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Posts Tagged ‘Kulturunterschiede’

Ausgehen in Schweden ist so eine Sache. Grundvorraussetzung ist erst einmal, dass man ein Menschenfreund ist.  Erfüllt man diese Vorraussetzung, bietet sich einem die Möglichkeit für Sozialstudien, von denen man in Chemnitz nur träumen kann.

Nun ist es so, dass in dem beschaulich-idyllischen Städchen Arvidsjaur nicht allzu viel los ist.  Es gibt genau einen Pub – und ein Hotel, das Diskos veranstaltet. Konkurrenz ist dementsprechend inexsistent. Daher kann es sich der Pub neben der unfreundlichen Bedienung auch leisten,  jede Woche die schlechteste Playlist der Welt zu spielen – bestehend aus den immer wiederkehrenden, gleichen 15 Songs. Beim Anhören dieser könnte man fast denken, David Guetta, Katy Perry und Florian Silbereisen hätten exklusiv für besagten Pub eine neue Musikrichtung erfunden die hier – und nur hier gespielt werden darf.  Vielleicht gibt es jemanden, der das zu würdigen weiß, einem Musikfaschisten wie mir jedoch lassen die Klänge das Messer in der Tasche aufgehen.

Sogesehen kann man der hiesigen Bevölkerung nicht wirklich vorwerfen, dass sie sich in großen Schritten zur Bewusstlosikeit betrinkt. Jetzt wäre es jedoch unfair nur besagtem Etablisement die Schuld für das Unvermögen vieler Schweden zuzuschreiben, das richtige Maß im Alkoholkonsum zu finden. Denn auf anderen, privaten Parties sieht es nicht besser aus. Da kann man sich die Sicherheitskräfte, die es in dem Pub glücklicherweise gibt, manchmal einfach nur noch herbei wünschen.

Viele der Schnapsleichen haben auf meine Frage, warum sie unbedingt 4 Promille im Blut haben müssen um etwas als Party definieren zu können, geantwortet, dass ihre Kultur eher eine reservierte sei und sie durch einen bestimmten Alkoholpegel ihre Schüchternheit reduzieren wollen (natürlich haben sie es nicht SO gesagt, ich habe nur versucht, es in eine offiziell anerkannte Sprache zu übersetzen). Leider verpassen sie den Moment des Aufhörens, was ihre Chance darauf, etwas von der so bekämpften Reserviertheit zu haben, ein wenig schmälert. Personen, die kaum noch laufen können und die Fähigkeit verloren haben, sich zu artikulieren, fällt es meistens auch schwer Sex zu haben bzw. jemanden zu finden, der sich für jenes Unterfangen zur Verfügung stellt.

Natürlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sich klar von solchen Gewohnheiten abgrenzen, dennoch ist das beschriebene Phänomen hier sehr präsent. Man muss den Schweden zugute halten, dass sie zumindest unter der Woche nicht trinken- und dann scheinbar am Wochenende einiges nachholen müssen.

So kam es, dass sich meine Begeisterung am vorgestrigen Abend in Grenzen hielt, als mich die Ungaren, die ich hier neben anderen Gruppen betreue, fragten, ob wir uns auf ein Bier im Pub treffen wollten.

Hatte ich mich doch gerade von einer Feier zum 15. Geburtstag einer Kolumbianerin davonstehlen können, auf welcher ich gezwungen war, enger als mir lieb war mit einem Chilenen um die 50 (ein bißchen hat er mich an den Araber aus dem Cardiff-Bus erinnert, nur älter und weniger Haar – vielleicht schaltete sich ja angesichts der Konfrontation mit einem meiner größten Traumata mein seit dem sehr ausgeprägter Fluchtreflex ein) zu tanzen und die Alternative eine Horde temperamentvoller Teenagerjungs gewesen wäre. Ich war einfach nicht so stark und rhythmisch wie meine Mitbewohnerin und Kollegin Juliane, die sich so viel besser unter das Partyvolk mischen konnte und nach meinem Abgang noch weitere Stunden auf der Feier verweilte. Sie hatte meine Bewunderung.

Mein kleines, schwaches Herz hingehen musste sich erst einmal erholen. Es sah freudig einer mittelmäßigen Romanze und Eiscreme entgegen um nach jenen Strapazen wieder zu Kräften zu kommen. Doch der Snoopy-Schlafanzug musste warten.  Ich mag „meine“ Ungaren schließlich und wenn sie ihre Englischlehrerin und Betreuungstrulla schon an ihrem Wochenende sehen wollen, dann kann ich ja ein wenig Entgegenkommen zeigen und es eine Stunde in der Kneipe aushalten, Hardcore-Trance-Musikantenstadl hin oder her.

Ich raffte mich also auf und bekam dann mit, dass der Pub geschlossen war. Mein Herz schrie nach dem flauschigen Pyjama. Wenige Sekunden später klopfte es an der Tür. Zwei der ungarischen Jungs standen vor meiner Wohnung um mir zu sagen, dass ich mich nicht auf den Weg zu machen brauchte. Es wäre unhöflich gewesen, sie nicht reinzubitten. So saßen wir da, plauderten nett und tranken ein Gläschen deutschen Schnaps, den mir meine treusorgende Oma für kalte Winternächte zugesandt hat. Ich empfand die Zeit als wirklich angenehm. Selbstverständlich hätte ich wissen müssen, dass noch nicht aller Tage Abend war.

Es klopfte wieder. Diesmal war es der Chef meines italienischen Mitbewohners Ugo und irgendwelche Verwandtschaft, die um Einlass baten. Ihre Beweggründe kannte ich nicht. Sie wollten weiter zur „Disko“ ziehen und nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ugos Chef konnte ich schlecht die Tür vor der Nase zuknallen, also gesellten sie sich zu uns. Drei Männer jenseits der 40. An diesem Abend habe ich gelernt, dass es auch unhöflich sein kann, Männer auf Alter hinzuweisen. Zumindest, wenn sie selbstbewusst ihre Jugend und Schönheit so einschätzen, dass sie locker eine 24-Jährige anbaggern könnten. Juliane war zunächst noch auf der Geburtstagsparty, ich war also allein unter Männern. Doch sie reagierten gefasst, als ich ihnen versinnbildlichte, dass ich ja schon einen Papa hätte und dass sie an den auch niemals herankämen.

Ich wurde gefragt, warum ich nicht ausginge, die Disko sei heute schließlich voll mit Menschen. Als ich mit „Eben deswegen.“ antwortete und insgeheim befürtchtete, dort auch dem Cardiff-Araber-Verschnitt oder sonst einem paarungsfreudigen Temperamentbündel zu begegnen, verwechselten sie meine Bemerkung irrtümlicherweise mit einem Witz statt der Wahrheit.

Sie waren beschwipster als ich zunächst annahm und eine weitere Unterhaltung mit den Ungaren war kaum noch möglich. Die Sucht der anderen Gäste nach Aufmerksamkeit äußerste sich dafür zu auffällig. Einer unter ihnen stellte sich als Profiwrestler heraus und forderte die Jungs zum Duell im Armdrücken auf.  Naja. Männer. Jedes Mal hat er sich wie ein kleiner Junge gefreut, wenn einen der anderen in dem ungleichen Kampf besiegt hat.

Damit die Luft nicht allzu testosterongeladen blieb, spielte ich als DJ des Abends ein wenig „Save Tonight“ von Eagle Eye Cherry. Das kam an. Tief in ihnen drin, waren sie also doch allesamt Softies. Das heißt jedoch nicht, dass es das besser gemacht hätte. Die Wrestlerkreatur griff mich wie King Kong die weiße Frau und wirbelte mich umher. Zum Glück hatte ich kaum etwas getrunken, sonst hätte mein Magen das wohl kaum überlebt.  Aber gut, dachte ich. Immer noch besser als wenn er mir die Bude zerlegt.

