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Posts Tagged ‘Zukunft’

Ich wollte es einmal den genügsamen Menschen nachtun, die auch mit wenig glücklich sind, die ihre innere Zufriedenheit mit einem Blick aus dem Fenster erreichen. Beobachtend. Scharf. Hinterfragend. Erbarmungslos urteilend. Nichts Besseres zu tun habend.

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Momentan bin ich mit meinem Job wenig eingespannt, da sich die Ankunft der neuen Gruppen ein wenig verzögert. Dennoch habe ich mir jeden Tag mit genügend Beschäftigung ausgefüllt und mir noch eine ehrenamtlichen Nebenbeschäftigung (während eines EVS darf man nämlich keine bezahlten Nebenjobs haben) bei der Gemeinde besorgt. Für die ganzen deutschen Autotester, Touristen und Auswanderer schreibe ich jetzt wöchentlich die Lokalnachrichten Arvidsjaurs auf Deutsch. Für diese zusätzliche Arbeit bin ich gerade sehr dankbar, denn seit einiger Zeit bemerke ich, wie sich die üblichen Sorgen um die Zukunft langsam den Weg aus einer abgeschlossenen Kiste im Keller meines Bewusstseins durchs Schlüsselloch, die Treppen hinauf und direkt ins Wohnzimmer hinein bahnen.

In einem 5000-Einwohnerkaff kann Nachdenken schnell mal in Grübeleien ausarten, wenn man sonst nichts zu tun hat. Und – mit Verlaub. Ich habe sonst nichts zu tun – und vor allem niemanden recht vor Ort, der mich gerade vom Grübeln abhalten könnte.

Das völlig irrationale, weitgehend realitätsferne, sich verselbstständigende Kopfkino, das dann startet, lässt sich – erstmal in Gang – kaum aufhalten.

Wer weiß, was passiert, wenn du wieder in Deutschland bist, dachte ich mir. Nicht, dass du dann erstmal arbeitslos zuhause herumlungern musst, nicht weißt, was du mit der ganzen Zeit anfangen sollst und dann irgendwann an einem Punkt bist, an dem du mit den gut gelaunten, biertrinkenden Leutchen vor den Lebensmitteldiscountern anbändelst.  Darauf muss ich vorbereitet sein.

Und möglicherweise, dachte ich, stellt sich dann irgendwann solch eine innere Ruhe ein bei der täglichen Fenstermeditation, sodass ich das Leben nehmen kann, wie es kommt und auch mit einem 1-Euro-Job als Wachfrau oder an der Kasse beil Lidl glücklich werde.

Sich seiner Zukunft stellen, heißt die Devise. Meinem vermeidlichen Schicksal ergeben, starrte ich also aus dem Fenster.

Ich sah die Schneeflocken tanzen. Munter und zahlreich. Sie sahen aus wie Federn. Millionen kleiner, flauschiger Federn. Huch, da scheint mir der neue Praktikant bei Frau Holle recht eifrig und motiviert zu sein. Knapp ein Meter hoher Schnee. Dafür muss man schon ein paar Betten schütteln. Ob das gut bezahlt wird?

Ich versuchte mich aus meinen tagträumenden Abschweifungen zu befreien und mich wieder der Realität zu widmen. Den Fenstern der gegenüberliegenden Häuserwand. Zwar fühlte ich mich nicht authentisch genug ohne Kittelschürze und Kippe, aber ich bin ja auch erst ein Anfänger und muss da erstmal reinwachsen.

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Nach weniger als fünf Minuten war ich ziemlich gelangweilt davon. Es wollte nicht recht etwas passieren. Ich habe mich nicht genügend davon unterhalten gefühlt, einer Dame beim Kochen zu zusehen und auch nicht davon, den T-Shirt-Wechsel eines bebauchten Herren zu verfolgen. Wie können das Leute mehrere Stunden am Stück aushalten? Vielleicht lag es daran, dass ich keine Falschparker aufschreiben konnte, das interessiert hier keinen. Auch sonst ließen sich keine Verbrechen beobachten. Es wurde ja nicht mal jemand geschubst.

Und das soll jetzt alles sein?

Ich habe meine eigene Passivität, Angst und Zukunftsdemut überschätzt. Oder meine Selbstachtung ist zu groß. Ich will das nicht, bin nicht dafür geschaffen, dem Gras beim Wachsen zuzusehen – oder in Ermangelung der Sichtbarkeit diesens, den Fingernägeln der Leute in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite.

Bei einem letzten Blick aufs Nachbargebäude fällt mir jetzt auf, wie ein fleißiger Arbeiter die Unmengen von Schnee, die sich mittlerweile auch auf den Dächern angesammelt haben (also jetzt nicht von den paar tanzenden Schneeflöckchen der letzten fünf Minuten, das war vorher schon ganz schön viel), herunterfegt um unschuldige Passanten den Erschlagungstod durch herunterfallende Schneemassen zu ersparen.

Gott, dachte ich mir. Bei den ganzen Omis (und mir), die ihn gerade anstarren, muss der Mann sich wohl fühlen, wie der Typ aus der Coca-Cola-Light-Werbung.

Ein wenig genierte ich mich dafür, dass ich mich infolge eines durchgeknallten Konstrukts meines fatalistischen Denkzentrums für den Moment so gehen, sogar fast klein kriegen lassen habe.

Nicht ganz unschuldig an meinem kleinen Anfall von futuraler Verzweiflung war wohl auch eine sicherlich als Witz gemeinte, ziemlich verunglückte Bemerkung meines Chefs am gestrigen Tag. Wir sollten die Unterkünfte der bald eintreffenden Gruppen von Jugendlichen herrichten und ein wenig säubern. Das ist normalerweise nicht unsere Aufgabe. Also sagte er mit seinem spitzbübischen Charme, dass er uns auch gerne ein Zertifikat über unsere beeindruckenden Reinigungsfähigkeiten für zukünftige deutsche, anspruchsvolle Arbeitgeber ausstellen kann.

Autsch. Den in mir aufflammenden Bedürfnissen habe ich nicht nachgegeben, hatten sie doch alle etwas mit aktiver oder passiver Körperverletzung zu tun. Und ich bin ja ein Menschenfreund. Und weitesgehend gesetzestreu.

Diese Situation noch einmal durchspielend, beobachte ich weiter den in 15m Höhe Schnee fegenden Mann. Inzwischen hat es aufgehört zu schneien. Etwas weiter weg erkennt man schon ein wenig Blau, das die Wolken durchbricht. Ich brauche frische Luft, ehe ich bald Gefallen daran finde, jemanden aus der Ferne dabei zuusehen, wie er seine Briefmarkensammlung neu sortiert.

Also schnappe ich mir meine äußerst stylische Schneehäschenkluft und meine Kamera. Wen kümmern die -20°C draußen? Das strafft die Haut.

Ein-, zweimal tief durchgeatmet, habe ich mich aus der psychischen Hyperventilation befreit und alle Ängste erschienen mir auf einmal viel kleiner, potenzielle Probleme nicht mehr unüberwindbar. Die klare, kalte Luft hatte etwas ungemein belebendes. Fast so, als würde meine Vernunft meinem Unterbewusstsein, dass SO GERNE die Apokalypse heraufbeschwört und das auch einfach macht, wenn die anderen in meinem Kopf nicht aufpassen, links und rechts eine Ohrfeige verpassen und sagen:

So, und was ist jetzt so aussichtslos an deiner Zukunft? Nischt. Richtig. Reiß dich mal am Schlüpfer, Fräulein.

Und das tat ich dann auch.

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