eine weibliche Person mittleren Alters, mit einem schwarz-roten Wickelkleid, dass ihre etwas opulenteren Fettpölsterchen erfolglos zu verbergen versuchte, sagen. Ihr Damenbart bildete einen interessanten Kontrast zu dem signalroten Lippenstift, den goldfarbenden Billigklunkern und dem äußerst durchsetzungsfähigen Parfum, das selbst für Angestellte und Besucher eines Billignachtclubs kaum zu ertragen gewesen wäre.  Gelangweilt redete sie in ihr ebenfalls goldfarbenes, mit Glitzersteinchen besetzes Mobiltelefon mit einer Stimme, bei der mir unweigerlich der Gedanke an Räuber Hotzenplotz kam.  Ich fühlte mich wie in einer Transvestiten-Show.  Doch auch nach dieser Sitznachbarin sollte ich mich einige Stunden später zurücksehnen.

In London hatte ich noch ein wenig Zeit für einen Spaziergang, bevor ich mich in der Victoria Station einfand und auf den Bus nach Cardiff wartete.

Als er auch 10 min nach Abfahrtstermin nicht eintraf wurde ich, möglicherweise durch den Einfluss meines Herkunftlandes,  ein wenig unruhig.  Auch das Erscheinungsbild originaler britstyle Jungendlicher, das ich zu gern fotografisch festgehalten und auf Leinwandformat gebracht hätte, konnte mich nicht ablenken. An meinem Orientierungssinn zweifelnd, fragte ich eine der Wartenden, ob ich mich an der richtigen Stelle befände. Sie versicherte mir, dass Verspätungen bei diesem Busunternehmen zur  Geschäftsphilosophie gehörten und so blieb mir fast noch eine Stunde Zeit, um schüchtern meine Englischkenntnisse in der Realitätzu erproben und der symphatischen Waliserin zuzuhören, wie sie sich über ihre englischen Nachbarn ausließ.

London – Cardiff

Dann kam endlich der ersehnte Bus. Irgendwie traute sich niemand so recht, sich neben mich zu setzen. Anfangs irritierte es mich, doch ich hätte damit zufrieden sein sollen.

Denn als fast alle Sitze belegt waren, betraten eine ältere Dame und ihre zwei Söhne aus den Vereinigten Arabischen Emiraten den Bus.  Die Frau und einer der Männer setzten sich auf die zu meinem Platz parallele Sitzbank, der andere Mann direkt neben mich.

Sogleich stellte er sich als Shaan vor und begann, sich mit mir zu unterhalten. Er war sehr freundlich, doch wurde er mit jeder Minute zudringlicher. Was mit harmlosen Smalltalk begann, entwickelte sich zu einer Verlobung.  Und wenn ich Verlobung sage, dann übertreibe ich gewiss nicht. Dass ich einen Freund besuchen wollte, interessierte ihn nicht wirklich. In seiner Vorstellung sah er uns wahrscheinlich schon romantisch auf einem Kamel durch walisische Gärten reiten. Er zwang mir nicht nur seine Handynummer und seine körperliche Nähe, sondern auch einen Ring auf. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob es die vielleicht mal im Zehnerpack bei Tesco gab, oder ob ich seitdem in Besitz eines urarabischen Erbstücks bin.

Irgendwann war meine Verzweiflung so groß, dass ich mich einfach tot stellte. Ich hätte es in dieser Situation unglaubwürdig empfunden vorher meinen mp3-player einzuschalten und so fristete ich eine halbe Ewigkeit ein menschenunwürdiges Dasein auf einem blau-gelben Sitz. Shaan schien der Gedanke an eine hilflose, (vermeindlich) schlafende Frau neben sich irgendwie zu beflügeln und er ging noch mehr aus sich heraus. Er quetschte mich mit seiner Körperfülle gänzlich an die Scheibe des Busses, legte unverfroren eine Hand auf meinen Bauch und lehnte seinen Kopf an meine Schulter. Ich wäre gerne aufgestanden und aufgrund der Gedanken die mir dabei in den Kopf kamen, brechen gegangen, aber der Ekel paralysierte mich zu sehr.

Der Busfahrer meinte es gut mit den Passagieren und drehte an diesem kalten Herbsttag die Heizung des Busses wohl auf die Höchsttemperatur. Später bemerkte ich, dass die Sohle meines rechten Schuhs, der sich unglücklicherweise direkt auf der Heizung befand, der Hitze nicht standhielt und einfach abgeschmolzen war. Mein Sitznachbar aus Tausend und einer Nacht schien funktionierende und sehr aktive Schweißdrüsen zu haben. Wie schön für ihn. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, da können sich Bundeswehrfolterer noch einiges abgucken. Ich legte ihm nahe, dass er sich momentan nicht auf einer von seinem Stammbordell veranstalteten Fahrt befände. Und dass er, wenn er so weiter machte, dieses auch nie wieder besuchen könne. Das fand er wahrscheinlich lustig und sagte, ich wäre nur schüchtern, weil wir beide nicht die selbe Sprache sprechen würden.

Kurzzeitig verspürte ich den Drang, ihm den Arm auszukugeln, meinen Kugelschreiber in seinen Oberschenkel zu rammen und ihm meinen letzten Proviant – ein geschmolzener Kinder Pingui – in die Nase zu schmieren. Zu meinem Bedauern erinnerte ich mich kurze Zeit später an die Erziehung, die ich genossen habe. Und was hätte es schon gebracht? Wahrscheinlich hätte Prinz Stalking das noch als sexuelle Provokation gesehen, als  interessantes Paarungsverhalten der Deutschen abgetan und sich leidenschaftlich auf mich gestürzt. Zum Glück blieb mir wenigstens das erspart.

Wie ich so vier Stunden versuchte,  an etwas positives zu denken, das mich davon abhalten würde, mich auf der Stelle mit meinem Schal oder meinem Kopfhörerkabel zu strangulieren, merkte ich gar nicht, dass wir Cardiff schon erreicht haben.  Fast hätte ich den Ausstieg verpasst. Das lag zum größten Teil daran, dass ich immer noch an die Fensterscheibe gequetscht vor mich hin vegetierte.  Ein netter Herr hinter uns, der die Fleischmasse neben mir versuchte ab und zu in Schach zu halten, verhalf mir jedoch noch zu meiner glücklichen Flucht. Ich stolperte aus dem Bus heraus und sah  (immernoch ein bißchen verstört) in die großen Kulleraugen meines Gastgebers.

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