Um sein Gemüt weiter zu beruhigen, ging ich über zu  „Love Is All Around“. von Wet Wet Wet.  Das ging mitten ins Herz. Besänftigt schmiegte er sich an jeden einzelnen der Gäste und gestand ihnen seine Zuneigung.  Doch irgendwas muss ich danach falsch gemacht haben. Ich weiß nicht, ob der Fehler bei Take That oder Britney Spears lag (ich hatte den Eindruck, er sei für 90er besonders empfänglich, aber das war vielleicht eine Fehleinschätzung) oder ob der goldene 80er „Billy Jean“ von Michael Jackson einfach zu viel für ihn war. Er fing an wie ein kleines, nach Beachtung lechzendes Kind um sich zu schlagen und meine armen Jungs zu hauen. Selbst der Ungare mit dem eindrucksvollen Namen Attila und nicht zu verachtenden Oberarmen bat ihn halb verzweifelt, ihn doch bitte endlich in Ruhe zu lassen. Dann ist er vollends ausgetickt und hat sich hysterisch kichernd auf dem Boden gekringelt. Wir waren uns sicher – da schien mehr im Spiel gewesen zu sein als ein paar Bier. Es vergingen einige Minuten. „Genie In A Bottle“ (ich hab es doch einfach noch einmal mit einem 90er Song versuchen wollen) hat ihn jedoch wieder zurück geholt. Puh.

Nachdem Ugos Chef dann auch noch fremde Leute ohne unser Wissen in unsere Wohnung eingeladen hat, war Schluss mit lustig. Juliane, Ugo und ich haben den Besuch freundlich aber bestimmt hinaus komplimentiert. Diese Prozedur hielt ca. eine halbe Stunde an. Immer wieder begann der Wrestler von Neuem alle anderen Menschen durch Zärtlichkeiten in Form unfreiwilliger Umarmungen und in seiner Welt wahrscheinlich sanften Tackleattacken zu bedrängen.

Nungut. Wer sich wie ein Kleinkind benimmt, möchte auch wie eines behandelt werden. Ich versuchte mich an den Ton meiner Mutter zu erinnern, den sie immer auflegte, wenn es ihrer Ansicht nach mal wieder Zeit für mich wurde, mein Zimmer aufzuräumen und ich dahingehend noch ein wenig Überzeugungsarbeit brauchte. Sie ist eine zarte, feminine Person, doch niemand würde je auf die Idee kommen, sich diesem Tonfall zu widersetzen.

Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme und dem gleichzeitigen Ausdruck von Strenge und Enttäuschung in meinem Gesicht habe ich ihn aufgefordert, die anderen in Ruhe zu lassen, artig zu sein und sich seine Jacke anzuziehen. Mit glasigen Kulleraugen sah er in die Runde. Wahrscheinlich hat es ihn an seine eigene Mami erinnert – oder an seine Frau. Er wagte keine weiteren Gegenworte. Endlich. Weg waren sie. Ruhe.

Mein Herz stampfte schon eingeschnappt, doch immer müder werdend von einem Bein aufs andere. Endlich bekam es jedoch seinen Willen. Für heute hatte es genug erdulden müssen und der kuschelige Schlafanzug sowie eine Auszeit von diesem Irrenhaufen war viel zu lukrativ.

Jetzt hätte ich noch einen Schnaps gebrauchen können.

(Da ich die Rechte und die Würde Dritter [und auch meine eigene]  nicht verletzten möchte, habe in diesem Beitrag auf  Namen und Bilder verzichtet.)

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An einem unscheinbaren Samstag im September war es soweit: Wir sollten ein Stückchen schwedischer werden und unser erstes professionelles Eishockeyspiel sehen. Vorab sollte erwähnt werden, dass unsere beiden Chefs Micke und Jerry rivalisierende Teams favourisieren. An jenem Samstag machten wir uns also zusammen mit Micke auf nach Skellefteå um sein Team zu erleben. Jerry blieb zuhause. Als Luleå-Fan kann man schließlich nicht Skellefteå anfeuern.

Es fing im Grunde recht interessant an. Aggressive Musik im Vorfeld sollte die Zuschauer auf das Spiel einstimmen. Die Emotionen waren bereit für Aktion. Der Skellefteå-Merchandise hat sich an unseren Teilnehmern (Italiener, Tschechen, Deutsche) sein Mittagessen für die nächsten Tage verdient. Beinahe jeder trug ein entsprechendes T-Shirt, einige kauften sich Fahnen. In einem Fastfoodrestaurant konnte man sich das Gesicht mit den Farben Skellefteås verzieren lassen. Dass man danach wie eine verunglückte Biene Maja aussah, da es sich bei besagten Farben um Schwarz und Gelb handelte, störte die wenigsten.

Micke und sein Sohn Elias vor dem Spiel.

Fahnenspiel im Stadion.

Dann ging es los. Fragt mich nicht nach den Regeln, ich habe sie nicht verstanden. Nur, dass es ein bischen wie Fußball ist – nur anders. Und dass man sich nicht gegenseitig mit den Hockeyschlägern verdreschen sollte, man es aber machen kann, wenn gerade niemand hinschaut. Das heizt die Stimmung noch ein wenig auf. Ansonsten war es ein einziges Durcheinander, da die Spieler ständig gewechselt haben und man gar nicht den Überblick behalten konnte, wer da jetzt eigentlich gerade auf dem Feld ist. Zum Glück konnte ich die Killerbienen immerhin von den Zuckerstangen (ihre Farben waren Rot-Weiß, ok, man kann auch an Pommes denken…) unterscheiden. Für einen Moment kam ich mir etwas begriffstutzig und minderbemittelt vor. Doch als ich dann in die Augen der anderen schaute, die wie ich ihr Debüt erlebten, sah ich nichts als große, neon-pinke Fragezeichen. Puh.

Spielbeginn.

Die Killerbienen greifen die Zuckerstangen an.

Kauderwelsch bei einem Freistoß oder soetwas ähnlichem...

In dem Spiel gab es dreimal die Spielzeit von 20 min, mit jeweils 10 min Pause. Als es danach noch einen gleichen Punktestand gab, kam eine Verlängerung hinzu. Als diese dann immer noch nichts änderte, kam es zum fina-goal-shooting oder wie auch immer das heißen mag – quasi das Elf-Meter-Schießen des Eishockeys. Dieses hat Skellefteå dann leider knapp verloren. Die allgemeine Stimmung verdunkelte sich. Meine nicht, denn ich war froh, dass ich nach 2,5 h Umhergestehe die Aussicht auf einen komfortablem Autositz hatte und der advertisialen Dauerbeschallung entgehen konnte.

Anscheinend bin ich einfach noch nicht schwedisch genug.

Wobei man das ja so auch nicht sagen kann. Etwas Entscheidendes scheint sich verändert zu haben. Wenn ich an die Tage zurückdenke, in denen ich durch welche Umstände auch immer gezwungen war, ein H&M-Geschäft zu betreten, tat ich dies mit äußerster Ungeduld. NICHT UNBEDINGT NUR, weil ich nicht zwangsläufig eine Marathonshopperin bin und es mir widerstrebt den ganzen Plunder anzuprobieren. Wenn man mich fragte, fänd ich es ja toll, wenn man einfach in einer 3D-Abbildung seiner selbst sehen kann, ob diese und jene Größe passt und ob man in dem Kleid  wie eine femme fatale aussieht oder eher wie ein Knallbonbon.

Viel mehr gestört haben mich im Grunde zwei Dinge. Zum Einen, dass es innerhalb eines H&Ms ein bischen so zugeht wie in einem Sog des Verderbens. Bist du erstmal drin, kommst du so schnell nicht mehr heraus. Wenn ich also hin und wieder eine Freundin in derartige Filialen begleitet habe, habe ich manchmal für Stunden kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekommen, weil sie irgendwo umher schwirrten, Tonnen von Kleidung anprobierten, die kolossale Schlange vor den Umkleidekabinen jedoch erst einmal passieren mussten und das gleiche Spiel an der Kasse wieder von vorne losging. Mit ein wenig autogenem Training kann man das jedoch händeln. Schließlich macht man damit Menschen, die man sehr gerne hat, eine große Freude und es ist darüber hinaus überlebenswichtig ja nicht zu versuchen, ein solches Geschäft alleine betreten zu wollen. Mut hin oder her. Alleine geht man unter in diesem Dschungel und braucht eine Hand, die einem im letzten Moment aus dem Treibsand ziehen kann, ehe man endgültig versinkt.

Was mich jedoch viel mehr gestört und mich immer ein wenig wie ein Wesen mit unmenschlichen Proportionen, die mehr in Richtung Pinguin tendieren, fühlen lassen hat, war,  dass mir rein gar nichts passte – von den Hello Kitty Pyjamas mal abgesehen.

Es hatte natürlich das Gute, dass ich keine Energie mit Kleidersuche verschwenden musste, da das Anprobieren frustrierend werden und jede noch so tief in mir sitzende Aggression in die H&M-Umkleide bringen würde.

