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Posts Tagged ‘Lebensvorstellungen’

Ich wollte es einmal den genügsamen Menschen nachtun, die auch mit wenig glücklich sind, die ihre innere Zufriedenheit mit einem Blick aus dem Fenster erreichen. Beobachtend. Scharf. Hinterfragend. Erbarmungslos urteilend. Nichts Besseres zu tun habend.

***

Momentan bin ich mit meinem Job wenig eingespannt, da sich die Ankunft der neuen Gruppen ein wenig verzögert. Dennoch habe ich mir jeden Tag mit genügend Beschäftigung ausgefüllt und mir noch eine ehrenamtlichen Nebenbeschäftigung (während eines EVS darf man nämlich keine bezahlten Nebenjobs haben) bei der Gemeinde besorgt. Für die ganzen deutschen Autotester, Touristen und Auswanderer schreibe ich jetzt wöchentlich die Lokalnachrichten Arvidsjaurs auf Deutsch. Für diese zusätzliche Arbeit bin ich gerade sehr dankbar, denn seit einiger Zeit bemerke ich, wie sich die üblichen Sorgen um die Zukunft langsam den Weg aus einer abgeschlossenen Kiste im Keller meines Bewusstseins durchs Schlüsselloch, die Treppen hinauf und direkt ins Wohnzimmer hinein bahnen.

In einem 5000-Einwohnerkaff kann Nachdenken schnell mal in Grübeleien ausarten, wenn man sonst nichts zu tun hat. Und – mit Verlaub. Ich habe sonst nichts zu tun – und vor allem niemanden recht vor Ort, der mich gerade vom Grübeln abhalten könnte.

Das völlig irrationale, weitgehend realitätsferne, sich verselbstständigende Kopfkino, das dann startet, lässt sich – erstmal in Gang – kaum aufhalten.

Wer weiß, was passiert, wenn du wieder in Deutschland bist, dachte ich mir. Nicht, dass du dann erstmal arbeitslos zuhause herumlungern musst, nicht weißt, was du mit der ganzen Zeit anfangen sollst und dann irgendwann an einem Punkt bist, an dem du mit den gut gelaunten, biertrinkenden Leutchen vor den Lebensmitteldiscountern anbändelst.  Darauf muss ich vorbereitet sein.

Und möglicherweise, dachte ich, stellt sich dann irgendwann solch eine innere Ruhe ein bei der täglichen Fenstermeditation, sodass ich das Leben nehmen kann, wie es kommt und auch mit einem 1-Euro-Job als Wachfrau oder an der Kasse beil Lidl glücklich werde.

Sich seiner Zukunft stellen, heißt die Devise. Meinem vermeidlichen Schicksal ergeben, starrte ich also aus dem Fenster.

Ich sah die Schneeflocken tanzen. Munter und zahlreich. Sie sahen aus wie Federn. Millionen kleiner, flauschiger Federn. Huch, da scheint mir der neue Praktikant bei Frau Holle recht eifrig und motiviert zu sein. Knapp ein Meter hoher Schnee. Dafür muss man schon ein paar Betten schütteln. Ob das gut bezahlt wird?

Ich versuchte mich aus meinen tagträumenden Abschweifungen zu befreien und mich wieder der Realität zu widmen. Den Fenstern der gegenüberliegenden Häuserwand. Zwar fühlte ich mich nicht authentisch genug ohne Kittelschürze und Kippe, aber ich bin ja auch erst ein Anfänger und muss da erstmal reinwachsen.

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Nach weniger als fünf Minuten war ich ziemlich gelangweilt davon. Es wollte nicht recht etwas passieren. Ich habe mich nicht genügend davon unterhalten gefühlt, einer Dame beim Kochen zu zusehen und auch nicht davon, den T-Shirt-Wechsel eines bebauchten Herren zu verfolgen. Wie können das Leute mehrere Stunden am Stück aushalten? Vielleicht lag es daran, dass ich keine Falschparker aufschreiben konnte, das interessiert hier keinen. Auch sonst ließen sich keine Verbrechen beobachten. Es wurde ja nicht mal jemand geschubst.

Und das soll jetzt alles sein?

Ich habe meine eigene Passivität, Angst und Zukunftsdemut überschätzt. Oder meine Selbstachtung ist zu groß. Ich will das nicht, bin nicht dafür geschaffen, dem Gras beim Wachsen zuzusehen – oder in Ermangelung der Sichtbarkeit diesens, den Fingernägeln der Leute in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite.

Bei einem letzten Blick aufs Nachbargebäude fällt mir jetzt auf, wie ein fleißiger Arbeiter die Unmengen von Schnee, die sich mittlerweile auch auf den Dächern angesammelt haben (also jetzt nicht von den paar tanzenden Schneeflöckchen der letzten fünf Minuten, das war vorher schon ganz schön viel), herunterfegt um unschuldige Passanten den Erschlagungstod durch herunterfallende Schneemassen zu ersparen.

