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Posts Tagged ‘Abenteuer’

Ein braves Mädchen zu sein, lohnt sich. Sagt man immer. Stimmt aber auch. Sonst hätte uns der Weihnachtsmann dieses Jahr wohl kaum eine X-Box geschenkt. Und dass, obwohl wir nicht einmal ein Gedicht aufgesagt haben. Gut. Eigentlich war es meiner Vater, der dieses Geschenk an sich und uns gemacht hat – und aus früher Kindheit weiß ich, dass er nie etwas von diesem Weihnachtsgedichtsritual gehalten hat. Habe ich doch immer versucht, ihn vor der Rute zu bewahren und mich schützend mit meinem unerschöpflichen Gedichtsrepertoire vor ihn zu werfen und ihn vor diesem gewalttätigen, alten Mann zu schützen. Genützt hat es selten etwas. Viel zu viel Freude schien er an der Verwendung der Rute zu haben.

Aber gut, das ist nicht das eigentliche Thema. Es soll vielmehr um die Folgen dieses Geschenks gehen. Natürlich hat es uns allen in den Ferien aureichend Beschäftigung beschert. Meine Schwester kaufe sich dann ein Phantasie-Rollenspiel, das wir zwei mit Hingabe spielten. Die Hauptfigur ist ein Held bzw. eine Heldin, die ihr ganzes Leben dafür verwendet, den Tod ihrer Schwester zu rächen und den Oberbösewicht und Mörder dieser daran zu hindern, die Weltherrschaft an sich zu reißen und ihn umzubringen. Soweit, sogut.

Man muss seinen Charakter, im Nahkampf, mit Fernwaffen und Magie ausbilden. Die eigenen Taten entscheiden darüber, ob man gut oder böse ist.  Z.B. kann man Bürger bestehlen und erpressen. Man kann ihnen aber auch etwas schenken und seine Selleriestangen ehrlich erwerben. Begleitet wird man von einem süßen Wauzi, dem man allerlei Tricks beibringen kann und der die Schurken dann die finale Behandlung gibt, wenn sie am Boden liegen und immer noch frech werden wollen.

Natürlich wird jetzt jedem klar sein, dass zwei engelsgleiche Wesen wie mein Schwesterlein und ich durch und duch gut sind und unsere Figuren schon munter und fidel mit einem Heiligenschein durch die Landschaft hopsen. Das kann aber auch einige Nachteile mit sich bringen.

Erst einmal wollen eine plötzlich alle heiraten. Klar. So eine durchtrainierte Heldin, die Bösewichte ordentlich verkloppen kann, da kann man schon mal schwach werden. Doch wie im echten Leben ist auch das Selbstbewusstsein einiger Phantasiewelt-Bürger dort unbegründet. Alte Fettsäcke mit Halbglatze wollen meinen Charakter nötigen, ihnen seine Liebe zu beweisen und mit einem Ring zu besiegeln. Diese aufdringliche Meute folgt einem bis ins eigene Haus ohne dass sie jemand eingeladen hätte. Es ist an der Zeit, jede Menge unhöfliche Ausdrucksmittel anzuwenden, damit sie von alleine gehen. Ab und zu habe ich auch schon mal die Knöpfe verwechselt und versehentlich ein paar Energiebälle heraufbschworen oder irrtümlicher Weise das Schwert gezogen. Dabei habe ich jedoch nicht einmal den Sicherheitsmodus deaktiviert und diesen ganzen aufdringlichen Schmierlappen ist überhaupt nichts passiert. Trotzdem regt sich das Pack auf einmal tierisch auf und wird ausfällig. Wenigsten verlassen die so das Haus. Wo sind hier bitte die Rechte des Opfers. Anti-Stalking-Gesetze scheint es da ja noch nicht zu geben.

Eines Tages flehte ein weiblicher Geist meine Figur um ihre Hilfe an. Er war in einer Zwischenwelt gefangen, nachdem er sich als Mensch das Leben genommen hat, weil er vorm Altar sitzen gelassen wurde. Meine Heldin sollte nun den Bräutigam finden und zwar nicht mit ihm den Boden wischen, doch aber sein Herz brechen, damit der Geist Frieden finden kann. Den Typen zu bezierzen fällt nicht schwer, wenn diese alten Lustmolche auch ringsherum lauern. Bekommt man dann aber die Möglichkeit, ihm den Brief seiner einstigen Braut zu übermitteln, gesteht der Honk plötzlich von sich aus sein Fehlverhalten. Na toll. Dann hat man nur noch zwei Möglichkeiten: Ihm den Brief zu geben und ihn in damit den Selbstmord zu treiben oder ihn zu heiraten. Das prangere ich entschieden an. Warum gab es nicht die Möglichkeit „Ihm nicht den Brief geben und abhauen“. Ich konnte niemanden, der sich für seine Erbärmlichkeit entschuldigt, den Todesstoß verpassen.  Ethik-Unterricht sei dank. Wohl oder übel musste mein Charakter diese Person heiraten. Der Geist war froh, dass ich seinen Plan nicht ausgeführt habe und konnte erlöst in die andere Welt entschwinden. Wenigstens einer.