So musste ich meine Zeit in H&Ms nur mit Warten und dem Austauschen mitleidiger Blicke zwischen mir und den Partnern shoppingbegeisterter Frauen verbringen.

Der Nachteil war jedoch, dass ich mich auf diese Weise dem System überlegen fühlte, ohne je seiner Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Jemandem, der keine Schokolade mag, fällt es nicht schwer ihr zu widerstehen. Es ist also keine große Leistung zu sagen, er hätte schon eine Woche ohne Schokolade verbracht (was für mich enorme Selbstdiziplin bedeuten würde). Ich war immer nur die rettende Hand, ohne jemals die dunkle Macht eines H&Ms auf meine Psyche überwinden zu müssen.

Doch das sollte sich an besagtem Hockey-Samstag ändern. Mit der Absicht nach ein paar Pullovern Ausschau zu halten, die dem subarktischen Klima  der Winter Arvidsjaurs angemessen waren, betrat ich also völlig freiwillig ein H&M-Geschäft. Gucken kostet ja nix. Ich sah mir ein paar Kleidungsstücke an und entschloss mich, mein Glück zu wagen und sie anzuprobieren, auch auf die Gefahr hin mich abermals wie ein Watschelvogel zu fühlen. Ich witterte keine große Bedrohung doch ich machte einen entscheidenden Fehler: Ich verstieß gegen Regel Nummer 1 und habe im Geschäft meine Verbündeten verloren. Das Monster eines jeden H&M hatte bereits auf mich gelauert und wollte mich. Es wollte mich ganz. Es zerrte mich mit einem Zentner Pullovern in die Umkleide. Und jeder einzelne passte mir. Fast vermute ich, dass es die Schnitte der Pullover oder aber heimlich die Proportionen meines Körpers geändert hat, nur um mich vorzuführen. Nun stand ich da. Welchen sollte ich nehmen?! Minuten vergingen. Mir kam es wie Tage vor. Ich wollte raus. Entkommen. Doch ich war zu schwach. Das Monster lachte hämisch auf mich hinab.

Dann die Rettung. Ein Anruf: „Bist du noch im H&M? Ich kann dich nicht finden!“ Ja, ja, ja! Ich bin hier. Es hat mich geholt. Rette mich, ich bin gefangen. Entreiße mich diesem selbstzerstörerischen Sog, dachte ich bei mir. Ich sagte jedoch: „Einen Moment bitte, ich muss nur kurz zur Kasse.“   Mit letzter Kraft schaffe ich es, einige Oberteile von mir fort zu werfen, doch ich wusste, dass ich heute Blutgeld bezahlen müsse. Für all die Jahre. Halbbetäubt ging ich zur Kasse, büßte für meinen Leichtsinn und lief beschämt und gebrandtmarkt mit einer H&M-Tüte nach draußen. Tageslicht. Endlich.

In aller Hektik und Panik habe ich bei einem der extra für mich deponierten und auf meinen Körper manipulierten Kleidungsstücke leider die Größen vertauscht, was ich jedoch erst zuhause bemerkte. Dummerweise ist Skellefteå und damit der nächste H&M an die 150km von Arvidsjaur entfernt. Mein Martyrium war noch nicht beendet, ich konnte nicht einfach vergessen was geschehen war. Man wollte mir hier eine Lektion erteilen.

Im IDEUM fragte ich nach, ob jemand wisse, wie teuer es wäre mit dem Bus nach Skellefteå zu fahren. Jetzt kehrte das Glück zu mir zurück. Denn ich fragte die richtige Person. Martin arbeitet zwar in Arvidsjaur, pendelt an den Wochenenden jedoch zurück zu seiner Frau und seinem Kind nach Skellefteå. Ich erzählte ihm meine Geschichte und er fühlte mit mir. Mit ihm im Zimmer sitzt seine Kollegin Katarina. Sie sah ihn eindringlich an. Nachdem er sich vergewisserte, dass es sich bei der Umtauschware nicht um Dessous handelte, bot er mir an, sie an meiner Stelle umzutauschen. Dafür musste ich ihm einen selbstgebackenen Kuchen versprechen.

Es kam die nächste Hürde. Ich versuchte bei H&M anzurufen, um die Strickjacke in meiner Größe zu reservieren. Geschlagene 40 Minuten versuchte ich der Verkäuferin verzweifelt den Cardigan zu beschreiben. Ich fragte mich, wozu es Artikelnummern gibt, wenn sie am Ende niemand nutzt.

Am nächsten Tag rief Katarina für mich noch einmal bei H&M an und endlich haben sie das Ding gefunden. Sie hatte also definitiv einen Teil des Kuchens verdient. Vier Tage dauerten die Diskussionen darum an, welcher Kuchen es denn sein dürfe. Sie bewiesen Geschmack. Viel Schokolade und viel Sahne. Für die schlanke Linie. Ich experimentierte und kreierte eine Schokoladen-Espresso-Torte. Versuchung und Kick in einem Stück vereint. Sehr passend. Um ihnen meine grenzenlose Dankbarkeit für diesen Akt zu demonstrieren, habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und extra exklusive Prinzessin-Lillyfee-Streusel gekauft. Ich lass mir ja nichts nachsagen.

Tja. Was soll ich sagen. Man darf trotz allem Schlimmen, was einem in dieser Welt widerfahren kann, nicht den Humor verlieren. Man sieht. Es ist trotzdem nicht spurlos an mir vorbei gegangen.

Katarina und Martin waren keine Unmenschen und teilten die Torte mit der gesamten IDEUMsbelegschaft. So  hatte am Ende jeder etwas von meinem schwachen Moment. Und ich? Ich muss vielleicht noch ein wenig an meiner Begeisterung hinsichtlich des schwedischen Nationalsports arbeiten. Aber immerhin habe ich jetzt einige orginal-schwedische Kleidungsstücke made in China.

Der Problemcardigan und ich. Glücklich vereint. Und jetzt versucht den mal jemandem auf English zu beschreiben 😉

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Vill du fika?

 Wer hinter dieser Einladung jetzt etwas Anstößiges vermutet, ist zum einen ein Luder und war zum anderen offensichtlich noch niemals in Schweden. Denn das, was sich hinter dem Wort fika verbirgt, hält nicht, was sich vielleicht einige davon versprochen haben.

Vielmehr bedeutet fika eine Art Kaffeepause, in welcher man sich gemütlich unterhalten kann. Nahezu jede Arbeitsstelle hat einen eigenen fika-Raum. Dass da hin und wieder etwas Schmutziges passieren kann, möchte ich nicht ausschließen, es ist jedoch zumindest nicht die Intention.

Das Motto der Veranstalter kristallisierte sich schon nach einigen Stunden heraus.

Auf meinem EVS-Ankunftsseminar in Stockholm war der Begriff der rote Faden durch das Programm. Unschuldig wie der Morgentau kamen wir am Dienstagmittag an – saccarosegeflasht und koffeeingekickt verließen wir die Stätte am Freitag. Missbraucht von Zimtschnecken und Café Latte.

Was für die Russen Saufgelage sind, sind für die Schweden Kaffeeorigen.

Doch als ich mich für mein Auslandsjahr entschied, wusste ich, dass ich mich hin und wieder auch einer kulturellen Herausforderung stellen werden muss. Und da war sie. Innerhalb des Seminars einen Drahtseilparkour in 10m Höhe zu absolvieren war nichts dagegen, sechs Mahlzeiten pro Tag zu bestreiten.

In halbkomatischem Zustand brachte man uns Fakten über die schwedische Kultur bei. Zum Beispiel, dass ein Schwede NIEMALS das letzte Stück Kuchen essen würde oder dass die schwedischen Kinder möglicherweise die einzigen auf der Welt sind, die einen Bus des öffentlichen Personennahverkehrs nicht mit ihrem Geschrei erfüllen.

Ein weiteres Ziel war es, mehr über uns selbst zu lernen und sich die eigenen Ziele für das Auslandsjahr noch einmal zu vergegenwärtigen. Im Vordergrund jedoch stand eindeutig das Knüpfen eines kleinen Netzwerkes mit Personen, bestehend aus Personen, die derzeit ebenfalls ihren EVS in Schweden absolvieren. Da ich in einer wirklich angenehmen Gruppe war, fiel das nicht besonders schwer. Selbstironisch haben wir versucht hinzunehmen, dass von sieben Teilnehmern fünf deutsch waren und einfach unbeirrt auf Englisch miteinander geredet. Für mich persönlich war das eine Erleichterung, denn ein Gemisch aus Deutsch, Schwedisch und Englisch kann für die eigenen grauen Zellen anstrengender sein als man vermuten mag.