Gott, dachte ich mir. Bei den ganzen Omis (und mir), die ihn gerade anstarren, muss der Mann sich wohl fühlen, wie der Typ aus der Coca-Cola-Light-Werbung.

Ein wenig genierte ich mich dafür, dass ich mich infolge eines durchgeknallten Konstrukts meines fatalistischen Denkzentrums für den Moment so gehen, sogar fast klein kriegen lassen habe.

Nicht ganz unschuldig an meinem kleinen Anfall von futuraler Verzweiflung war wohl auch eine sicherlich als Witz gemeinte, ziemlich verunglückte Bemerkung meines Chefs am gestrigen Tag. Wir sollten die Unterkünfte der bald eintreffenden Gruppen von Jugendlichen herrichten und ein wenig säubern. Das ist normalerweise nicht unsere Aufgabe. Also sagte er mit seinem spitzbübischen Charme, dass er uns auch gerne ein Zertifikat über unsere beeindruckenden Reinigungsfähigkeiten für zukünftige deutsche, anspruchsvolle Arbeitgeber ausstellen kann.

Autsch. Den in mir aufflammenden Bedürfnissen habe ich nicht nachgegeben, hatten sie doch alle etwas mit aktiver oder passiver Körperverletzung zu tun. Und ich bin ja ein Menschenfreund. Und weitesgehend gesetzestreu.

Diese Situation noch einmal durchspielend, beobachte ich weiter den in 15m Höhe Schnee fegenden Mann. Inzwischen hat es aufgehört zu schneien. Etwas weiter weg erkennt man schon ein wenig Blau, das die Wolken durchbricht. Ich brauche frische Luft, ehe ich bald Gefallen daran finde, jemanden aus der Ferne dabei zuusehen, wie er seine Briefmarkensammlung neu sortiert.

Also schnappe ich mir meine äußerst stylische Schneehäschenkluft und meine Kamera. Wen kümmern die -20°C draußen? Das strafft die Haut.

Ein-, zweimal tief durchgeatmet, habe ich mich aus der psychischen Hyperventilation befreit und alle Ängste erschienen mir auf einmal viel kleiner, potenzielle Probleme nicht mehr unüberwindbar. Die klare, kalte Luft hatte etwas ungemein belebendes. Fast so, als würde meine Vernunft meinem Unterbewusstsein, dass SO GERNE die Apokalypse heraufbeschwört und das auch einfach macht, wenn die anderen in meinem Kopf nicht aufpassen, links und rechts eine Ohrfeige verpassen und sagen:

So, und was ist jetzt so aussichtslos an deiner Zukunft? Nischt. Richtig. Reiß dich mal am Schlüpfer, Fräulein.

Und das tat ich dann auch.

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Ja, was eigentlich?

Das frage ich mich manchmal wirklich.

Da hat man sich märtyrerhaft durchgerungen, die äußerst lukrative Fruchtwasser-Poolparty zu verlassen, aus Muttis Bauch zu flutschen und sich die Welt mal unverbindlich anzugucken, wird man schon von grellem Licht, dem Geruch von Desinfektionsmitteln und einer nicht gerade zimperlichen Hebamme erwartet.

Blöd nur, dass natürlich niemand fragt, ob man wieder zurück möchte. Der erste Schrei des Entsetzens wird als nicht ganz stille Zustimmung gewertet,  die Nabelschnur wird einfach zertrennt und da haben wir die Bescherung.

Also findet man sich in seinem kleinkindlichen Pragmatismus mit der Situation ab und versucht das Beste draus zu machen.

Am Anfang war der Idealismus

Schwupsdiwups sind die ersten 10 Jahre vergangen und man denkt sich so… cool… dann werd ich mal GENASIUM um dann später einen Weg zu finden, den Hunger in der Welt zu besiegen und Kriegsmunition in Marshmallows zu verwandeln. Dafür gibt‘s dann natürlich auch in Stockholm mit den Jahren eine angemessene Ehrung und man könnt so zu sich sagen… Joahr, das war jetzt an sich nicht ungut, was du da so gemacht hast.

Lehrer finden diesen Idealismus wahrscheinlich niedlich und denken sich kurz vorm Burn Out, hach ja… so war ich früher auch mal. Nachsichtig widerstehen sie dem Drang, uns an ihren Lebensweisheiten teilhaben zu lassen und freuen sich stattdessen auf ein Altschülertreffen, auf dem sie zu desillusionierten Menschlein sagen können: Schön, dass du es allein rausgefunden hast.

Realität kann verunsichern

Aber erst einmal fängt man an zu studieren und tauscht erwartungsschwanger seine frisch eroberte Freiheit leichtfertig gegen ein Bachelor-Studium ein.