Meine Figur hat den jetzt an der Backe. Da hat es meine Schwester besser abgefasst. Ihre Figur hat einen bisexuellen Mönch geheiratet, der ihr ständig Geschenke macht. Also eindeutig die richtige Wahl.

Die pensionierten Perverslinge lauern übrigens selbst jetzt noch im Haus meiner Heldin. Sogar dann, wenn sie sich mit ihrem Zwangsehemann um die Reproduktion ihrer Gene kümmert, ehe sie wieder 10 Jahre in einem Turm verbringen muss, um ihrem Erzfeind ein Stückchen näher zu kommen.

Da lob ich es mir doch, täglich aufs neue „nur“ mit dem ganz normalen Wahnsinn konfrontiert zu sein, noch dazu mit jemandem, der es nicht nur auf meine bisher noch ausbleibende Berühmtheit abgesehen hat.

Ok, eine unleugbare Parallele gibt es doch. Hier in Schweden sind heute auch (mal wieder) einfach Menschen in meine Wohnung gekommen und haben eine Waschmaschine gebracht. Ohne zu klopfen. Zum Glück ziehe ich bald um und es fühlt sich nicht mehr jeder dazu berechtigt,aufforderungslos unsere Wohnung zu betreten. Ich habe mich aber trotzdem gut benommen und diesen Personen mit mangelnden Manieren einen Kaffee angeboten. Haben wollten sie ihn nicht. Vielleicht hatten sie Angst, ich würde sie vergiften wollen. Wollte ich ja gar nicht…

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Ausgehen in Schweden ist so eine Sache. Grundvorraussetzung ist erst einmal, dass man ein Menschenfreund ist.  Erfüllt man diese Vorraussetzung, bietet sich einem die Möglichkeit für Sozialstudien, von denen man in Chemnitz nur träumen kann.

Nun ist es so, dass in dem beschaulich-idyllischen Städchen Arvidsjaur nicht allzu viel los ist.  Es gibt genau einen Pub – und ein Hotel, das Diskos veranstaltet. Konkurrenz ist dementsprechend inexsistent. Daher kann es sich der Pub neben der unfreundlichen Bedienung auch leisten,  jede Woche die schlechteste Playlist der Welt zu spielen – bestehend aus den immer wiederkehrenden, gleichen 15 Songs. Beim Anhören dieser könnte man fast denken, David Guetta, Katy Perry und Florian Silbereisen hätten exklusiv für besagten Pub eine neue Musikrichtung erfunden die hier – und nur hier gespielt werden darf.  Vielleicht gibt es jemanden, der das zu würdigen weiß, einem Musikfaschisten wie mir jedoch lassen die Klänge das Messer in der Tasche aufgehen.

Sogesehen kann man der hiesigen Bevölkerung nicht wirklich vorwerfen, dass sie sich in großen Schritten zur Bewusstlosikeit betrinkt. Jetzt wäre es jedoch unfair nur besagtem Etablisement die Schuld für das Unvermögen vieler Schweden zuzuschreiben, das richtige Maß im Alkoholkonsum zu finden. Denn auf anderen, privaten Parties sieht es nicht besser aus. Da kann man sich die Sicherheitskräfte, die es in dem Pub glücklicherweise gibt, manchmal einfach nur noch herbei wünschen.

Viele der Schnapsleichen haben auf meine Frage, warum sie unbedingt 4 Promille im Blut haben müssen um etwas als Party definieren zu können, geantwortet, dass ihre Kultur eher eine reservierte sei und sie durch einen bestimmten Alkoholpegel ihre Schüchternheit reduzieren wollen (natürlich haben sie es nicht SO gesagt, ich habe nur versucht, es in eine offiziell anerkannte Sprache zu übersetzen). Leider verpassen sie den Moment des Aufhörens, was ihre Chance darauf, etwas von der so bekämpften Reserviertheit zu haben, ein wenig schmälert. Personen, die kaum noch laufen können und die Fähigkeit verloren haben, sich zu artikulieren, fällt es meistens auch schwer Sex zu haben bzw. jemanden zu finden, der sich für jenes Unterfangen zur Verfügung stellt.

Natürlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sich klar von solchen Gewohnheiten abgrenzen, dennoch ist das beschriebene Phänomen hier sehr präsent. Man muss den Schweden zugute halten, dass sie zumindest unter der Woche nicht trinken- und dann scheinbar am Wochenende einiges nachholen müssen.

So kam es, dass sich meine Begeisterung am vorgestrigen Abend in Grenzen hielt, als mich die Ungaren, die ich hier neben anderen Gruppen betreue, fragten, ob wir uns auf ein Bier im Pub treffen wollten.

Hatte ich mich doch gerade von einer Feier zum 15. Geburtstag einer Kolumbianerin davonstehlen können, auf welcher ich gezwungen war, enger als mir lieb war mit einem Chilenen um die 50 (ein bißchen hat er mich an den Araber aus dem Cardiff-Bus erinnert, nur älter und weniger Haar – vielleicht schaltete sich ja angesichts der Konfrontation mit einem meiner größten Traumata mein seit dem sehr ausgeprägter Fluchtreflex ein) zu tanzen und die Alternative eine Horde temperamentvoller Teenagerjungs gewesen wäre. Ich war einfach nicht so stark und rhythmisch wie meine Mitbewohnerin und Kollegin Juliane, die sich so viel besser unter das Partyvolk mischen konnte und nach meinem Abgang noch weitere Stunden auf der Feier verweilte. Sie hatte meine Bewunderung.

Mein kleines, schwaches Herz hingehen musste sich erst einmal erholen. Es sah freudig einer mittelmäßigen Romanze und Eiscreme entgegen um nach jenen Strapazen wieder zu Kräften zu kommen. Doch der Snoopy-Schlafanzug musste warten.  Ich mag „meine“ Ungaren schließlich und wenn sie ihre Englischlehrerin und Betreuungstrulla schon an ihrem Wochenende sehen wollen, dann kann ich ja ein wenig Entgegenkommen zeigen und es eine Stunde in der Kneipe aushalten, Hardcore-Trance-Musikantenstadl hin oder her.

Ich raffte mich also auf und bekam dann mit, dass der Pub geschlossen war. Mein Herz schrie nach dem flauschigen Pyjama. Wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Zwei der ungarischen Jungs standen vor meiner Wohnung um mir zu sagen, dass ich mich nicht auf den Weg zu machen brauchte. Es wäre unhöflich gewesen, sie nicht reinzubitten. So saßen wir da, plauderten nett und tranken ein Gläschen deutschen Schnaps, den mir meine treusorgende Oma für kalte Winternächte zugesandt hat. Ich empfand die Zeit als wirklich angenehm. Selbstverständlich hätte ich wissen müssen, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Es klopfte wieder. Diesmal war es der Chef meines italienischen Mitbewohners Ugo und irgendwelche Verwandtschaft, die um Einlass baten. Ihre Beweggründe kannte ich nicht. Sie wollten weiter zur „Disko“ ziehen und nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ugos Chef konnte ich schlecht die Tür vor der Nase zuknallen, also gesellten sie sich zu uns. Drei Männer jenseits der 40. An diesem Abend habe ich gelernt, dass es auch unhöflich sein kann, Männer auf Alter hinzuweisen. Zumindest, wenn sie selbstbewusst ihre Jugend und Schönheit so einschätzen, dass sie locker eine 24-Jährige anbaggern könnten. Juliane war zunächst noch auf der Geburtstagsparty, ich war also allein unter Männern. Doch sie reagierten gefasst, als ich ihnen versinnbildlichte, dass ich ja schon einen Papa hätte und dass sie an den auch niemals herankämen.

Ich wurde gefragt, warum ich nicht ausginge, die Disko sei heute schließlich voll mit Menschen. Als ich mit „Eben deswegen.“ antwortete und insgeheim befürtchtete, dort auch dem Cardiff-Araber-Verschnitt oder sonst einem paarungsfreudigen Temperamentbündel zu begegnen, verwechselten sie meine Bemerkung irrtümlicherweise mit einem Witz statt der Wahrheit.