Außer Juliane und mir lebten eigentlich alle im Süden Schwedens. Tobias, der in einer Stadt in der Landesmitte lebt, wurde schon als Nordschwede abgestempelt, ehe wir ankamen. Als die anderen dann erfuhren, dass wir aus dem „echten“ Norden kamen, schauten sie uns ganz ungläubig an. Dann fragten sie uns, ob „die im Norden“ wirklich nicht sprechen und komische Schlürf-Laute von sich geben würden. Das mit den Schlürf-Laute mussten wir bejahen, aber als wir den anderen erklären wollten, dass einige hier ziemliche Quasselstrippen sind, dauerte es einige Zeit, bis sie das für sich annehmen konnten. Es war äußerst amüsant zu sehen, dass ähnlich wie beispielsweise in Deutschland (und wie ich erfahren haben auch in Italien und Tschechien) die nördliche Bevölkerung Vorbehalte gegen die südliche hegt und umgekehrt. Ich persönlich setzte mich gerne für die Völkerverständigung und das Ausräumen von Vorurteilen ein. Nicht umsonst habe ich einen echten Pfälzer als meinen Gefährten erkoren. Für ihn mögen die Menschen in meinem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern recht absonderlich wirken, doch sein süddeutsches Temperament wird bei uns Fischköpfen in den meisten Fällen auch lieber aus einer sicheren Enfernung betrachtet.

Meine EVS-Gruppe.

In unserer Freizeit ist unsere EVS-Gang ein wenig durch das Zentrum Stockholms geschlendert. Ich habe eine Dame angesprochen und sie um ein Photo gebeten – auf Englisch. Dann hat sie mich ein wenig irritiert angeschaut und etwas auf Deutsch vor sich her gesagt. Daraufhin habe ich Deutsch mit ihr geredet, ohne aber zu sagen, dass ich ebenfalls aus Deutschland komme. Anscheinend hat sie meinen mäcklenburgäääär Akzääänt als schwedischen gedeutet und mich für meine Deutschkenntnisse gelobt.

Für Juliane und mich galt es die 20°C und Sonnenschein zu genießen – mit dem Bewusstsein, dass wir solch warme Tage in diesem Jahr nicht mehr erleben würden. Und wir sollten Recht behalten, diese Woche hat es in Arvidsjaur zum ersten Mal geschneit. Jeder hat Verständnis für uns, als wir uns von der Gruppe für zwei Stunden abkapseln mussten – auf der Suche nach geeignetem Schuhwerk für subarktisches Klima. Die Stiefel, die ich auserkor, tragen den äußerst bezeichnenden Namen „Sibiria“.

Sibiria.

Gleichzeitig mit unserem Ankunftsseminar fand auch ein Halbzeitseminar für andere EVS-Teilnehmer statt. Einer davon war wie der Zufall es so will mein italienischer Mitbewohner Ugo. Als ich in Arvidsjaur ankam, war er gerade auf Heimaturlaub und so lernten wir uns erst in Stockholm kennen. Mittlerweile ist unsere WG altkluger Weiber jedoch recht nahe zusammengewachsen und wir genießen, uns gegenseitig Ratschläge für’s Leben zu gegeben und einander an unserer grenzenlosen Weisheit teilhaben zu lassen.

An einem der Abende in Stockholm besuchten wir eine Jazzbar, in der man von einer Liveband begleitet Karaoke singen konnte. Allerdings hat es sich so begeben, dass eine Klasse der hiesigen Musik- und Kunsthochschule ein wenig Selbstbestätigung vor Publikum suchte und sich danach niemand anderes mehr so richtig getraut hat zu singen. Und dabei hätte ich so gerne Baby One More Time zum Besten gegeben.

Stampen – Die Jazzbar in Gamla Stan

Selbstverständlich haben wir uns davon nicht die Freude eines gelungenen Abends und einer tollen Seminarwoche trüben lassen. Am nächsten Abend sind Juliane und ich noch einmal losgezogen um jede einzelne Gasse der Altstadt zu erkunden. Das Abendlicht war mir und meiner Kamera überaus hold – im Folgenden gibt es also einige Impressionen von Stockholm!

Zunächst ein Bild aus dem Jahr 2008 – Mein 1. Mal Stockholm.
Allzu viel hat sich seit dem nicht verändert. Der Königspalast z.B. sieht noch genauso aus. Auch wenn Victoria jetzt schwanger ist.
Die laufen da ständig umher. Man muss aufpassen, nicht zertrampelt zu werden.
Das war auch recht hübsch anzusehen. Aber ich musste ständig Leute aus meinem Bild scheuchen. Schrecklich.
Eines der besagten, wunderschönen Gässchen in Gamla Stan.
Blick von einer der zahlreichen Brücken.
Blick von Gamla Stan zur Abendstunde.

Übrigens scheint diese Stadt einen schlechten Einfluss mich zu haben. Wiederholt wurde hier kriminelle Energie freigesetzt, wo man sie nicht vermutet. In meinem Urlaub mit zwei Freunden, die betrachtet an ihren Straftaten jetzt sicher anonym bleiben wollen, sind wir nur knapp einem Schicksal hinter schwedischen Gardinen entgangen. Jemand wie ich würde da per se natürlich nie mitmachen, doch aus einer emotionalen Abhängigkeit hinaus wurde ich mit hineingezogen – in den Verbrechenssumpf. Zuerst musste ich unwissentlich eine äußerst reizende Dame und Cafébesitzerin ablenken, damit sie gemeinschaftlich unbehelligt eines der Trinkgefäße mitgehen lassen konnten… und dann haben wir auch noch zwei Tage später in einem Hotel auf der Insel Grinda die Zeche geprellt. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass das Verschulden dabei nicht wirklich unsererseits lag. Wir wollten gerne für den Tee bezahlen, den wir uns auch Desinteresse des Personals heraus selbst zubereiten mussten. Es war nur einfach niemand da. Und da die Insel nur zweimal täglich angefahren wurde, mussten wir die letzte Fähre erwischen um diesem Hot Spot der Gastfreundlichkeit nicht etwa eine ganze Nacht ausgeliefert zu sein. Doch zurück zum Thema. An jenem Abend spürte ich den Geist jener beiden Freunde mit mir. Sie ergriffen Besitz von meinem Körper, zerrten ihn in den nächstbesten Souvenir-Shop und zwangen ihn zu folgender Aufnahme:

Ich, beim Begehen von Lug und Trug.

Als die Ladenangestellten verärgert auf meinen entführten Körper zukamen und ihn wissen ließen, dass Aufnahmen von Verkaufsgegenständen hier nicht gestattet seien und ihn zum Löschen dieser anhielten, da täuschte er vor zu tun wie ihm geheißen, da er längst schon hatte was er wollte und es sich bei der entfernten Aufnahme lediglich und einen nicht gelungenen Schnappschuss hielt. Dann verließen mich ihre Geister mit dem Wissen und der Genugtuung, dass es einen Ort mehr in Stockholm gibt, an dem wir uns besser nicht sehen lassen sollten.

Auf diesen Schreck begaben wir uns schleunigst zurück zum Hotel und beruhigten unsere Nerven erst einmal bei einer fika.

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Mein größtes Idol/ (Photo: Jan Delden/Pressens Bild)

Falls sich jemand wundert, wo ich seit einigen Wochen stecke: Ich bin in Schweden. In Lappland.  Nicht aus Zufall. Sondern mit Absicht.

Was ich hier mache? Nun, spontan würde ich antworten „Mich des Lebens freuen.“, doch es darf auch ruhig ein bißchen mehr sein.

Eine Stunde Autofahrt (so werden im dünn besiedelten Schweden die Entfernungen gemessen) südlich vom Polarkreis gelegen absolviere ich meinen Europäischen Freiwilligendienst (EFD) in einem idyllischen Städtchen namens Arvidsjaur.

Wo genau ist „eine Stunde Autofahrt vom Polarkreis entfernt“?