Schnell wird klar, dass Bachelor-Studiengänge per se etwas Körperverletzendes an sich haben, der Begriff „Semesterferien“ ein Überbleibsel der Hippies ist und sich heute eigentlich zeitlich niemand mehr Alkohol und Drogen leisten kann. Es sei denn, er studiert etwas „Richtiges“, womit man auch einen Job bekommen kann… wie Maschinenbau oder Informatik. Zukünftige Taxifahrer, Teppichreinigungsmittelvertreter und Taschendiebe hingegen sollten sich glücklich schätzen, wenn man ihnen in einem unbezahlten Praktikum das Recht auf Schlaf zugesteht. Mehr aber auch nicht.

Bearbeitete Bildvorlage entnommen aus: http://www.v-baron.de/Schule/03_04/12_MA_LK/Stasi_Projekt/Gruppe_4/Gruppe_4.htm, letzter Zugriff am 17.10.2010

Eigentlich auch gar nicht so schlecht. So hat man viel weniger Zeit, sich mit sich und der Realität auseinandersetzen zu müssen. Nur ab und zu erinnert ein eingebildetes Magengeschwür daran, dass das vielleicht doch nicht alles so gesund ist. Aber wie heißt es so schön? Wer rastet, der rostet. Und schließlich kriegen die anderen Studenten, mit denen man sich dann nach ergattertem Bachelor-Abschluss um die Stelle als Aushilfe bei Diska an der Kasse kloppt, das auch hin.

Das Gute sehen muss nicht immer gut sein

Nun ist es ja aber so, dass sich in dieser Arbeitsumgebung schlecht die Welt retten lässt.  Ein hübscher Schreibtisch aus Massivholz und eine trantütige Sekretärin sind da sicher um einiges inspirierender als eine Konstruktion aus Karton im Teil des Lagers, der noch nicht mit elektrischer Energie versorgt ist, aber dafür eine gute Möglichkeit eines illegalen Nebenverdienstes durch Vermietung an die russische Mafia bietet.

Ein falscher Schritt und die Wunschzukunft als CSU-Ministergattin ist dahin

Und jeder weiß: Hat man erst einmal mit der Mafia angebändelt, gibt es kein Zurück.

Es fängt harmlos mit der einfachen Tätigkeit als illegaler Vermieter an. Irgendwann muss man wahrscheinlich mal ein etwas unförmiges Päckchen zur Post bringen, bei dem sich dann später herausstellt, dass es die linke Hand von Herbert K. enthält, der sich weigerte, weiterhin seine Immobilien für den Anbau von Marihuana zur Verfügung zur stellen. Man selbst hat noch naiv an das Gute im Menschen geglaubt, und gedacht, dass es sicher schlecht verpackte edle Obsttropfen für irgendeine nette, schnapsdrosselige Omi sind. Und ehe man sich versieht, entführt man keifige Ehefrauen und verkloppt aus Einschüchterungszwecken den Rentner aus dem Nachbarhaus, der alles beobachtet hat.

So siecht sie dahin. Die Unschuld.

Heute noch Jahrgangsbester, ehrenamtlicher Helfer im Altersheim und Demonstrant für den Weltfrieden. Morgen mittendrin im Sumpf des Verbrechens.

Und da kommt man ja so schnell auch nicht wieder raus. Da muss man dann erst wieder einen Deal mit der Drogenfahndung eingehen, sich danach das Gesicht operieren lassen und im Gefängnis neu Fuß fassen. In der Mal- und Bastel-AG kann man dann all die bösen Sachen, die man erlebt hat, in Kunst umwandeln und auf einer Wohltätigkeitsauktion der übersättigten Bourgeoisie als hübsche Geschenkidee vor die blankpolierten Schuhe werfen.

Der Preis des zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Seins

Dass so eine Karriere und die Ausflucht aus selbiger mehrere Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, sollte hierbei jedem klar sein.

Solange muss dann die Hoffnung auf eine bessere Welt in die Röhre gucken. Dahin die Hoffnung auf bahnbrechende Errungenschaften unserer Generation, wie eine Negierung des Klimawandels, ein stabiler Frieden zwischen Israel und Palästina, eine weltweite Einhaltung der Menschenrechte oder die Entwicklung eines Nagellacks, der nicht nach einem halben Jahr nur noch klumpiges Ekelzeug ist.

Und die Lösung für das Gegenwarts-Zukunfts-Stress-Panik-Problem-Dingends?

Wir wollen hier ja wirklich etwas bewegen. So in echt und für alle. Leider lässt sich sowas relativ schwierig mit Depressionen, Jobs auf 400-Euro-Basis oder einer Knastvergangenheit gestalten. Wir müssten also irgendwie den Absprung schaffen. Nur wie?

Vielleicht ja, indem wir etwas mehr auf uns selbst als an die Anforderungen an uns achten, das Leben, das sonst so zwischen Hausarbeiten und Bewerbungen ein bisschen an uns vorbeirauscht, wieder bewusster wahrnehmen und genießen, einen Bogen um zwielichtige Nebenverdienste machen und uns vielleicht noch einen Plan B überlegen, falls es nicht klappt mit der Wunschzukunft. Vielleicht in Anbetracht des Demografischen Wandels eine Ausbildung als Bestatter. Oder eine eigene Currywurst-Bude auf den Seychellen.

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