Sie waren beschwipster als ich zunächst annahm und eine weitere Unterhaltung mit den Ungaren war kaum noch möglich. Die Sucht der anderen Gäste nach Aufmerksamkeit äußerste sich dafür zu auffällig. Einer unter ihnen stellte sich als Profiwrestler heraus und forderte die Jungs zum Duell im Armdrücken auf.  Naja. Männer. Jedes Mal hat er sich wie ein kleiner Junge gefreut, wenn einen der anderen in dem ungleichen Kampf besiegt hat.

Damit die Luft nicht allzu testosterongeladen blieb, spielte ich als DJ des Abends ein wenig „Save Tonight“ von Eagle Eye Cherry. Das kam an. Tief in ihnen drin, waren sie also doch allesamt Softies. Das heißt jedoch nicht, dass es das besser gemacht hätte. Die Wrestlerkreatur griff mich wie King Kong die weiße Frau und wirbelte mich umher. Zum Glück hatte ich kaum etwas getrunken, sonst hätte mein Magen das wohl kaum überlebt.  Aber gut, dachte ich. Immer noch besser als wenn er mir die Bude zerlegt.

Um sein Gemüt weiter zu beruhigen, ging ich über zu  „Love Is All Around“. von Wet Wet Wet.  Das ging mitten ins Herz. Besänftigt schmiegte er sich an jeden einzelnen der Gäste und gestand ihnen seine Zuneigung.  Doch irgendwas muss ich danach falsch gemacht haben. Ich weiß nicht, ob der Fehler bei Take That oder Britney Spears lag (ich hatte den Eindruck, er sei für 90er besonders empfänglich, aber das war vielleicht eine Fehleinschätzung) oder ob der goldene 80er „Billy Jean“ von Michael Jackson einfach zu viel für ihn war. Er fing an wie ein kleines, nach Beachtung lechzendes Kind um sich zu schlagen und meine armen Jungs zu hauen. Selbst der Ungare mit dem eindrucksvollen Namen Attila und nicht zu verachtenden Oberarmen bat ihn halb verzweifelt, ihn doch bitte endlich in Ruhe zu lassen. Dann ist er vollends ausgetickt und hat sich hysterisch kichernd auf dem Boden gekringelt. Wir waren uns sicher – da schien mehr im Spiel gewesen zu sein als ein paar Bier. Es vergingen einige Minuten. „Genie In A Bottle“ (ich hab es doch einfach noch einmal mit einem 90er Song versuchen wollen) hat ihn jedoch wieder zurück geholt. Puh.

Nachdem Ugos Chef dann auch noch fremde Leute ohne unser Wissen in unsere Wohnung eingeladen hat, war Schluss mit lustig. Juliane, Ugo und ich haben den Besuch freundlich aber bestimmt hinaus komplimentiert. Diese Prozedur hielt ca. eine halbe Stunde an. Immer wieder begann der Wrestler von Neuem alle anderen Menschen durch Zärtlichkeiten in Form unfreiwilliger Umarmungen und in seiner Welt wahrscheinlich sanften Tackleattacken zu bedrängen.

Nungut. Wer sich wie ein Kleinkind benimmt, möchte auch wie eines behandelt werden. Ich versuchte mich an den Ton meiner Mutter zu erinnern, den sie immer auflegte, wenn es ihrer Ansicht nach mal wieder Zeit für mich wurde, mein Zimmer aufzuräumen und ich dahingehend noch ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte. Sie ist eine zarte, feminine Person, doch niemand würde je auf die Idee kommen, sich diesem Tonfall zu widersetzen.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme und dem gleichzeitigen Ausdruck von Strenge und Enttäuschung in meinem Gesicht habe ich ihn aufgefordert, die anderen in Ruhe zu lassen, artig zu sein und sich seine Jacke anzuziehen. Mit glasigen Kulleraugen sah er in die Runde. Wahrscheinlich hat es ihn an seine eigene Mami erinnert – oder an seine Frau. Er wagte keine weiteren Gegenworte. Endlich. Weg waren sie. Ruhe.

Mein Herz stampfte schon eingeschnappt, doch immer müder werdend von einem Bein aufs andere. Endlich bekam es jedoch seinen Willen. Für heute hatte es genug erdulden müssen und der kuschelige Schlafanzug sowie eine Auszeit von diesem Irrenhaufen war viel zu lukrativ.

Jetzt hätte ich noch einen Schnaps gebrauchen können.

(Da ich die Rechte und die Würde Dritter [und auch meine eigene]  nicht verletzten möchte, habe in diesem Beitrag auf  Namen und Bilder verzichtet.)

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Hachja.

Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Zwischen mir und dem Feierabend steht nur noch eine Busfahrt.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das niedliche Wörtlein „nur“ leider oft unterschätzt wird. Definitiv.

Wer in Chemnitz Bus fährt, weiß nie, ob er auch tatsächlich ankommt, oder vielleicht am Ende vom Alkoholgeruch seines Sitznachbarn betäubt bis in die Nacht hinein zwischen zwei Endhaltestellen hin und her gondelt.

Mein Glück in Sachen Sitznachbarn ist ja praxiserprobt und eigentlich eine eigene Studie wert.

Was das Potenzial für eingehende und vielschichtige Sozialbetrachtungen betrifft, so steht eine Busfahrt dem Dschungelcamp in nichts nach.

Da wären zunächst die Mitglieder unserer Gesellschaft, die als Kleinkinder irgendwann einmal hart auf den Kopf gefallen sein müssen – anders sind aufgeschnappte Gesprächsfetzen wie „Aldo guggemah da, das Opforr liest. Näm dän ma dem sein Buch wähch“ in meinen Augen nicht zu erklären. Was genau die im Bus suchen, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Entweder haben sie tatsächlich einen Job – das gäbe mir persönlich ein klitzekleines Bisschen Hoffnung für die Zeit nach meinem Abschluss- oder aber, und das ist wohl wahrscheinlicher, sie besuchen ihre Freunde im Jugendknast oder schlagen für die Russenmafia irgendwelche Menschen zusammen (Gut, ja, ist auch ein Job, aber ich meinte jetzt die, für die eine Lohnsteuerkarte relevant ist).

Dann gibt es jene, die zu ihrem regelmäßigen Alkoholkonsum ganz offen stehen und diesen auch im Bus eindrucksvoll demonstrieren und solche, die sich da eher etwas schüchtern verhalten und ihr Tetra-Pack guten Lidl-Weißwein aus Ästhetikgründen in Mineralwasserflaschen umfüllen. Der Wille ist auf jeden Fall da, also bitte nicht meckern, wenn beim nächsten Schlagloch bei dieser Aktion etwas auf die eigene Hose kleckert.

Die nächste Gruppe – nörgelig-aggressive Senioren – kommt einem dagegen auch schon fast wieder fad vor, obwohl sie ja durchaus ihren Unterhaltungswert haben. Und für wen gibt man lieber seinen Sitz frei als für einen adretten, älteren Herren, der einem ansonsten eines mit seinem Gehstock überbrät (den er wahrscheinlich gar nicht braucht, sondern sich eben nur zum Erschleichen der Behindertensitze im Bus angeschafft hat)?!

Für die unter uns, die ständig auf der Suche nach neuen Abenteuern sind und die Herausforderungen des Alltags lieben, ist so eine halbe Stunde im Bus genau das Richtige.

Zunächst einmal muss man es nämlich schaffen, sich überhaupt noch in den Bus hinein zu quetschen, sollte man das leichtsinnige Unterfangen verfolgen, sich von der Universität in Richtung Wohnung bewegen zu wollen, wie es nun einmal hin und wieder vorkommen soll. Wer also das Bedürfnis verspürt, mal wieder jemand Fremdes an den Hintern zu fassen und das relativ sanktionsfrei überstehen möchte, der nehme doch bitte einfach den Bus. Intensiver Körperkontakt ist nämlich inklusive. Quasi in dem Semesterticket enthalten. Selbst wenn man wöllte, es ist nahezu unmöglich nachzuvollziehen, wer der sechs Leute, die sich unmittelbar an einen heranquetschen jetzt genau der Grabschende war.

So. Ist man erstmal Teil dieses Höllengefährts, ist es ein wenig diffizil, daraus wieder auszubrechen. Die allgemein bekannte Verhaltensregel „Erst die Passagiere aussteigen lassen, bevor man dazu steigt“ scheint die geographische Hürde des Erzgebirges bedauerlicherweise nur teilweise überwunden zu haben.

Dieser  Umstand führt unweigerlich dazu, dass ich am Ende des Tages mein Leben gegen kampflustige mit Kauflandtüten bewaffnete Großmütter verteidigen musste. Indem ich mit einer Mischung aus Panik, Verzweiflung und Wut rief: „Verdammt, ich bin kein Hologramm, dass hier zum Abbau Ihrer rentnerischen Aggressionen von den Verkehrsbetrieben statuiert wurde!!!“, konnte ich zumindest kurzzeitig auf mich aufmerksam machen und so dem Ertramplungstod durch orthopädische Schuhe entkommen.

Für heute.

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