Ich arbeite in einer Einrichtung, die sich IDEUM nennt und deren Mitarbeiter den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen – alles jedoch immer unter dem Aspekt der Gemeinnützigkeit. So ist z.B. eine eigene Schreinerei Bestandteil des IDEUMs. Hier werden z.B. riesige Spielzeuge für Kindergärten gebaut, aber auch Bänke, Gartenhäuschen, Regale und Klitzekleinigkeiten wie Werkzeuggriffe. Die Tätigkeiten in der Schreinerei sind mit sozialen Projekten des IDEUMs verknüpft. Für mich ist hauptsächlich das Utland-Projekt relevant. Im Rahmen dessen empfängt das IDEUM junge Menschen, die in ihrem Heimatland meist arbeitslos sind und lässt sie in ganz verschiedenen Bereichen (z.B. Schreinerei, Tourist-Information, Friseur, Schule, Küche) Praktika absolvieren. So können sie internationales Wissen in ihrem Beruf erlangen, auch kulturell über den Tellerand hinausschauen und mit den hier gesammelten Erfahrungen und einem hoffentlich guten Gefühl zurück in ihr Heimatland reisen. Gleichzeitig reisen schwedische arbeitslose Jugendliche ebenfalls in andere Länder Europas – aus den gleichen Beweggründen.

Meine Aufgaben im kommenden Jahr werden ganz unterschiedlich sein. Vor allem bin ich zusammen mit Juliane für die eintreffenden Gruppen ein Ansprechpartner – und zwar sowohl wenn Probleme innerhalb der Gruppe auftreten, die sie nicht mehr lösen kann, als auch wenn eine einzelne Person einfach Redebedarf verspürt. Oft ist es der Fall, dass die Projektteilnehmer über keine allzu guten Englischkenntnisse verfügen. In ihrer Praktikumsstelle sollten sie aber zumindest ein paar Sätze beherrschen. Aus diesem Grund werden wir in den nächsten Monaten auch Basiskurse für die englische Sprache geben. Wenn sich unsere Schwedischkenntnisse in einen mit dem menschlichen Auge wahrnehmbaren Bereich entwickelt haben, wäre es sicher eine tolle Sache, auch hier ein paar Wörter an den Mann und die Frau zu bringen. Für die Gruppen organisieren wir auch Freizeitangebote, damit in den Wochen und Monaten, die sie in Arvidsjaur sind keine Monotonie aufkommt. Da hier alles ein wenig weiter auseinander liegt, ist ein Auto unerlässlich. Um aber alle auf einmal kutschieren zu können, bedarf es mehrerer Kleinbusse – und so bin ich gleich am 2. Arbeitstag ins kalte Wasser geplumpst und sollte einen Neunsitzer fahren. Die anfängliche Scheu ist mit der vor einem Flirt zu vergleichen – denn seit dem ich das erste Mal den Zündschlüssel umgedreht habe, bin ich verliebt in diesen Renault-Bus. Jetzt mögen Vorurteile gegen Franzosen kommen, doch unsere Liebe wird all dies überdauern. Notfalls wird der Häme Empfindende eben einfach umgekarrt. Nicht umsonst habe ich jahrelang mittels GTA trainiert.

Doch zurück zum Wesentlichen: Ich habe unglaublich sympathische Chefs – Jerry und Michåel (kurz: Micke). Jerry trägt auch den selbstverliehenen Titel „Stärkster Mann Arvidsjaurs“, besitzt einen trockenen Humor in Reinform und unterbreitete uns das überaus freundliche Angebot, uns jederzeit an seiner maskulinen Schulter ausweinen zu können. Bis jetzt gab es jedoch noch keinen Anlass dafür. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, die sich auch in seiner klaren Sprache und seinem Fahrstil wiederspiegelt. Micke ist ein wenig energischer, ebenfalls der Anwendung von Ironie und Sarkasmus befähigt (Juhu, sie verstehen meine Witze!), ungeheuer warmherzig, ein echter Fels in der Brandung.  Das Schöne ist, sie nehmen uns ernst, wollen uns etwas beibringen und sind offen für Vorschläge von unserer Seite. Für sie ist es aber auch elementar, dass wir Schwedisch lernen und so wird uns das ganze Jahr über die Teilnahme an einem Schwedisch-Kurs ermöglicht. Dreimal die Woche machen wir uns dafür auf in das örtliche Gymnasium und haben dort mit anderen Immigranten – zu einem Großteil Flüchtlinge u.a. aus Afghanistan – Schule. Da wir nicht mehr das Alphabet schreiben lernen brauchen und das Deutsche mit dem Schwedischen verwandt ist, wurden wir als blutige Anfänger in den Fortgeschrittenenkurs gesteckt. Noch fühle ich mich ein wenig verloren, merke aber, wie ich von Stunde zu Stunde Fortschritte mache.

***

In meiner Unizeit besuchte ich Seminare zur Interkulturellen Kommunikation und Kompetenz. Doch wer hätte ahnen können, auf was ich hier treffe. Sie sprachen von Kulturschock, aber niemals hätte ich mir erträumen lassen, dass er so tief sitzen kann.

Wie soll man sich schließlich als tugendhafter Deutscher in einem Land zurecht finden, dass die Kaffeepause (fika) zum Volkssport erklärt, in welchem das Wort „Stress“ in keinem Lexikon existiert und in welchem die Autofahrer freundlich lächelnd an einem Fußgängerüberweg halten?

Die erste Lektion in diesem sonderbaren Land habe ich gleich am 1. Tag von meinen zwei entzückenden Chefs eingebleut bekommen: „Don’t stress, you are in Sweden now! Don’t worry, everything will be alright. Please don’t hesitate to tell us, if you have any problems.“

BÄM. Das war ein schwerer Brocken. Doch zusammen mit meiner deutschen Mitbewohnerin Juliane versuche ich mich jeden Tag dem schwedischen way of life ein Stückchen zu nähern. Ich bin dankbar, dieses harte Leben nicht alleine meistern zu müssen. Um die seelischen Belastungen zu ertragen, denen wir hier zweifelsohne ausgesetzt sind, betäuben wir uns regelmäßig mit schwedischem Gebäck und Blaubeeren.

Letztere haben wir mit unseren eigenen, zarten Fingerlein im Wald gepflückt – und davon tiefgekühlte Vorräte angelegt, um auch kulinarisch über den real existenten Winter zu kommen.

Blaubeeren im Wald
Juliane och jag plocka blåbär

Ähnlich wie von Blaubeeren ist der gesamte Wald auch von genießbaren Pilzen übersät. Zehn Minuten sammeln reichen im Durchschnitt aus um einen achtköpfigen Bauarbeitertrupp oder vergleichsweise meine temporäre speisophile Viererwohngemeinschaft satt zu bekommen. Darüber hinaus besteht sogar die Mögklichkeit, ungeliebte Personen zum Essen einzuladen und ihnen ein paar weniger bekömmliche Exemplare unter die Pilzpfanne zu mischen – dahingehende Ambitionen scheiterten bisher einfach am persönlichen Nichtbekanntsein mit einem solchen Individuum.

Ein Fliegenpilz. Er befindet sich für den Fall der Fälle in meiner Tiefkühltruhe.

Das muss natürlich nicht zwangsläufig schlecht sein – die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft der Schweden wird mit trotzdem allmählich suspekt. Im IDEUM fragte ich den Leiter der Schreinerei vor zwei Wochen, ob er zufällig Hohlraumdübel in der Werkstatt rumliegen habe. Ich beabsichtigte mein Zimmer mit einem feschen Wandregal in Königsblau aufzuwerten – passend zu meinem ebenso feschen Schreibtisch. Da mein Vermieter jedoch aus ökonomischen Gründen die günstige aller Wände (eine einfache Rigipsplatte) wählte, war ich auf solche High-Tech-Hilfsmittel angewiesen. Die Uhr zeigte 15:30 Uhr an, Feierabend in der Werkstatt. Draußen goss es in Strömen und der ganze Hof schwamm. Mit der Entschlossenheit des Prinzes, der sich durch die meterhohen Ranken kämpft um Dornröschen aus ihrem 100-jährigen Schlaf zu befreien, stürmte Jan-Åge aus der Werkstatt, schlug  sich zu seinem Auto durch, fuhr zum nächsten Baumarkt und kam in erfüllter Mission mit den Dübeldingern zurück. Ich wurde zur Sprachlosigkeit verführt.

***

Das mit dem Regen ist übrigens kein einfaches Thema. Der diesjährige Sommer in Arvidsjaur war sonnig und trocken. Ab dem Tag unserer Ankunft hat es eine Woche nahezu ununterbrochen geregnet. Die Schweden sahen darin einen kausalen Zusammenhang und beschworen uns, etwas zu unternehmen. Mist, dachte ich. Da habe ich zu meinem 23. Geburtstag doch Bibi Blocksbergs Hexenprüfung geschenkt bekommen und nun fällt es mir auf die Füße, dass ich statt diese elementare Ausbildung wahrzunehmen „lieber“ Hausarbeiten bzw. meine Bachelorarbeit geschrieben hab. Mein Bildungsdefizit habe ich augenblicklich ausgeglichen und kann nun stolz berichten, zumindest kurzfristige Erfolge erzielen zu können. Im Folgenden präsentiere ich euch einige Photos, die an dieser Stelle als Beweis dienen sollen. Zunächst betrifft dies ausschließlich Bilder, die ich in Arvidsjaur aufgenommen habe – ich möchte euch nicht gleich mit zu vielen Eindrücken erschlagen, die ich in drei Wochen sammeln konnte! Es sind hoffentlich auch so genügend schöne Photos dabei.

Arvidsjaurs Hauptstraße

Einer der vielen Seen die es hier in jede Himmelsrichtung gibt

Zur Unterstreichung dieser Aussage: Gleich noch ein See

... und noch einer

Der Bahnhof

Ein kleiner Ausflug zu einer Aussichtsplattform

Und ein Erinnerungsphoto mit den vorherigen "Freiwilligen" Marlene (l) und Julia (r), sowie einer Teilnehmerin des Leonardo da Vinci Programms Soukaina (3. v l), Juliane (2. v l) und ich (na? wo? wo? wo?)

Abendstimmung in Arvidsjaur

Die Kirche von Arvidsjaur - sicherlich nicht das letzte Mal ein Motiv

Was für Bibi ihr Besen Kartoffelbrei ist, ist für mich mein Military Bike. Zusammen haben wir schon so manches Abenteuer erlebt, einige sind einen eigenen Blogeintrag wert. Doch hier, stelle ich euch dieses Meisterwerk von Ästhetik und Dynamik erst einmal visuell vor – zusammen mit seiner sonderbaren Art, wie es Tag für Tag versucht, meine Zuneigung zu gewinnen – durch Umarmungen, hart wie Eisen.

I love my Military Bike

... even when it hurts.

Das ist doch ein schöner Abschluss für das erste Lebenszeichen aus Lappland – ganz im Sinne der Romantiker unter uns.

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Hachja.

Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Zwischen mir und dem Feierabend steht nur noch eine Busfahrt.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das niedliche Wörtlein „nur“ leider oft unterschätzt wird. Definitiv.

Wer in Chemnitz Bus fährt, weiß nie, ob er auch tatsächlich ankommt, oder vielleicht am Ende vom Alkoholgeruch seines Sitznachbarn betäubt bis in die Nacht hinein zwischen zwei Endhaltestellen hin und her gondelt.

Mein Glück in Sachen Sitznachbarn ist ja praxiserprobt und eigentlich eine eigene Studie wert.

Was das Potenzial für eingehende und vielschichtige Sozialbetrachtungen betrifft, so steht eine Busfahrt dem Dschungelcamp in nichts nach.

Da wären zunächst die Mitglieder unserer Gesellschaft, die als Kleinkinder irgendwann einmal hart auf den Kopf gefallen sein müssen – anders sind aufgeschnappte Gesprächsfetzen wie „Aldo guggemah da, das Opforr liest. Näm dän ma dem sein Buch wähch“ in meinen Augen nicht zu erklären. Was genau die im Bus suchen, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Entweder haben sie tatsächlich einen Job – das gäbe mir persönlich ein klitzekleines Bisschen Hoffnung für die Zeit nach meinem Abschluss- oder aber, und das ist wohl wahrscheinlicher, sie besuchen ihre Freunde im Jugendknast oder schlagen für die Russenmafia irgendwelche Menschen zusammen (Gut, ja, ist auch ein Job, aber ich meinte jetzt die, für die eine Lohnsteuerkarte relevant ist).

Dann gibt es jene, die zu ihrem regelmäßigen Alkoholkonsum ganz offen stehen und diesen auch im Bus eindrucksvoll demonstrieren und solche, die sich da eher etwas schüchtern verhalten und ihr Tetra-Pack guten Lidl-Weißwein aus Ästhetikgründen in Mineralwasserflaschen umfüllen. Der Wille ist auf jeden Fall da, also bitte nicht meckern, wenn beim nächsten Schlagloch bei dieser Aktion etwas auf die eigene Hose kleckert.

Die nächste Gruppe – nörgelig-aggressive Senioren – kommt einem dagegen auch schon fast wieder fad vor, obwohl sie ja durchaus ihren Unterhaltungswert haben. Und für wen gibt man lieber seinen Sitz frei als für einen adretten, älteren Herren, der einem ansonsten eines mit seinem Gehstock überbrät (den er wahrscheinlich gar nicht braucht, sondern sich eben nur zum Erschleichen der Behindertensitze im Bus angeschafft hat)?!

Für die unter uns, die ständig auf der Suche nach neuen Abenteuern sind und die Herausforderungen des Alltags lieben, ist so eine halbe Stunde im Bus genau das Richtige.

Zunächst einmal muss man es nämlich schaffen, sich überhaupt noch in den Bus hinein zu quetschen, sollte man das leichtsinnige Unterfangen verfolgen, sich von der Universität in Richtung Wohnung bewegen zu wollen, wie es nun einmal hin und wieder vorkommen soll. Wer also das Bedürfnis verspürt, mal wieder jemand Fremdes an den Hintern zu fassen und das relativ sanktionsfrei überstehen möchte, der nehme doch bitte einfach den Bus. Intensiver Körperkontakt ist nämlich inklusive. Quasi in dem Semesterticket enthalten. Selbst wenn man wöllte, es ist nahezu unmöglich nachzuvollziehen, wer der sechs Leute, die sich unmittelbar an einen heranquetschen jetzt genau der Grabschende war.

So. Ist man erstmal Teil dieses Höllengefährts, ist es ein wenig diffizil, daraus wieder auszubrechen. Die allgemein bekannte Verhaltensregel „Erst die Passagiere aussteigen lassen, bevor man dazu steigt“ scheint die geographische Hürde des Erzgebirges bedauerlicherweise nur teilweise überwunden zu haben.

Dieser  Umstand führt unweigerlich dazu, dass ich am Ende des Tages mein Leben gegen kampflustige mit Kauflandtüten bewaffnete Großmütter verteidigen musste. Indem ich mit einer Mischung aus Panik, Verzweiflung und Wut rief: „Verdammt, ich bin kein Hologramm, dass hier zum Abbau Ihrer rentnerischen Aggressionen von den Verkehrsbetrieben statuiert wurde!!!“, konnte ich zumindest kurzzeitig auf mich aufmerksam machen und so dem Ertramplungstod durch orthopädische Schuhe entkommen.

Für heute.

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Der erste Eindruck

„Was hab ich mir denn da für ne Psychopathin nach hause eingeladen?“, war sicherlich sein erster Gedanke. Aber ich konnte doch auch nichts dafür, dass in meinen Augen immernoch der Ausdruck von vier Studen Verletzung meiner Menschenrechte stand.  Nach einer kurzen Schilderung meines Matyriums zeigte er allerdings Verständnis. Spätestens als er bemerkte, dass ich durch meine abgeschmolzene Schuhsohle beim Laufen klang wie ein Pirat mit Holzbein, verlor er jegliche Angst vor mir.

Alex wohnte in einem Haus nur mit Studentenzimmern. Da für viele Vermieter Studenten eher dem Tier als dem Menschen zugehören, sah es auch dementprechend dort aus. Alles ziemlich klein und  kaputt.  In die Dusche konnte ich nur mit geschlossenen Augen steigen. Und Alex beteuert bis heute, dass sie erst nach gründlicher Reinigung SO aussah.  Doch was half es. Diese Dusche war mir jedoch alle Male  lieber, als den Körpergeruch des Arabers die nächsten Tage an mir haben zu müssen.

Meinen ausgezeichneten Orientierungssinn erwähnte ich ja anfänglich schon einmal. Nachdem ich aus dem vermeintlichen Badezimmer kam, irrte mich in der Zimmertür und landete in einem dunklen Zimmer. Aus dem Bett dröhnten Schimpfwörter, die man uns zurecht in der Schule nicht gelehrt hat. Geschenkt.  Zu diesem netten Zeitgenossen kehre ich an anderer Stelle noch einmal zurück. Das schulde ich ihm. Nachdem ich das Ausschlussverfahren mehr oder weniger erfolgreich anwandte,  sollte ich am Ende des Tages doch noch einen Schlafplatz haben.

Das Kulinarische Einmaleins des Alexander H.

Wie es sich für den stereotypischen Westdeutschen gehörte, hat Alex tags zuvor alle Kosten und Mühen auf sich genommen und im Lidl um die Ecke ein paar Bananen (für die anderen armen Ostdeutschen habe ich eine Grafik beigefügt) besorgt, damit ich als bedauernswerte  Ostdeutsche wenigstens einmal im Leben welche essen konnte.

Bananen (entnommen aus Wikimedia Foundation Inc. (Hrsg.) (2010): http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Ambersweet_oranges.jpg&filetimestamp=20050524183935, letzter Zugriff am 17.1.2010.

Auch sonst wurde ich kulinarisch verwöhnt und bekam nur das beste vom besten: Kartoffelwaffeln (schmecken wie Pommes Frites), Camenbert, Toast und Kit Kat. Angeblich die Grundnahrungsmittel des walisischen Otto Normalverbraucher (dortzulande „Fred Bloggs“). Um unseren Vitaminhaushalt noch einmal besonders aufzufüllen, hat Alex mich ganz Gentleman in ein äußerst edles Fastfood-Restaurant ausgeführt.  Wir waren beide froh, dass wir in dem angeblichen Hühnchen keine frittierten Finger oder Rattenkörperteile fanden.

Kulturspaziergang

Natürlich haben wir nicht nur gegessen. Wer uns kennt, weiß das. Mein kompetenter Fremdenführer zeigte mir alle Winkel von Cardiff: Die Innenstadt, die Universität, den Studentenwohnknast, Tesco, Lidl, den Park, die Kathedrale, das Schloss (zumindest von weitem) und die Bay.

Das eigentliche Studentenwohnheim glich tatsächlich eher einer Gefängnisanlage. Meterhohe Zäune, Stacheldraht, Überwachung. Wir fragten uns, ob diese Maßnahmen zur inneren Sicherheit des Wohnheims oder zum Schutz der Umgebung angelegt wurden.  Ich habe mich nicht getraut, ein Photo zu machen.

Es folgt eine kleine Bilderstrecke von Cardiffs Sehenswürdigkeiten (ich bitte darum, etwaige negative Bildeffekte zu entschuldigen, meine damalige Kamera war in ihrer Technik leider nicht sonderlich ausgereift):

An der Bay

Rotes Dingends. Alex nötigte mich, es zu fotografieren, weil dies alle täten.

Hohe Wasserqualität. Nachdem wir eine Weile vergnügt in diesem zauberhaften Gewässer herumplantschten, wuchsen uns Flossen und Kiemen...

Anscheinend sind wir ohne es zu merken in militärisches Sperrgebiet eingedrungen und Teil eines streng geheimen Wasserexperiments geworden.

Es gab aber auch normales Wasser. Hat Spaß gemacht, unsere neue biologische Ausstattung darin mal zu testen.

Ähnlich wie in Deutschland, gibt es auch in Wales Bäume.

Das Kathedralendingends. Keine Ahnung, wie das in Echt heißt...

Universitätsgebäude. Foto: A.H.; Bearbeitung: S.W.

Riesenrad. Sind wir aber nicht mit gefahren. Alex hat es wenigstens trotz Höhenangst fotografiert 😉 Foto: A.H.; Bearbeitung: S.W.

Nochmal das Kathedralendingens. Diesmal so ein bißchen aus der Froschperspektive. Extra für Frau G.V.

Öhm. Ja. Damit lüftet sich wohl das Geheimnis um unsere Identität. Gott, waren wir da noch jung. Nagut, ich wars wirklich. Bei Alex liegts nur daran, dass er sich rasiert hat. Dann sieht er immer aus wie 13... Foto: A.H.

Ruine. Eigentlich unsere Unterkunft, nachdem walisische Hooligans sie betrunken und nur mit Hello Kitty Boxershorts bekleidet abgefackelt haben.

Am zweiten Abend haben wir uns dazu entschlossen ins Kino zu gehen und uns Stardust anzuschauen. Mein erster Film in einem fremdsprachigen Kino. Ich fand den Film so schön, dass ich mir dann später sogar die DVD gekauft hab. Als wir vom Kino nach hause gingen, sind wir quasi am Cardiffer Nachtleben vorbei gekommen und Augenzeuge davon geworden, wie „Komasaufen“ funktioniert. Eine Idylle voller (halb)bewusstloser Jugendlicher.

Das Schlusswort

Durch den Vorfall am ersten Abend war ich in meinem Quatier  immer besonders vorsichtig, mit meiner Wahl der Zimmertür. Allerdings hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr, Alex Zimmernachbarn bei seinem Schlaf gestört zu haben. Das war nämlich die einzige Nacht, in der er geschlafen hat. Ansonsten hatte er, sofern ich das beurteilen kann, jeden Abend anderen Damenbesuch gehabt. Und sie haben ihre Zeit nicht gerade mit Brettspielen verbracht. Eher mit Bettspielen. Obwohl. Die Dame aus Nacht 3 hatte anscheinend eine Vorliebe für Mensch ärgere dich nicht.  Die beiden Turteltäubchen waren gerade voll bei der Sache… Es klang die ganze Zeit ein wenig danach, als hätten die nebenbei ein Band mit Tiergeräuschen laufen. Als sie gemeinsam fast die Spitze des Berges der Lust erklommen hatten, klingelte das Mobiltelefon des weiblichen Parts.  So toll, wie er sich selbst fand, konnte der Typ offensichtlich nicht gewesen sein, denn sie ist lieber drangegangen, als weiter eine aggressive Möwe zu mimen.  Sonderlich angetan war der männliche Gegenpart allerdings nicht, denn er schimpfte und grunzte wütend und wir waren uns nicht ganz sicher, ob es sich hierbei um die Imitation eines Affen oder eines Ziegenbocks handeln sollte.

Wir werden es nie erfahren. Wie so viele andere Dinge auch nicht. Ich kann nur sagen, dass es echt eine tolle Zeit in Cardiff war und dass ich dafür sehr gerne die abenteuerliche Hinfahrt und die sicherlich ebenso erwähnenswerte Rückfahrt (von der zu berichten ich hier allerdings absehe) auf mich genommen habe. Also noch einmal herzlichen Dank an meinen Gastgeber! 🙂

Cardiff ist eine wirklich schöne Stadt mit einigen interessanten Sehenswürdigkeiten. Ein Besuch lohnt  sich in jedem Falle. Allerdings möchte ich euch noch folgende Kleinigkeiten ans Herz legen:

  1. Falls ihr zu einer kalten Jahreszeit  mit Megabus reisen wollt, legt euch am besten Schuhe mit unkaputtbarer Sohle zu.
  2. Ich habe mir auch überlegt, dass so ein chloroformdurchtränktes Taschentuch ein durchaus nützliches Gepäckstück sein kann (wird bei Flughafenkontrollen sicherlich nicht aussortiert), wenn es darum geht, knuddelwütige Liebesattacken ohne großen Energieauffand und Blutspritzer abzuwehren.
  3. Ernährt euch vorher ein wenig gesunder als sonst, damit euer Körper mit dem drohenden Vitamindefizit klar kommt 😉
  4. Macht beim Komasaufen nur mit, wenn eure Krankenversicherung auch im Ausland gilt…
  5. Meidet grünes Wasser.

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Chemnitz – Altenburg – Stansted

Es war der Morgen des 21. November 2007. Hektisch packte ich die letzten Sachen zusammen, bevor meine damalige,  liebreizende Mitbewohnerin mich zu dem modernsten, beeindruckendsten und gefragtesten Flughafen schlechthin fuhr: Leipzig-Altenburg-Airport. Ein Symbol für den Fortbestand der Globalisierung und des Klimawandels durch die Invasion der Billigflieger.

Nachdem man mich glücklicherweise nicht für einen Terroristen gehalten hat,  ich die erste Flughafensicherheitskontrolle meines Lebens erfolgreich überstanden habe und eine halbe Ewigkeit mit solariumbraunen, sächsischen Feiertagstouristen in der charmanten Wartehalle zubrachte, betrat ich also endlich das Gefährt, dass sich schon ein paar Minuten später mehr oder weniger majestätisch in die Lüfte erheben und uns wohlbehalten an den westlichsten Zipfel Europas bringen sollte: Das Vereinigte Königreich.

Kein Eismeer, sondern Wolken. Leider war das Fenster zu klein, um meine Sitznachbaren Teil dieser Vollendung der Natur werden zu lassen.

Über den Wolken... und so weiter... von wegen Freiheit

Wie es für mich und mein Glück mit zufälligen Arrangements üblich war, hat sich selbstverständlich ein putziges Pärchen der Sorte „Wir sind zwar schon Mitte 40, aber wenn wir uns wie 17 1/2 verhalten, merkt es vielleicht keiner“ neben mich gesetzt. Eigentlich sahen sie mehr wie Geschwister aus, allein der Austausch feucht-schleimiger Zärtlichkeiten ließ mich andere Schlüsse ziehen.  Glücklicherweise hatte ich ein portables Musikabspielungsgerät dabei und so verhinderten Oasis und die Arctic Monkeys auf heldenhafte Weise, dass ich ihre Konversation auf dem intellektuellen Niveau von Britt am Mittag aktiv mitverfolgen musste.

Das Vereinigte Königreich aus der Vogelperspektive

Stansted – London

Zu meiner Freude sind wir nicht abgestürzt. Die britischen Flughafenangestellten hießen mich mit einem herzlichen „Passport (please)“ willkommen und ich habe nach nur einer Viertelstunde den Bus gefunden, der nach London fahren sollte. Diesmal gab es zum Glück keine Dreiersitze, doch ich ahnte ja nicht, dass ich mir das Geschwisterliebespaar noch herbei sehnen würde. Neben mich setze sich eine, rassige, kurvenreiche Spanierin, um beschönigend zu arbeiten. Das könnte man zumindest im weitesten Sinne über eine weibliche Person mittleren Alters, mit einem schwarz-roten Wickelkleid, dass ihre etwas opulenteren Fettpölsterchen erfolglos zu verbergen versuchte, sagen. Ihr Damenbart bildete einen interessanten Kontrast zu dem signalroten Lippenstift, den goldfarbenden Billigklunkern und dem äußerst durchsetzungsfähigen Parfum, das selbst für Angestellte und Besucher eines Billignachtclubs kaum zu ertragen gewesen wäre.  Gelangweilt redete sie in ihr ebenfalls goldfarbenes, mit Glitzersteinchen besetzes Mobiltelefon mit einer Stimme, bei der mir unweigerlich der Gedanke an Räuber Hotzenplotz kam.  Ich fühlte mich wie in einer Transvestiten-Show.  Doch auch nach dieser Sitznachbarin sollte ich mich einige Stunden später zurücksehnen.

In London hatte ich noch ein wenig Zeit für einen Spaziergang, bevor ich mich in der Victoria Station einfand und auf den Bus nach Cardiff wartete.

Als er auch 10 min nach Abfahrtstermin nicht eintraf wurde ich, möglicherweise durch den Einfluss meines Herkunftlandes,  ein wenig unruhig.  Auch das Erscheinungsbild originaler britstyle Jungendlicher, das ich zu gern fotografisch festgehalten und auf Leinwandformat gebracht hätte, konnte mich nicht ablenken. An meinem Orientierungssinn zweifelnd, fragte ich eine der Wartenden, ob ich mich an der richtigen Stelle befände. Sie versicherte mir, dass Verspätungen bei diesem Busunternehmen zur  Geschäftsphilosophie gehörten und so blieb mir fast noch eine Stunde Zeit, um schüchtern meine Englischkenntnisse in der Realitätzu erproben und der symphatischen Waliserin zuzuhören, wie sie sich über ihre englischen Nachbarn ausließ.

London – Cardiff

Dann kam endlich der ersehnte Bus. Irgendwie traute sich niemand so recht, sich neben mich zu setzen. Anfangs irritierte es mich, doch ich hätte damit zufrieden sein sollen.

Denn als fast alle Sitze belegt waren, betraten eine ältere Dame und ihre zwei Söhne aus den Vereinigten Arabischen Emiraten den Bus.  Die Frau und einer der Männer setzten sich auf die zu meinem Platz parallele Sitzbank, der andere Mann direkt neben mich.

Sogleich stellte er sich als Shaan vor und begann, sich mit mir zu unterhalten. Er war sehr freundlich, doch wurde er mit jeder Minute zudringlicher. Was mit harmlosen Smalltalk begann, entwickelte sich zu einer Verlobung.  Und wenn ich Verlobung sage, dann übertreibe ich gewiss nicht. Dass ich einen Freund besuchen wollte, interessierte ihn nicht wirklich. In seiner Vorstellung sah er uns wahrscheinlich schon romantisch auf einem Kamel durch walisische Gärten reiten. Er zwang mir nicht nur seine Handynummer und seine körperliche Nähe, sondern auch einen Ring auf. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob es die vielleicht mal im Zehnerpack bei Tesco gab, oder ob ich seitdem in Besitz eines urarabischen Erbstücks bin.

Irgendwann war meine Verzweiflung so groß, dass ich mich einfach tot stellte. Ich hätte es in dieser Situation unglaubwürdig empfunden vorher meinen mp3-player einzuschalten und so fristete ich eine halbe Ewigkeit ein menschenunwürdiges Dasein auf einem blau-gelben Sitz. Shaan schien der Gedanke an eine hilflose, (vermeindlich) schlafende Frau neben sich irgendwie zu beflügeln und er ging noch mehr aus sich heraus. Er quetschte mich mit seiner Körperfülle gänzlich an die Scheibe des Busses, legte unverfroren eine Hand auf meinen Bauch und lehnte seinen Kopf an meine Schulter. Ich wäre gerne aufgestanden und aufgrund der Gedanken die mir dabei in den Kopf kamen, brechen gegangen, aber der Ekel paralysierte mich zu sehr.

Der Busfahrer meinte es gut mit den Passagieren und drehte an diesem kalten Herbsttag die Heizung des Busses wohl auf die Höchsttemperatur. Später bemerkte ich, dass die Sohle meines rechten Schuhs, der sich unglücklicherweise direkt auf der Heizung befand, der Hitze nicht standhielt und einfach abgeschmolzen war. Mein Sitznachbar aus Tausend und einer Nacht schien funktionierende und sehr aktive Schweißdrüsen zu haben. Wie schön für ihn. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, da können sich Bundeswehrfolterer noch einiges abgucken. Ich legte ihm nahe, dass er sich momentan nicht auf einer von seinem Stammbordell veranstalteten Fahrt befände. Und dass er, wenn er so weiter machte, dieses auch nie wieder besuchen könne. Das fand er wahrscheinlich lustig und sagte, ich wäre nur schüchtern, weil wir beide nicht die selbe Sprache sprechen würden.

Kurzzeitig verspürte ich den Drang, ihm den Arm auszukugeln, meinen Kugelschreiber in seinen Oberschenkel zu rammen und ihm meinen letzten Proviant – ein geschmolzener Kinder Pingui – in die Nase zu schmieren. Zu meinem Bedauern erinnerte ich mich kurze Zeit später an die Erziehung, die ich genossen habe. Und was hätte es schon gebracht? Wahrscheinlich hätte Prinz Stalking das noch als sexuelle Provokation gesehen, als  interessantes Paarungsverhalten der Deutschen abgetan und sich leidenschaftlich auf mich gestürzt. Zum Glück blieb mir wenigstens das erspart.

Wie ich so vier Stunden versuchte,  an etwas positives zu denken, das mich davon abhalten würde, mich auf der Stelle mit meinem Schal oder meinem Kopfhörerkabel zu strangulieren, merkte ich gar nicht, dass wir Cardiff schon erreicht haben.  Fast hätte ich den Ausstieg verpasst. Das lag zum größten Teil daran, dass ich immer noch an die Fensterscheibe gequetscht vor mich hin vegetierte.  Ein netter Herr hinter uns, der die Fleischmasse neben mir versuchte ab und zu in Schach zu halten, verhalf mir jedoch noch zu meiner glücklichen Flucht. Ich stolperte aus dem Bus heraus und sah  (immernoch ein bißchen verstört) in die großen Kulleraugen meines Gastgebers.

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